Martin Walsers Erzählung „Mädchenleben“ (erscheint am 19. November)
Vertreibung ins Paradies

„Ich war ergriffen. Ich war bereit, für verrückt gehalten zu werden. Das heißt, ich war zu allem bereit. Vater Zürn beendete dieses Gespräch so. Kein Wort darüber zu Sirte.“ Mit diesen knappen Worten lässt sich das „Mädchenleben“ auf den Punkt bringen. Ich-Erzähler Anton Schweiger und Ludwig Zürn sind von dem Gedanken besessen, Zürns Tochter Sirte heilig sprechen zu lassen.

Er schreibt und schreibt. Jedes Jahr legt Martin Walser ein neues Buch vor. Ein Leben ohne Schreiben scheint für den Altmeister der deutschen Literatur undenkbar zu sein. Bewundernswert ist diese anscheinend unerschöpfliche dichterische Kraft des fast 93-jährigen Schriftstellers vom Bodensee. Anders als in seinen letzten aphoristisch-monologischen Bänden "Spätdienst" (2018), "Gar alles" (2018) und "Der letzte Rank" (2017) haben wir es jetzt wieder mit einer Rahmenhandlung zu tun. „Mädchenleben“ erinnert ein wenig an Walsers Roman "Die Inszenierung" (2013), der um den alternden Theaterregisseur Augustus Baum kreiste, der sich auf dem Krankenbett in die blutjunge Nachtschwester Ute-Marie verliebt hatte.

Wunderkind und Hexe

Der Lehrer Anton Schweiger lebt als Untermieter bei den Zürns und bekundet, „dass ich nach diesem Mädchen eine Sehnsucht habe wie nach nichts sonst.“ Er behauptet in eine geradezu existenzielle Abhängigkeit geraten zu sein. Seine Gedanken kreisen immer um Sirte Zürn, ein hochbegabtes Mädchen, das eigentlich Gerlinde heißt, Dostojewski und Büchner liest und zwischen Wunderkind und Hexe changiert.
Vater Ludwig ist ein unberechenbarer, impulsiver Zeitgenosse, irrational und zu Gewaltausbrüchen neigend. Seine Tochter vergöttert er, seine Frau erhält Prügel und wird des „desöfteren am Vormittag“ von ihm vergewaltigt. Nichts ist hier normal, der alltägliche Wahnsinn und handfeste Psychosen prägen das Miteinander. Sirte bekennt über ihren Vater: „Es sei das Furchtbarste, was sie in ihrem Leben erlebt habe, wie er sich den Kuhfladen ins Gesicht schmierte.“
Martin Walser lässt die Rahmenerzählung, Tagebuchnotizen von Sirte und Reflexionen des Ich-Erzählers miteinander verschmelzen. Mit Fortschreiten der Handlung nähern sich Sirte und Untermieter Schweiger immer stärker an, verwischen sich die Grenzen, und Walser arrangiert – dem großen Altersunterschied zum Trotz – so etwas wie eine „Kongruenz des Denkens und Fühlens“.
Zu Beginn der Handlung ist Sirte verschwunden, und Schweiger sitzt kurz in Untersuchungshaft. „Aber ich konnte eine Unschuld nachweisen, die ich nicht habe.“ Sirte zieht sich zurück, wird vom Dackel eines Malers gebissen, stiehlt, spendet Geld für die Dritte Welt und schreibt Briefe an Anton: „Ich träume davon, alles für sie tun zu dürfen.“ Sirtes Briefe lassen zwischen den Zeilen reichlich spekulative Freiräume für Gedanken in unterschiedlichste Richtungen.
Sie sucht einen Psychiater auf, der eine „seriöse Charakterstörung, die man zu den schizophrenen Psychosen rechnen darf“ attestiert. Eine Diagnose, die auf fast alle Walser-Figuren zutreffen könnte. Sirte verschwindet ein zweites Mal, offensichtlich in ein Franziskanerinnen-Kloster, bringt einem Raben das Singen („Großer Gott, wir loben Dich.“) bei, bekehrt den gewalttätigen Alkoholiker Ludwig Proll, der darauf hin das Schlagen und das Trinken einstellt. „Diese Sirte Zürn sei in ihm spürbar geworden als eine bis dahin unbekannte Kraft“, offenbart der Sünder.
Vater Zürn fordert: „Jetzt ist die Heiligsprechung nicht länger aufzuschieben.“ Der Untermieter geht in sich, arbeitet an der schriftlichen Begründung, preist Sirtes Vollkommenheit in sakralem Ton – in einer Mischung aus Anbetung, Verehrung und Altmänner-Vergötterung.

Komik und Tragik

Komik und Tragik geraten hier – wie von magischer Hand geführt – nicht aus der Balance. Walser offenbart uns eine absurde Welt, der mit streng rationalen Kriterien nicht beizukommen ist. Wenn der Metzger Glocker Kälber ins Schlachthaus führt, spielt dessen Sohn dazu Chopin auf dem Klavier. Dieses scheinbar willkürliche Nebeneinander von Tod und Wohlklang, von Gewalt und Frömmigkeit, dieses wohl austarierte Spiel mit Antagonismen zieht sich wie ein roter Faden durch das Büchlein. Und immer wieder lassen uns Sirtes Tagebuchnotizen zusammenzucken: „Die Pistole, die ich nicht habe, richte ich auf mein Spiegelbild.“
Martin Walser hat uns in dieser fantasievoll-märchenhaften „Geschichte“ drei Menschen am Rande des Abgrunds vorgeführt und schmerzhafte Einblicke in deren (gestörtes) Seelenleben gewährt. Figuren, die die Bodenhaftung im irdischen Dasein offensichtlich verloren haben und die sich einen spirituellen Zufluchtsort suchen. Sirte bekundet am Ende, dass sie Jesus gehört und wünscht sich „die Vertreibung ins Paradies.“
„Ich will nicht mehr sprechen müssen. Was ich denke, kann ich nicht sagen. Und etwas sagen, was ich nicht denke, kann ich auch nicht.“ Keine Angst, das sind Worte, die Walser seiner Sirte-Figur in den Mund gelegt hat. Er selbst wird vermutlich bis zu seinem letzten Atemzug zu uns sprechen und ist immer noch für Überraschungen gut, wie das „Mädchenleben“ eindrucksvoll beweist. Ein kleines Büchlein nur, aber voller Sehnsucht, Schmerz, Verehrung, großen Gefühlen, Irrungen und Wirrungen und reichlich Psychosen – perfekt inszeniert vom „heiligen Martin vom Bodensee.“

Martin Walser: Mädchenleben oder Die Heiligsprechung. Legende. Rowohlt Verlag, Hamburg 2019, 91 Seiten, 20 Euro

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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