Journalist Werner Schmitz legt Recherche zum Zwangslager für Sinti und Roma vor
Von Eppendorf nach Auschwitz

Journalist Werner Schmitz behandelt ein bislang wenig beachtetes Kapitel der NS-Geschichte.
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„Ich bin aufgewachsen unter Nazis, Mitläufern und Wegsehern“, resümiert der Wattenscheider Journalist Werner Schmitz seine Recherche zum nationalsozialistischen Zwangslager für Sinti und Roma, das bis 1943 in Eppendorf an der Grenze zu Dahlhausen stand – ganz in der Nähe des Hauses, in dem der 1948 geborene Werner Schmitz aufgewachsen ist. Unter dem Titel „Plötzlich waren alle weg“ hat er die Ergebnisse seiner Recherche nun veröffentlicht.

„Mein Vater muss von der Existenz des Lagers gewusst haben“, ist sich Werner Schmitz sicher. Dennoch sei über dieses Thema nie gesprochen worden – nicht innerhalb der Familie, aber auch nicht anderswo in Eppendorf. Bei einer Lesung aus seinem Bericht „Zehn Hiebe auf den Hintern oder Stolperstein für einen Nazi“, der 2018 erschien, habe ihn eine ehemalige Nachbarin auf die Existenz des Lagers aufmerksam gemacht.
In der Forschung ist die Existenz des Lagers nicht gänzlich unbekannt. Gudrun Schwarz zählt in ihrem Standardwerk „Die nationalsozialistischen Lager“ aus den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts in der Kategorie „Zwangslager für Sinti und Roma“ auch Wattenscheid als Standort auf. Nähere Angaben zu dem Lager finden sich hier jedoch nicht. Im Jahre 2005 widmete die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN - BdA) der Verfolgung und Vernichtung der Bochumer und Wattenscheider Sinti und Roma unter dem Titel „Verachtet, vertrieben, verfolgt“ eine Ausstellung, in der auch das Lager in Eppendorf thematisiert wird. Im Begleitmaterial zur Ausstellung ist schon etwas mehr über das Lager und die Haltung der Eppendorfer dazu zu erfahren. Viele Fragen bleiben jedoch offen.

Protest der Eppendorfer

Werner Schmitz wurde bei seinen Recherchen schließlich im Landesarchiv in Münster fündig. Dort stieß er auf die Akte „Bekämpfung der Zigeunerplage“, in der dokumentiert ist, wie Eppendorfer Bürger 1937 beim Regierungspräsidenten in Arnsberg gegen die Errichtung des Lagers protestierten – nicht als Widerspruch gegen die menschenrechtswidrige Praxis der Errichtung von Lagern, sondern weil man um die eigene Sicherheit fürchtete und wohl auch annahm, das Lager werde Eppendorfs Attraktivität als Ausflugsziel beeinträchtigen. Bezeichnend ist dabei, dass keine konkreten Befürchtungen geäußert werden, in welcher Weise die „Zigeuner“, wie die Sinti und Roma damals genannt wurden, die Sicherheit der Allgemeinheit beeinträchtigen könnten. Vielmehr erscheinen schon ihr Anblick und ihr als fremdartig empfundenes Äußeres Anlass genug für die Ablehnung gewesen zu sein. „Dabei waren die Sinti und Roma 1939 eine kleine Minderheit von 26.000 unter 70 Millionen Deutschen“, gibt Werner Schmitz zu bedenken.
Für den Journalisten, der auch als Krimiautor und Übersetzer arbeitet, ist „Plötzlich waren alle weg“ gewissermaßen eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln: „Mein erster Krimi 'Nahtlos braun', der 1984 erschienen ist und sich mit dem Nationalsozialismus und seinen Nachwirkungen in Bochum beschäftigt, spielt in Dahlhausen. Auch bei 'Plötzlich waren alle weg' geht es mir um die NS-Geschichte im Nahbereich, also dort, wo ich aufgewachsen bin.“

Erinnerungen an die Kindheit

Und es geht um Menschen, die die Eppendorfer Kindheit des kleinen Werner Schmitz in den fünfziger Jahren geprägt haben – und deren Namen in besagter Akte „Bekämpfung der Zigeunerplage“ auftauchen. Es sind Hausbesitzer, Landwirte und Geschäftsleute. Einen von ihnen traf Werner Schmitz' Vater regelmäßig beim Frühschoppen. Am Bauernhof des anderen kamen Vater und Sohn beim wöchentlichen Sonntagsspaziergang vorbei. Einer betrieb einen Friseurladen. „Da ist meine Tante immer hingegangen. Die hat auch im Tante-Emma-Laden eingekauft“, erinnert sich Werner Schmitz. Der gehörte einem unter den Bergleuten und Stahlarbeitern, die in den fünfziger Jahren die Eppendorfer Heide prägten, etwas exzentrisch wirkenden Mann, der sich selbst gern als „Drogist“ bezeichnete. Und auch dessen Name findet sich in der Akte.
All diese Nachbarn der Familie Schmitz protestierten 1937 gegen die Errichtung des „Zigeunerlagers“ - nicht ohne zu betonen, dass sie 751 Unterschriften von Unterstützern ihres Anliegens gesammelt hatten. „Bedenkt man“, sagt Werner Schmitz, „wie dünn besiedelt die Eppendorfer Heide damals war, kam eine erstaunlich hohe Zahl an Unterschriften zusammen.“
Erfolgreich war der Protest allerdings nicht. Nachdem zuvor bereits der Wattenscheider Oberbürgermeister Hans Petri erklärt hatte, am Standort an der Dahlhauser Straße festhalten zu wollen, war auch der Regierungspräsident nicht bereit, dem Protest der „besorgten Bürger“, wie Werner Schmitz sie nennt, stattzugeben. Allerdings versprach er, die Eppendorfer Bürger vor den Sinti und Roma zu schützen – was durchaus als Drohung gegen die als kriminell diffamierten „Zigeuner“ gelten kann.

An der Dahlhauser Straße

Damit stand der Errichtung des Lagers an der Dahlhauser Straße an der Einmündung in die Ruhrstraße nichts mehr im Wege. Die NS-Verantwortlichen betrieben solche Zwangslager, um die Sinti und Roma besser überwachen und kontrollieren zu können. An der Dahlhauser Straße wurde ein transportables Holzhaus in Flachbauweise aufgestellt. Pappeln und Sträucher sollten den Bauplatz von der Straße abschirmen. Fotos der Holzhütte existieren leider nicht mehr.
In dem Bau lebten 33 Personen: die sechsköpfige Familie von Heinrich und Dora Steinbach; Heinrichs Bruder Karl Steinbach mit seiner Frau Charlotte und ihren fünf Kindern; Rosette Steinbach und ihre sechs Kinder; August und Sofie Weiss mit vier Söhnen und einer Tochter; Paula Meyer und ihre vier Kinder sowie Josef Reinhardt.
Dem Klischee vom „lustigen Zigeunerleben“ entsprach das Leben an der Dahlhauser Straße in keiner Weise – so viel lässt sich trotz der dürftigen Quellenlage sagen. Für eine Familie mit sechs oder sieben Personen standen nur fünfzehneinhalb Quadratmeter Fläche zur Verfügung. Harte Arbeit gehörte zum Alltag. Doch für die Menschen in der Baracke sollte es noch schlimmer kommen.

Langer Leidensweg

Josef Reinhardt wurde bereits 1938 in das Konzentrationslager Sachsenhausen und 1940 nach Mauthausen deportiert, wo sich seine Spur verliert. Im Jahre 1942 wurde Franz Weiss im KZ Dachau inhaftiert. Später kam er nach Neuengamme, wo er vermutlich starb. Die noch in Eppendorf verbliebenen Sinti und Roma wurden 1943 festgenommen. Während es andernorts vereinzelt zu Protesten gegen die Deportation von Sinti und Roma kam, sind vergleichbare Aktionen aus Eppendorf nicht bekannt. So führte der Weg der dortigen Sinti und Roma ins „Zigeunerfamilienlager“ Auschwitz-Birkenau, wo Hunger und Seuchen das Leben prägten. Das erste Todesopfer unter den Eppendorfer Sinti und Roma war die erst 14 Monate alte Marie Steinbach. Auch die Mehrzahl der anderen aus Wattenscheid Deportierten fand bereits 1943 den Tod. Die Haft überlebt haben wohl nur zwei der Eppendorfer Sinti und Roma: Wilhelm Weiss und Charlotte Steinbach, die von Auschwitz ins Frauen-KZ Ravensbrück verschleppt worden war.
Auf dem Grundstück an der Dahlhauser Straße/ Ecke Ruhrstraße, wo einst das Lager für Sinti und Roma gestanden hatte, wurden 1950 Mehrfamilienhäuser errichtet. Nichts erinnert heute mehr an das „Zigeunerlager“. Werner Schmitz will sich dafür einsetzen, dass in der Nähe eine Gedenktafel aufgestellt wird. Jene Unterschriftenliste, auf der sich 751 Eppendorfer gegen die Errichtung des Lagers aussprachen, weil sie sich durch die Anwesenheit von „Zigeunern“ gestört fühlten, ist nicht erhalten geblieben. „Mit solchen Aktionen wie der Unterschriftensammlung“, gibt Werner Schmitz zu bedenken, „haben ganz gewöhnliche Deutsche die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Nazis ihren Rassenwahn in die Tat umsetzen konnten.“

Bezug zur Gegenwart

Mit seiner Recherche „Plötzlich waren alle weg“ folgt Werner Schmitz seinem Credo, Opfer, Täter und Unterstützer der NS-Politik gleichermaßen in den Blick zu nehmen. Auch die gegenwärtige Situation der Sinti und Roma hat er im Auge – schließlich sind antiziganistische Vorurteile immer noch weit verbreitet. „Vielleicht sollten wir, wenn wir uns das nächste Mal über rumänische oder bulgarische Roma in irgendeiner Schrottimmobilie in Gelsenkirchen oder Duisburg erregen, einen Moment innehalten und an die Familien Steinbach und Weiss aus Wattenscheid-Eppendorf denken“, schließt Werner Schmitz seinen eindrücklichen Bericht ab.

Info
Die Reportage "Plötzlich waren alle weg" ist auf: werner-schmitz.de zu finden.

Autor:

Nathalie Memmer aus Bochum

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