Satire ist Luxus.
Lebt dekadent!

Hinweis: in einer vorherigen Fassung dieses Textes war zu lesen, Horst Seehofer hätte die taz-Kolumnistin bereits angezeigt. Dies ist auf (m)eine Missinterpretation der Nachricht zurückzuführen und stellt den Sachverhalt nicht korrekt da. Ich bitte, dies zu entschuldigen.

Dieser Text enthält Spuren von Hoden.

Innenminister Horst Seehofer hat gestern angekündigt, die Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah wegen eines Textes in der taz vom 15.06.20 anzeigen zu wollen.

Yaghoobifarah zählte in ihrem Stück "All cops are berufsunfähig" Berufe auf, die für eine (hier angenommene) reformunfähige, von rechten Netzwerken und rassistischem Gedankengut durchsetzte Polizei noch infrage kämen, wenn man sie von Menschen fernhalten wollte.
Die Schlusspointe lautete: "Spontan fällt mir nur eine geeignete Option ein: die Mülldeponie. Nicht als Müllmenschen mit Schlüsseln zu Häusern, sondern auf der Halde, wo sie wirklich nur von Abfall umgeben sind. Unter ihresgleichen fühlen sie sich bestimmt auch selber am wohlsten."

Überzogen? Ja, sicher. Über das Ziel hinaus? Ja, sicher. Der gute Ton von Satire bringt zwischenzeitig die Trommelfälle auch mal zum bluten.

Ich wage mich jetzt mal so weit aus dem Fenster, dass der Fensterrahmen mir blutrote Kanten in die Unterarme presst und ich fast nach vorne wegfalle: da gäbe es nix zu verurteilen. Die delikate Stelle "Unter ihresgleichen fühlen sie sich bestimmt auch selber am wohlsten" kann sich nämlich auch auf die Kolleg*innen beziehen, wenn man in Betracht zieht, dass die Polizei auf Geschlossenheit und Zusammenhalt zählt.

Um diese Auslegungsfrage und -unsicherheit weiß auch Seehofer… Die Anzeige wollte er dennoch einreichen — es geht also um mehr: es geht hier nicht um Lesarten, sondern ums Totkriegen von unliebsamen Zeilen.

Und statt zu bemerken, dass dieser Text versucht, zu verarbeiten, dass die ganze Welt Gorge Floyd zeitversetzt beim Sterben zu sah, zieht sich Horst Seehofer seine John Wayne-Unterbuckse an und pustet auf seinen ausgestreckten, nach oben gekippten Zeigefinger.

Dann arbeiten wir uns eben — wieder mal — am Satire-Begriff ab… Haben wir ja bisher nur zehntausend-böhmermann-erdoğan-ziegen-klöten mal durchgestottert.

Also.
Satire ist dekadent.

Von »Notwendigkeit« zu »Luxus« sind es durchaus ein paar Stationen.
Zuerst Kleidung, Nahrung, Obdach. Dann Bildung und Gerechtigkeit. Dann Kultur und Unterhaltung. Satire kommt dann irgendwie auch irgendwann, nur eben recht weit hinten und da kriegt man's auch immer nur halb mit. Manchmal ist es auch keine Satire, dann macht die Nachbarin nur was mit Rotkohl.

So sitzt man nun geschützt vor Hagel und herabstürzenden Satellitenteilen in seiner Bude (also Obdach), isst in Käse-Dip getauchte Salzstangen (also Nahrung, bei der Ernährungsberater*innen bitterlich weinen), wischt sich die Krümel aus der Bauchfalte vom Micky Mouse-Hoodie (also Kleidung & Unterhaltung) und denkt über Demokratie nach (Gerechtigkeit work in progress). Aus dem CD-Player tönt Tim Toupet (also Kultur. Ha! Der war gut…) und man bemerkt in seinem Lied "Knackarsch" die Zeile "Kurven so weich wie Kastraten-Chorgesang" und man denkt darüber nach, wie nach Hesiods griechischer Mythologie Gaia ihren Sohn Kronos dazu bewegt, seinem Vater Uranos die Hoden abzuschnibbeln und dann fragt man sich, ob die "Kronjuwelen" vielleicht daher kommen (also Bildung). Und jetzt sind wir fast bei der Satire. Wir können sie nur nicht habhaft und greifbar dingfest machen, weil sie ein Denkmodus ist, der diffus wie der Duft von Klebstoff ist — man weiß nie, ob es Bestandteil oder Lösemittel ist, das da in der Nase brennt und doch euphorisch macht.

Satire ist das Niesen nach aufgewirbelten Staub, das uns die verkrusteten Popel der Biederlichkeit aus der Nase prustet.

Satire ist der Legostein, auf den man tritt und flucht, aber dafür nicht am nächsten Tag über die Mehrfachsteckdose stolpert, weil man sich endlich zum Aufräumen durchringt.

Satire ist der Moment der innerlichen Einkehr, während wir eine Schnittwunde im Finger zusammen pressen und den Blutstropfen daraus wachsen sehen. Eine Einkehr, bei der wir uns fragen, ob wir mit uns selbst im Reinen sind und ob die Welt das auch bejahen kann.

Satire ist, mit dem Hintern auf einer Rüttelmaschine zu sitzen, damit einem das nächste Erdbeben weniger kann.

Satire ist das schwache Gift in kleiner Dose, das uns fiebrig und schmerzhaft die härteren, versteckt wirkenden Gifte ausschwitzen lässt.

Eine Welt ohne Satire wäre möglich. Und jetzt kommt nicht Loriots Formel "… aber sinnlos", sondern hier folgt ein: ja, wirklich, wir brauchen keine Satire. Wenn wir nicht reifen wollen, wenn wir nicht aufmerken wollen, wenn wir nicht streiten, vertragen und lernen wollen, wenn wir keine Pepperoni auf der Pizza haben wollen, dann kommen wir prima ohne Satire aus. Wir kämen auch ohne Facebook, Twitter und die Wetter-App aus. Wir kämen ohne Golfplätze, Tassenuntersetzer und künstliche Fingernägel aus. Auch diese Kopfmassagedinger, die ich für fehlproduzierte Schneebesen halte, stehen zur Disposition. Wir kämen notfalls sogar ohne Umlaute aus! Ä? Was ist das? Ein A mit heliumgefüllten, schwebenden Hoden? Oder Ö — wenn wir kein Ö hätten, wäre das Ding ein Logo für Zahnärzte!

Aber wir haben diese Dinge. Wir haben diesen Luxus. Darum gönnen wir uns bitte auch die Satire. Sie tut manchmal weh, aber Schmerz kann uns auch die Augen  dafür öffnen, was wirklich wichtig ist.

Autor:

Timothy Kampmann aus Wesel

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