„Zweite Chance“ - die Autobiografie des Kickers Daniel Keita-Ruel
Keine Traumwelt

So kannten und schätzten die Wattenscheider Fußballfans Daniel Keita-Ruel. Foto: Peter Mohr
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„Ich bin der Typ mit der dunklen Vergangenheit. Der Fußballprofi, der fast vier Jahre im Knast saß“, heißt es ohne Umschweife im Vorwort. Am Donnerstag (16.) kommt das Buch über das Leben von Daniel Keita-Ruel in den Buchhandel.

So gerade heraus wie dieses Entree liest sich das gesamte Buch über einen talentierten jungen Burschen, der in Wuppertal in schwierigen sozialen Verhältnissen aufwuchs, im Fußball seine Chance zum sozialen Aufstieg sah und für den Wattenscheid auch eine entscheidende Lebensetappe war.
Das klappte zunächst auch prima: In der Jugend kickte er für Borussia Mönchengladbach, erhielt aber dann keinen Anschlussvertrag und kehrte in seine Heimatstadt Wuppertal zurück – für ihn Fluch und Segen gleichzeitig. Fluch, weil seine Karriere beim Wuppertaler SV ins Stocken geriet und er immer häufiger mit straffällig gewordenen Bekannten aus der alten Nachbarschaft zusammentraf. Ein Segen war es für den Sohn eines senegalesischen Vaters und einer korsischen Mutter, weil er sich in seinem familiären Umfeld am wohlsten fühlte.
Und doch bog er trotz der fürsorglichen Obhut seiner Verwandten auf der Lebensbahn einmal richtig falsch ab, war an vier Raubüberfällen beteiligt, wurde am 8. Oktober 2011 (gerade 22 Jahre alt) verhaftet und anschließend verurteilt.
In Daniel Keita-Ruels Schilderung gibt es keine Schuldzuweisungen an Dritte. Er spricht offen seine Verfehlungen an, berichtet schonungslos von der „Hölle“ des Knasts, in der allerdings – allen Schikanen zum Trotz – sein Traum vom Profifußball beinahe obsessive Formen annahm. Jede freie Minute nutzte er, um seinen Körper zu trainieren, um fit zu bleiben für die Zeit nach der Haft.
Als für Keita-Ruel eine psychologische Begutachtung für eine mögliche Haftverkürzung anstand, gab er der Sachverständigen auf die Frage, was er nach der Haft machen wolle, ehrlich und unmissverständlich die Antwort: „Ich will Profi werden.“ Alle Einwände und Alternativvorschläge lehnte er – in einer Mischung aus Eigensinn und Beharrlichkeit – ab. Attestiert wurde ihm von der Psychologin, dass er in einer Traumwelt lebe.
Und doch machte er seinen Weg, kam über Ratingen 2016 nach Wattenscheid und erzielte 12 Saisontore: "Die Mannschaft war gut, unser Trainer fachlich und menschlich ein Ass - er setzte auf mich und unterstützte mich vom ersten Tag an." Keita nimmt kein Blatt vor den Mund, berichtet darüber, dass der Vorstand ihn in der Winterpause suspendieren wollte, weil er über die ausstehenden Zahlungen gesprochen hatte. Doch Trainer Farat Toku legte das entscheidende Veto ein.
Eiserne Disziplin, großer Trainingsfleiß und ausgeprägter Teamspirit – diese Tugenden lobten sämtliche Trainer, die Keita-Ruels Weg in den „wahren“ Profifußball begleiteten. Der Traum war Realität geworden, durch seinen Wechsel im Sommer 2018 von Fortuna Köln zum Zweitligisten Greuther Fürth. Am 4. August 2018 stand er im Fürther Stadion am Ronhof zum ersten Mal im deutschen Profifußball auf dem grünen Rasen. Ob er nach seinen zwei Toren beim Sieg über den SV Sandhausen an das „vernichtende“ Attest seiner einstigen Psychologin gedacht hat, ist nicht überliefert. Sein damaliger Fürther Trainer Damir Buric konstatierte: „Man spürt, dass ihn seine Vergangenheit geprägt hat, er hat seine Lektion gelernt.“
Daniel Keita-Ruel hat sich seinen Lebenstraum erfüllt und steckt noch voller Tatendrang, gerade so, als wolle er die verlorenen Jahre seiner Haftzeit irgendwie aufholen.
„Zweite Chance“ ist eine völlig unpathetische, absolut authentisch klingende Zwischenbilanz – nicht hoch literarisch, eher eckig, kantig, ehrlich und offen – so wie das Leben des Daniel Keita-Ruel.

Daniel Keita-Ruel: Zweite Chance. Mein Weg aus dem Gefängnis in den Profifußball. Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2020, 218 Seiten, 16 Euro - ab 16. Januar im Handel

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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