Portrait eines hochinteressanten Zeitgenossen mit persönlichem Interview
"Der Ton macht die Musik" – Sammelleidenschaft made in Wesel

Foto: Carsten Diederich
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Als Kind habe ich mal Poesiebilder gesammelt. Ihr wisst schon, diese kleinen Bildchen mit Glanz oder ohne, überwiegend mit romantischen Motiven, wie Rosen und Blumenmädchen, Hundewelpen oder anderem niedlichen Getier. Versehen mit Herzchen und Streuglitter hortete ich mehrere kleine Steckalben und verzierte damit allerlei Papier, wie die Poesiealben der Freundinnen, Karten und Briefe.
Auch heute mutet man an ich wäre ein Sammler, ziert meine Küche doch eine beachtliche Tassenanhäufung und auch die Regalböden der Vitrine im Wohnzimmer biegen sich unter unzähligen dekorativen Weingläsern. Aber nein, DAS ist keine Sammlung, sondern notwendiges Beiwerk zu meinen "Hundertmannservice" (Ich liebe diesen Ausspruch, den ein alter Freund vor gut 25 Jahren mal scherzend bei mir kreierte und der vermutlich gar nicht mal so unwahr ist – zumindest habe ich schon mal gut 30 Leute mit Mittag- und Abendessen nebst Kaffeetafel bewirtet, ohne zwischendurch spülen zu müssen). YEAH!

Aber nun zu Carsten. Carsten Diederich ist ein Unikum wie es im Buche steht... und ein SAMMLER!

Ich habe Carsten im SCALA Kulturspielhaus kennengelernt. Der bekennende Mitteralterfan und Dudelsackspieler lässt nämlich keinen Irish-Folk-Abend aus und besucht überhaupt sehr gerne Konzerte; hier musiktechnisch "auch gerne mal die bösen Sachen" (whatever that means... 😁 ).
Ich mochte Carsten sofort! Mit seiner ruhigen ausgeglichen Art und dem verschmitzten Lächeln "im Bart" zählt der Hutträger zu den äußerst angenehmen und freundlichen Gästen. Carsten ist kein Mann von vielen Worten, lässt sich aber bei seinen Veröffentlichungen bei Facebook durchaus auch schon mal zu kleineren Texten (oft mit Schmunzelcharakter) hinreißen, was ich sehr unterhaltsam finde.
Erste Reaktion des Juniors als ich die Beiden bekanntmachte:
"Er schaut mit seinem geflochtenen Bart irgendwie aus, wie einem der Hobbitfilme entsprungen – etwas sonderlich aber sehr speziell und cool."

Recht hat er und coole Typen habe coole Hobbies!

Carsten ist ein interessanter Mensch und berichtenswert – zumindest kam mir gestern die Idee zu diesem Artikel, als ich beim Tag der offenen Tür im Krachgarten seine Ausstellung TON. MACHT. MUSIK. besuchte. WOW!
Ein Sammelsurium alter Musikinstrumente, liebevoll restauriert und betriebsfähig. Carsten erzählt begeistert von jedem einzelnen Stück aus seiner Sammlung, die ca. 700-800 Grammophonplatten, 100 Radios, gut 10 Grammophone, 1 Musikbox und weitere Liebhaberstücke beherbergt.

Aufkommende Fragen beantwortet Carsten hier auch direkt selbst:

"Wie bin ich zu dem Hobby gekommen? Mein Opa besaß ein Röhrenradio (wie ich heute weiß ein Loewe-Opta von 1955) mit einem leuchtend grünen "magischem Auge"... Magisch war aber das ganze Gerät. Eine glänzendes Nussbaummöbel von schierer Größe und Großartigkeit. Und dann konnte diese Zauberkiste auch noch entfernteste Sender über die wundersame Kurzwelle empfangen (je nach Tageszeit sogar aus China oder Vietnam) Es konnte Mauern überwinden. Es wurden fremde Sprachen gesprochen und man hörte sogar die "Stimme der DDR" Im Gegensatz zu den drei Programmen im Fernsehen war das ein phänomenaler Spaß ... Jahre später begann ich eine Ausbildung zum Rundfunk und Fernsehtechniker. Die jetzt auch technisch begründete Faszination für die alten Geräte war sofort wieder da ...

Was fasziniert dich daran? Die Materialien, die Dynamik, mit der in kürzester Zeit aus einer kuriosen Bastelwut in den 20er Jahren eine Weltindustrie entstand, die immer aufwändigeres beeindruckendes High-Tech entwickelte. Aus einfachen Zigarrenkisten mit Detektorempfängern wurden schnell Möbelstücke aus Edelholz und hochmodernem Pressstoff, der ganz neue Formen möglich machte. Aluminium, Messing ... Alles wurde gebaut, was möglich war. Klappbare Skalen, Geräte mit Joystickbedienung, Sendersuchlauf, integrierte Plattenspieler die wunderbar funktionierten, die jeder bedienen konnte ... Die später in den 50ern schon recht standardisierte Form hatte sich in den 30er Jahren noch nicht durchgesetzt, Es gab eine riesige Vielfalt an Designs und Konzepten ...
Interessant aber auch, wie in Notzeiten improvisiert wurde, wie man nach dem Zusammenbruch mit einfachsten Mitteln neu startete. Die späten 40er Jahre waren den 20er Jahren nicht unähnlich ... Man wollte wieder dabei sein, aus allem, was noch da war und dem was der Schwarzmarkt hergab, wurden schnell wieder Empfänger "zusammengeklöppelt"

Und die größte Herausforderung? Herausforderungen gibt es viele, Die Suche nach Ersatzteilen wird immer schwieriger, nicht alles ist reparabel, man weiß nie, wo die Reise hingeht, wenn man sich ein Gerät auf den Tisch nimmt. Aber das ist auch das Spannende dabei. Manches geht gut von der Hand, manchmal bedarf es unorthodoxer Ideen und manchmal streicht man auch frustriert die Segel. Der Frust endet dann mit dem nächsten Projekt meist sehr schnell ...

Was ist dein interessantestes Gerät? Das ist schwer zu beantworten, weil es so viele sind ... Ein SABA-Musikschrank von 1959, den ich gehoben habe, wie einen Schatz. 170 kG schwer, damals 3000 Mark teuer, was 1959 immens viel Geld war (soviel kostete ein Auto) Mehr ging nicht ... Und dann wurde sie jahrelang unbeachtet auf einem Dachboden vergessen, bis ich zufällig des Weges kam ... Oder das Familienradio das ich von der Witwe eines DDR Rundfunkmeisters bekam, der sein Gerät von 1933 in den 50er Jahren so fachkundig und liebevoll modernisiert hat, dass es jetzt ein wahrer Wolf im Schafspelz ist ... Es ist so gut wie nichts mehr Original an diesem Gerät, aber das wahre "Denkmal" ist der beeindruckende Sachverstand, mit dem dieser Mann vorgegangen ist.

Lass uns über den Wert sprechen... Ich finde, man sollte sich solche Geräte verdienen, indem man sie findet, rettet, aufarbeitet und sie zum Leben erweckt. Ich bin kein reicher Mann, der mit der prallen Geldbörse die Rosinen pickt. Natürlich hat das alles dann auch einen Wert. Sicherlich könnte man so etwas auch verkaufen, aber das ist nicht mein Anspruch. Ich schließe "Freundschaft" mit jedem Projekt und Freunde verkauft man nicht...

Restaurierst du eigentlich auch im Auftrag oder bist du an kommerziellen Angeboten für Instrumente interessiert? Das mache ich in den seltensten Fällen, weil sich die Suche nach Teilen manchmal so schwierig und langfristig gestaltet und es vermessen wäre zu sagen, dass ich jeden Fehler sicher beherrschen kann. Manches muss man einfach auch mal länger bei Seite legen können. Zeit und Erfolgsdruck mindern ganz wesentlich den Spaß und leider ist es auch haftungstechnisch immer ganz schwierig, wenn mit alten Geräten etwas passiert ... Man gibt ein 60/70/80 Jahre altes technisches Gerät einem Laien in die Hand und soll garantieren, dass er damit keinen gefährlichen Unfug treibt, oder seine Hütte nicht abbrennt - Das ist schwierig ...
Was das Ankaufen angeht ist das so eine Sache - einerseits suche ich inzwischen recht gezielt nach speziellen Sachen, andererseits sind in Zeiten von "Bares für Rares" die "Goldgräber" oft mit völlig überzogenen Wertvorstellungen unterwegs. Trotzdem fällt es mir immer schwer, Dinge vor die Hunde gehen zu lassen, die sonst weggeworfen würden. Selbst Kartons, Prospekte und so weiter sind interessant. Ich versuche fair zu sein, aber wenn ich alles kaufen müsste, was die Menschen so finden, würde ich verhungern ..."

…aber das will natürlich niemand und deshalb lassen wir dich schön weiter deiner Leidenschaft frönen und freuen uns auf weitere Ausstellungen und Unterhaltungen mit dir.
Der nächste Termin steht nämlich schon fest: Zur 18. Weseler Kulturnacht am 21. September, im "Atelier Haupttor", An der ZItadelle 6, 46483 Wesel.
Mögliche weitere Termine verkünde ich dann hier und bis dahin freue ich mich, dass ein so netter und interessanter Kerl in meiner Stadt lebt!

Ach, und liebe Damenwelt:

Es sei noch erwähnt, dass der Mittvierziger Single ist. Aber ACHTUNG: Vorsicht, wenn er fragt ob ihr mal seine Schallplattensammlung sehen wollt – DAS könnte dann etwas länger dauern….

Autor:

Heike Mühlen aus Wesel

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