Generalisierte Angststörung
Teil 5b – Meine Angsterkrankung – Wunder der Medizin

Sonntag, der 24. Januar 2021 19.43 Uhr

Teil 5b – Meine Angsterkrankung – Wunder der Medizin

15 Jahre lang Konfrontationstherapie und doch jeden Morgen der selbe1 K(r)ampf. Ein guter Tag war schon, wenn ich morgens aufwachte ohne Nachts Albträume gehabt zu haben. Aber auch nach den morgendlichen Verrichtungen ließen mich die Sorgen nicht los.
Besonders schlimm waren immer die Zeiten, in denen ich keine Arbeit hatte. Wie den langen Tag herum kriegen und wenn irgend möglich zumindest halbwegs sinnvoll verbringen anstatt nur vor dem TV zu kleben.

Ich habe mich immer so sehr nach zu anderen Menschen gesehnt, aber ich war so unsicher, wie man Kontakt zu anderen Menschen herstellt und dann auch noch auf freundschaftliche Basis anhebt.
Es heißt ja immer man solle einfach Selbstvertrauen ausstrahlen, denn das wirke anziehend.
Ja es wäre schön wenn man Selbstvertrauen pfundweise im Supermarkt kaufen könnte, denn ansonsten woher nehmen und nicht stehlen?
Selbstvertrauen zieht man aus Erfahrungen der vielfältigsten Art, durch Ziele die man erreicht hat. Heute jedoch glaube ich, dass mangelndes Selbstvertrauen gar nicht das Problem war sondern eher fehlende soziale Kompetenz.
Ich habe schon immer Leute bewundert die ihre Mitmenschen „lesen“ können. Die Fähigkeit die Stimmung seines Gegenübers wahr zu nehmen ist eine die mir völlig gefehlt hat und bis heute ist diese Fähigkeit nicht besonders ausgeprägt.
Ich bin stets angewiesen auf klare Ansagen und das ist auch der Grund, warum ich diese direkte Art entwickelt habe. 'Einfach drauf los fragen' habe ich mir irgendwann zur Devise gemacht und alles ganz konkret anzusprechen. Ich merkte auch bald, dass man damit durchaus Sympathien erzeugen kann.
Aber von spontaner Sympathie bis hin zu einer echten Freundschaft ist noch ein weiter Weg wie ich immer wieder feststellen musste. Da war immer dieses „Nicht-wissen“ ob das Gesagte Grenzen überschritten hat oder ob man zu zögerlich war oder ob man an der falschen Stelle zu laut gelacht hat …
Ach, menschlicher Umgang ist ja so ein kompliziertes Feld!

Mittlerweile bin ich auf den Trichter gekommen, das meine Angststörung aus einer frühen sozialen Phobie erwachsen ist, nämlich aus der Angst, dass ich nicht den gesellschaftlichen Normen entspreche und meinen Mitmenschen hilflos ausgeliefert bin. Das sie mich zwar freundlich anlächeln aber nur aus Höflichkeit und hinter meinem Rücken über mich lachen.

Im Prinzip traf die Beschreibung aus dem Film „Die Geister die ich rief“, die der Geist der vergangenen Weihnacht auch auf mich zu als er zu Frank Cross (Bill Murrey) sagte:
„Du weißt nicht wer du bist,
du weißt nicht was du willst
und du hast absolut keinen Schimmer was vor sich geht!“
In dieser Aussage hab ich mich echt wieder gefunden.

Aber ich wollte ja von den Anti-Depressiva erzählen:

Bei meinem Medikament handelt es sich um einen Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, der dafür sorgt das sich mehr Serotonin in der Gewebeflüssigkeit des Gehirns sammelt. Nach meinen Informationen ist Serotonin eins der so genannten „Wohlfühlhormone“. Mein Gehirn hat sich wohl lange dagegen gewehrt Serotonin in normaler Menge zu speichern. (Was auch immer der Grund dafür gewesen ist!?)
Was ich erstaunlich finde ist, das in den folgenden Jahren nicht nur die Panikzustände anfingen weniger zu werden, sondern das auch die soziale Phobie allmählich ihren Einfluss auf mein Leben verlor.

Ich habe angefangen diese zu nehmen, weil ich ein Leben ohne Panikattacken und Angstzustände führen wollte und dieses Versprechen hat mein Medikament auch weitgehend eingelöst. Zwar nicht von heut' auf morgen und ein paar Hauptängste sind mir leider geblieben. So traue ich mich z.B. immer noch nicht mit dem Auto über die Autobahn zu fahren. Weite Strecken mit der Bahn zu bewältigen ist ebenfalls ein großes Problem. Ich könnte auch nicht alleine in Urlaub fahren und dort Partys mit fremden Menschen feiern oder nur die Sehenswürdigkeiten betrachten.
Herrje, bei dem Gedanken wird mir gerade ganz mulmig.

Aber immerhin im normalen Alltagsleben habe ich so gut wie keine Probleme mehr. Als ich nach Wesel gezogen bin, in meine erste eigene Wohnung, da fiel es mir noch unendlich schwer in den Supermarkt zu gehen um essen zu kaufen und was man sonst so braucht - das mache ich heute mit links. Ich habe auch echte Freunde gefunden und einen Lebenspartner der bedingungslos hinter mir steht. Ich hab meinen Führerschein gemacht, eine Ausbildung abgeschlossen und sogar jahrelang in meinem Lernberuf sozialversicherungspflichtig gearbeitet. Bis meine Firma mich als erste entlassen hat. Ungefähr ein Jahr später ging die Firma völlig insolvent.

Und dann kam die damalige rot-grüne Regierung und beschloss, dass man es Arbeitslosen in Zukunft nicht mehr so „einfach“ machen sollte. Da fingen meine Ängste wieder von vorne an …

Es ist möglich, dass ich das nächste mal über meinen Ärger mit dem Arbeitsamt erzähle, dass ja mittlerweile Jobcenter heisst, was logisch ist, weil man dort nur Jobs bekommt und kaum noch echte Arbeitsstellen mit einem Lohn von dem man menschenwürdig leben kann.
Ihr wisst ja, das ist sowieso mein absolutes „Lieblingsthema“ ;-)

Autor:

Imke Schüring aus Wesel

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