Wattenscheid gegen Corona
Wattenscheid gegen Corona: Mehrsprachige Lotsinnen und Lotsen informieren über Schutzimpfung

5Bilder

„Merhaba“, grüßt Impflotse Ibrahim Eser freundlich und geht auf den Mann zu, der gerade vor einem Geschäft in der Fußgängerzone sein Rad an eine Laterne kettet. In Wattenscheid ist „Ibo“ seit Januar unterwegs, um mehrsprachig über das Corona-Virus und die Schutzimpfung aufklären. Der Impflotse unterstützt ehrenamtlich die neue Kampagne „Wattenscheid gegen Corona“. Sie soll dabei helfen, die Quote an Corona-Impfungen in dem Stadtbezirk zu steigern.

Der Blick in die Bochumer Corona-Statistik hatte gezeigt, dass die Infektionsrate in Wattenscheid vergleichsweise höher liegt als in anderen Stadtteilen. Die Gründe: Hier leben schlicht häufiger Menschen auf wenig Wohnraum zusammen, können selten oder gar nicht ihren Job im Homeoffice erledigen, bestehen öfter Sprachbarrieren, die eine gesundheitliche Aufklärung in der Pandemie erschweren.

Um der höheren Infektionsquote und weiteren negativen Folgen von Covid-19-Erkrankungen wirksam etwas entgegensetzen zu können, suchen seit 6. Januar 14 medizinisch und kommunikativ geschulte Impflotsinnen und -lotsen den direkten Kontakt zu Impfwilligen: auf den Straßen, aber auch an den Haustüren. Sie informieren über das richtige Verhalten im Corona-Verdachts- und -Krankheitsfall, ebenso über die Schutzimpfung. Die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren werden kontinuierlich ärztlich begleitet und fortgebildet. Mehr als 1.500 Impfangebote haben sie in weniger als zwei Wochen bereits unterbreitet - unter anderem auf Arabisch, Kurdisch, Türkisch und Russisch. Und auf Deutsch.

Ziel der gesamten Kampagne ist es, Bürgerinnen und Bürgern zeitnah möglichst intensiv und zielgruppenorientiert zu informieren, um ihnen eine gut begründete Entscheidung zur Impfung zu ermöglichen. „Das ist nicht einfach“, sagt Ibrahim Eser.

Der 47-Jährige ist in Wattenscheid geboren, hat gerade seine hochbetagten Eltern zu Besuch aus der Türkei. Er möchte andere dafür gewinnen, dass sie sich selbst und damit andere durch eine Impfung vor Corona schützen. Dafür spricht er an sechs Tagen in der Woche Menschen auf den Straßen oder im Bus an, stellt sich in den Supermarkt, klingelt auch an Haustüren in seinem Viertel. „Viele denken, wir wollen etwas verkaufen und wollen uns schnell abwimmeln“, berichtet Ibrahim Eser. Der Stadt Bochum-Ausweis, der gut sichtbar am Schlüsselband um seinen Hals baumelt, belegt den öffentlichen Informationsauftrag.

Zwischen zwei bis drei Stunden ist der Integrationshelfer, der beruflich beim Forum Gemeinsam für Integration (GEMI) arbeitet, unterwegs. Er trifft dabei auf Menschen, die nicht gut Deutsch oder schlicht gar nicht lesen und schreiben können. Auf Menschen, die nicht wissen, wo sie ihre Fragen stellen oder wie sie an eine Impfung ohne Termin kommen können. „Ich möchte nicht diskutieren, ich möchte aufklären“, stellt er klar. „Ich will niemanden zu einer Impfung überreden.“ Immer mal kassiert er dafür harsche Antworten, „Sprüche unter der Gürtellinie“. „Willst du mich in den Tod begleiten?“ ist so einer. 

Auch Impflotsin Taban Abas hat „sehr unfreundliche Antworten“ gesammelt - von Männern wie von Frauen, in bestem Arabisch oder schönstem Hochdeutsch. Die Studentin ist zwei bis drei Stunden am Tag mit ihrer Mutter Khalide für „Wattenscheid gegen Corona“ unterwegs, auch samstags und sonntags. Bei Wind und schlechtem Wetter. Zoubeida Khodr vom Verein für Humanitäre Solidarität Middle East (HSME) hat sie motiviert mitzumachen. Taban Abas‘ Erfahrung: „Viele haben Angst, wissen nicht, was der Impfstoff bewirkt, dass oder wo sie sich impfen lassen können. Aber sie haben sich im Gespräch geöffnet.“ Immer dabei hat Taban Abas wie ihre ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen den kurzen Befragungsbogen zum Impfstatus und zu den Gründen für eine bisher nicht erfolgte Schutzimpfung gegen Corona. „Meine Mutter und ich haben aber auch nach dem Meinungsbild von geboosterten Personen zur jetzigen Corona-Lage und nach Verbesserungsvorschläge fürs Impfen gefragt. Das haben wir auf dem Fragebogen unter Sonstiges vermerkt“, schildert sie.

Serhat Sönmez begleitet als Arzt die Impflotsinnen und -lotsen, ist für sie bei Fragen von angesprochenen Bürgerinnen und Bürgern über sein Handy erreichbar. Der ärztliche Leiter der Kampagne und Mitarbeiter des Gesundheitsamtes klärt Interessierte unterwegs und in der Impfstelle des Wattenscheider Rathauses über Corona und die Schutzimpfung auf, impft auf Wunsch. „Es kommen dank der direkten Ansprache wieder mehr Menschen“, sagt der Mediziner. Am ersten Samstag seien statt der erwarteten hundert Impflinge zweihundert gekommen. Fünf bis zehn Prozent der Impfungen, schätzt er, seien auf die Aufklärungsarbeit der Impflotsinnen und -lotsen zurückzuführen.

„Gründe, sich nicht impfen zu lassen, sind zum Beispiel bei den einen Skepsis gegenüber dem Impfstoff und Zweifel an der Sicherheit, bei den anderen Infodefizite oder Ängste“, so Serhat Sönmez. Dazu zählt er auch Schwangere, die oft nicht wissen, dass sie sich ab dem zweiten Drittel der Schwangerschaft impfen lassen sollten, um sich und ihr Kind vor Covid 19 zu schützen. Oder Menschen in Zeitnot wie den Paketboten, der täglich viele Stunden arbeitet, nur kleine freie Zeitfenster hat und daher eine Impfung ohne Termin benötigt. Ohne dafür Schlange zu stehen. „Ich habe ihm zugesichert, das schaffen wir“, schildert Serhat Sönmez. 

  • Foto: Bezirksbürgermeister Hans Peter Herzog (Quelle: Stadt Bochum/Lutz Leitmann)
  • hochgeladen von Karl - Heinz Lehnertz

Die Aufklärungskampagne „Wattenscheid gegen Corona“,  die von der Stadt finanziert und von einem engagierten Bündnis getragen wird, läuft zunächst bis März. „Ich freue mich, dass die Aktion so gut gestartet ist,“ sagt Bochums Sozial- und Gesundheitsdezernentin Britta Anger. Sie sieht die Kampagne, die auf die direkte Ansprache durch zwei- bis dreisprachige Lotsinnen und Lotsen setzt, als wichtigen ergänzenden Baustein zu all den Info- und Aufklärungsangeboten, die die Stadt bisher auf Deutsch, aber auch in verschiedenen Muttersprachen gemacht hat. „Wir erreichen so Menschen, die wir bisher nicht erreicht haben - Menschen, die in ihren eigenen Communities leben“, berichtet Wattenscheids Bezirksbürgermeister Hans-Peter Herzog. „Wir erreichen sie, indem Menschen aus ihrer eigenen Community auf sie zugehen und zuhören.“9

„Das ist kein Zuckerschlecken“, sagt Taban Abas über ihr Ehrenamt im Kampf gegen Corona. „Aber ich bin allen sehr dankbar für dieses Projekt.“

Autor:

Karl - Heinz Lehnertz aus Wattenscheid

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

18 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.