Juni an der Westküste


Michael Kumpfmüllers Roman „Tage mit Ora“

"Ich war Anfang fünfzig, als sie in mein Leben lief, und man sah mir an allen Ecken und Enden an, dass ich Anfang fünfzig war“, resümiert der Ich-Erzähler in Michael Kumpfmüllers neuem Roman. Der 57-jährige Erfolgsautor, der erst mit fast vierzig Jahren seinen von der FAZ damals vorab gedruckten Romanerstling „Hampels Fluchten“ vorgelegt hatte und uns in „Die Heimlichkeit des Lebens“ (2011) an seiner Kafka-Annäherung teilhaben ließ, stellte zuletzt 2016 den wankelmütigen Musikwissenschaftler Georg, der sich mit Schostakowitschs Streichquartette beschäftigt, ins Zentrum seines Romans „Die Erziehung des Mannes“.

Und nun ist ein leidlich erfolgreicher Sachbuchautor der Protagonist. Der Ich-Erzähler begegnet auf einer Hochzeit der rund zehn Jahre jüngeren Ora, die das Brautkleid entworfen und geschneidert hatte.Das Paar, auf unterschiedliche Weise vom bisherigen Leben arg gezeichnet, bricht aus und reist mit einem Mietwagen die amerikanische Westküste entlang – von Seattle bis San Diego, inspiriert vom seichten Popsong „June on the West Coast". Das Autoradio dröhnt unaufhörlich, und die Songs der Gruppe „Bright Eyes“, in denen Orte wie Winnetka, Mesa oder Olympia besungen werden, vermitteln nicht nur ein Gefühl der Freiheit und Lebensfreude, sondern geben auch die Route vor.

Michael Kumpfmüller bemüht sich um einen leichten, man ist geneigt zu sagen, einen melodiösen Tonfall. Der passt auch treffend zu lockerer Aussteigerprosa mit idyllischen Naturbeschreibungen. Ja, auch die Bucht, in der Hitchcocks „Vögel“ gedreht wurde, besucht das Paar. Je weiter man allerdings in diesen Roman eindringt, umso mehr geraten die seichten Popsongs und das „frische“ Glück des Paars in den Hintergrund. Kumpfmüller erzählt in 13 Kapiteln von 13 Tagen an 13 verschiedenen Orten. Das schreit förmlich nach Unglück.
Tatsächlich erhält die anfangs glatte Oberfläche kräftige Dellen. Sowohl der Ich-Erzähler als auch Ora befanden sich vor Reiseantritt in psychologischer Behandlung und haben sich kennen gelernt, weil sie die gleichen Psychopharmaka einnehmen - harte Antidepressiva.
Für diese „Beschädigungen“ findet Kumpfmüller allerdings keinen adäquaten Tonfall. Die handfesten psychischen Probleme werden ziemlich lapidar abgehandelt, die „Lust“ des Erzählers, in einen Abgrund springen zu wollen oder Oras Begegnungen mit dämonischen Chimären kommen (trotz ihrer Bedeutung für die Figuren) im Gesamtkonstrukt nicht über einen marginalen Status hinaus.

Therapeutin aus dem "Off"
Probleme bei der Lektüre resultieren auch aus Kumpfmüllers leicht diffuser Erzählhaltung. Mit wem spricht sein Protagonist? Vielleicht mit seiner Therapeutin, die häufig und völlig durch intellektualisiert aus dem Hintergrund raunt. Sie will ihn durch Nein-Sagen therapieren, er übt sich jedoch als permanenter „Ja-Sager“. „Sie ist nicht gut für dich, ich bin für dich gut; du darfst mit dieser Frau nicht reisen, reise lieber weiter mit mir“, mischt sich die Therapeutin aus dem „Handlungs-Off“ deutlich vernehmbar (mit latenter Eifersucht?) ein.
Was anfänglich so windschnittig als unterhaltsame Aussteigerreise an der US-Küste daher kam, verliert sich mehr und mehr in bedeutungsschwangeren Andeutungen. Lynn hieß die Frau, die den Ich-Erzähler einst verlassen hat. Lynn hießen auch die Frau in Max Frischs „Montauk“ und in Kumpfmüllers Vorgängerroman „Nachricht an alle“ (2008).
Lynn steht für das Gestrige, für das Vergangene, für das Negative, für Verletzungen und Wunden. Ora ist das Hier und Jetzt, das Lachen, die Freude über das vielleicht nur kurze Glück, das man aber umso mehr auskosten möchte, wenn man sich biologisch in der zweiten Lebenshälfte befindet. „Ora“ (nomen est omen) wird geradezu angebetet. Wahrscheinlich sogar als Verbündete gegen die gemeinsame Krankheit!
Der Leser bleibt nach der Lektüre mit völlig disparaten Gefühlen zurück. Hat man ein Roadmovie, eine Liebesgeschichte, einen Therapiereport, eine selbstreflektorische Midlifecrisis-Beichte oder einen Reiseroman gelesen? Wirkliche Empathie kann dieser Roman, der seltsam unentschlossen zwischen leichter Popmusik und schweren psychischen Krisen changiert, nicht entfachen. Am meisten irritiert allerdings Kumpfmüllers Sprache. Bei einer Fahrt durch die Wüste „breitete sich ein Gefühl fassungsloser Frömmigkeit in mir aus. Hier mussten die allermächtigsten Götter am Werk gewesen sein.“ Das liest man selbst einigermaßen fassungslos, und ein wenig göttlichen Beistand hätte man dem Autor auch gewünscht.

Michael Kumpfmüller: Tage mit Ora. Roman. Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2018, 179 Seiten, 19 Euro

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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