Manuel Vilas' vorzüglicher Roman „Die Reise nach Ordesa“
Tief in der spanischen Seele

Gleich vorweg: Den Namen Manuel Vilas sollten wir uns merken. Der 58-jährige, aus dem Aragon stammende Autor hat viele Jahre als Lehrer gearbeitet und war bisher lediglich als Lyriker in Erscheinung getreten. Sein 2018 erschienener Romanerstling, der aus 157 lose miteinander verbundenen Kapiteln besteht, hat es in Spanien im ersten Jahr auf rund 150 000 verkaufte Exemplare gebracht. Ein gleichermaßen trauriges wie lebensfrohes Buch, das einen ganz tiefen Einblick in die spanische Seele gewährt.

Im Mittelpunkt steht ein Ich-Erzähler, der als Kind vom Seat 600 fasziniert war und der sich nach dem Studium als Schriftsteller mehr schlecht als recht durchs Leben lavierte. Obwohl viele Fakten der Vita des Autors entlehnt sind, haben wir es mit keiner linearen autobiografischen Erzählung zu tun.
Vilas Roman ähnelt einem Puzzle. Bilder aus der Kindheit des Protagonisten und aus der Gegenwart werden mit leichter Hand aneinander gefügt. Die Mutter schwärmte für Julio Iglesias; der Vater, der als Handelsvertreter für Stoffe durch Nordspanien reiste, pflegte ein Faible für adrette Kleidung und wirkte immer ein wenig „overstyled“.
Höhepunkte im Rückblick auf die Kindheit während der Franco-Diktatur waren für die Hauptfigur die Ausflüge nach Ordesa – ein heute zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörender Pyrenäen-Nationalpark rund um den Monte Perdido, den verlorenen Berg. Im Gegensatz zum ständig grübelnden und zum Pessimismus neigenden Protagonisten versprühen die Eltern trotz ihrer permanenten materiellen Nöte stets eine gehörige Portion Lebensfreude.
Diese assoziative Familiengeschichte um den wackeren Handelsvertreter hat durchaus exemplarischen Charakter. Vilas' soziologische Prosa kreist um gesellschaftlichen Aufstieg und reflektiert auf behutsame Weise, wie Sozialisation funktioniert, wenn man irgendwo zwischen den Klassen aufwächst, wenn sich zudem ein Land im Umbruch befindet: von der Franco-Diktatur zur Demokratie.
Es sind nicht die Figuren, die in dieser Prosa hervor stechen, sondern die messerscharfen Momentaufnahmen in einer von Astrid Roth hervorragend übersetzten, lyrisch-narrativen Sprache. In einer dieser brillanten Sequenzen besucht der geschiedene Ich-Erzähler mit seinen Söhnen Ordesa und schafft es nicht, ihnen verständlich zu erklären, was ihn einst an diesem Ort so faszinierte. Unerklärbare Dinge scheinen sich wie ein bleierner Nebel über die Generationen zu legen: „Das größte Geheimnis eines Mannes ist das Leben jenes anderen Mannes, der ihn in die Welt gebracht hat."
Am Ende ist man sich nicht wirklich sicher, ob sich der Protagonist mit seinen Eltern ausgesöhnt oder vielleicht doch nur arrangiert hat. Zweifel werden auch noch im letzten Satz gestreut, in dem von einem Land die Rede ist, „das erhabene, historische Nichts, in dem Papa, du und ich lebten.“ Lachen und weinen, Freude und Trauer marschieren hier Seite an Seite.
Manuel Vilas ist ganz tief in die Seele seiner Landsleute eingedrungen und hat mit größter Präzision deren Lebensgefühl getroffen. Ein Buch, das uns bei der Lektüre durch das vielzitierte „Wechselbad der Gefühle“ jagt. Wirklich arm sind in Spanien primär die Menschen, die ihre Lebensfreude verloren haben.

Manuel Vilas: Die Reise nach Ordesa. Roman. Aus dem Spanischen von Astrid Roth. Berlin Verlag, München 2020, 409 Seiten,24 Euro

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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