Sigrid Nunez' faszinierender Roman „Der Freund“
Wenn Apollo Rilke hört

"Es stimmt, dass man nur noch verschwommen sieht, wenn man lange genug heftig geweint hat", heißt es zu Beginn des mit dem National Book Award ausgezeichneten Romans „Der Freund“ aus der Feder der bisher hierzulande noch weitestgehend unbekannten amerikanischen Autorin Sigrid Nunez.

In den USA wurde das Buch ein Bestseller, obwohl es sich weitab vom schnelllebigen literarischen Mainstream bewegt. Die 68-jährige Nunez, die schon Romane über Virginia Woolf und Susan Sontag verfasste, hat ein tiefsinniges, selbstreflektierendes, auf mehreren Ebenen changierendes Erinnerungsbuch vorgelegt.
Die namenlose Ich-Erzählerin trauert um einen guten Freund, der sich das Leben genommen und ihr seinen Hund „vermacht“ hat. Der Verstorbene war Literaturdozent, hoch gebildet, attraktiv und entsprach exakt dem landläufigen „Macho“-Bild. Dreimal war er verheiratet, hatte etliche Affären mit jungen Studentinnen und empfand den Seminarraum als „erotischsten Ort“. Ähnlich wie Philip Roth, der das Alter einmal als Massaker bezeichnete, klagte auch der Verstorbene über massive Probleme mit dem Alter, das er als „Kastration in Zeitlupe“ empfand.
Und dennoch hat die Erzählerin den Toten verehrt und mit ihm eine ganz besondere geistige Beziehung gepflegt, eine geradezu märchenhafte Erotik des Intellekts hat sie verbunden.
Die äußerst feinfühlige Protagonistin, die kein schlechtes Wort über die Frauen des Verstorbenen verliert, hat plötzlich einen Trauerbegleiter an ihrer Seite – eine 80 Kilo schwere dänische Dogge namens Apollo.
Ihr Leben mit einem solch gewaltigen Tier in einer kleinen New Yorker Wohnung ändert sich schlagartig. Die alleinstehende Frau, die ihren Lebensunterhalt als Literaturdozentin und Autorin verdient, opfert sich für das Wohlergehen des Hundes auf. Beide trauern um den Verlust eines geliebten Menschen.
Autorin Sigrid Nunez evoziert eine faszinierende Stimmungsmelange aus Liebe, Einsamkeit, Trauer und Melancholie. Die Literatur selbst spielt in diesem im konventionellen Sinn handlungsarmen Roman eine zentrale Rolle. Die Hauptfigur macht sich Gedanken über die Authentizität der Literatur, die für sie eine Art Ventil für große Gefühle sein muss. Neben vielen großen Namen aus der Weltliteratur – von Toni Morrison über Christa Wolf bis hin zu Milan Kundera und der Rolle des Hundes in seinem Hauptwerk "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" – finden wir aber auch ganz gezielte Seitenhiebe auf den kommerzialisierten Literaturbetrieb und seine teilweise blödsinnigen, aber dennoch erfolgreichen Marketing-Inszenierungen.
„Zweiunddreißig Millionen erwachsene Amerikaner können nicht lesen. Die potenzielle Leserschaft von Gedichten ist seit 1992 um zwei Drittel geschrumpft“, beklagt die Protagonistin. Sie arbeitet diesem Trend auf herrlich skurrile Weise entgegen. Sie liest der riesigen Dogge Rilke-Gedichte vor und stellt fest, dass Apollo mit einem Lächeln einschläft. Dass der gewaltige Hund dagegen den norwegischen Kult-Autor Karl Ove Knausgård überhaupt nicht mag, sollte nicht verschwiegen werden. Der dichterischen Fantasie sind eben keine Grenzen gesetzt. Sigrid Nunez versteht es vorzüglich, Tiefsinn und Humor fein auszutarieren und so ihrem Trauerbuch die bleierne Schwere zu nehmen.
„Oh, mein Freund, mein Freund!“, heißt es auf der letzten Seite. Je nach eigener emotionaler Stimmungslage kann man dies als Klage, aber auch als freudige Erinnerung lesen. Der Roman „Der Freund“ ist eine große Entdeckung im noch jungen Literaturjahr 2020. Den Namen Sigrid Nunez werden wir uns merken müssen, denn es steht zu erwarten, dass wir bald auch ihre älteren Werke in deutscher Übersetzung lesen können. Freuen wir uns schon jetzt darauf!

Sigrid Nunez: Der Freund. Roman. Aus dem Amerikanischen von Anette Grube. Aufbau Verlag, Berlin 2020, 233 Seiten, 20 Euro

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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