Mit Wesels Tafelgründer ein paar Blicke zurückwerfen
Tafel kann jeder sein

Gerd Berg am 12.03.20. Hinweis: das Treffen fand am 12.03. vor Inkrafttreten der Kontaktbeschränkungen statt.
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  • Gerd Berg am 12.03.20. Hinweis: das Treffen fand am 12.03. vor Inkrafttreten der Kontaktbeschränkungen statt.
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Gerd Berg ist … wie sagt man das am besten … »Querulant mit Herz«. Der erste Begriff ist keine Stigmatisierung und der zweite ist keine rein anatomische Angabe. Querulant deswegen, weil er sich herzlich wenig um Fließrichtung des Flusses schert — denn wenn nur tote Fische mit dem Fluss schwimmen, dann ist er eben quicklebendig. Gerd Berg gehört zu diesen Menschen, die den Alltag und seine Konventionen hinterfragen und mit ihren eigenen Antworten darauf den inneren Tatendrang speisen. Und mit »speisen« kommen wir auch schon zum Punkt: Speisen. Noch genauer: »Speisung der Armen«.

Im späten 1998 nahm er sich vor, Probleme der Lebensmittelversorgung für arme Menschen selbst in die Hand zu nehmen — und eben nicht in der Weltschmerz-Schublade des hilflosen Zusehens zu verstauen. Darum brachte er durch eine simple Vereinsgründung November 1998 in Wesel die 80ste Tafel in Deutschland zur Welt. Damit steht er mit der Weseler Tafel übrigens ganz am Anfang einer Entwicklung, die bis heute über 900 Tafeln hervorgebracht hat.

Wenn man sich die damaligen Zeitungsartikel und Werbeflyer anschaut, springen einem Appelle in die Augen, die ermahnen, dass über 20% aller Lebensmittel weggeschmissen werden. Heute, 20 Jahre später, sind es in Deutschland sogar 40% Prozent. Gewisse Dinge ändern sich wohl nicht zum Besseren und die Schere zwischen Arm und Reich spreizt sich munter zum Bersten der Schraube in der Mitte.

Berg hatte damals eine Art humanistisches Äquivalent zum heutigen, digitalen »sozialen Netzwerk« in Gang gesetzt: er suchte Händler, die so viele Überschüsse im Lager oder in ihrer Gutmütigkeit hatten, dass sie bereit waren, Lebensmittel zu spenden. Und er suchte Lieferanten, die Leerfahrten dazu nutzen konnten, diese Lebensmittel zu transportieren. Er suchte Kühltruhen, Lager, er suchte einen Laden, um aus dezentraler Beschaffung eine zentrale Versorgung zu machen. Und immer lautete die Parole dahinter: einfach machen. Wenn es kein anderer macht, muss man es selbst tun.

Dieses im Herzen befindliche System der kurzen Entscheidungswege hat ihm beim Aufbau der Weseler Tafel so viel Kraft gegeben, bis ihn eine Krebserkrankung aus dieser produktiven Bahn warf. Seine lebensbejahende, unverkrampfte und offenherzige Art hat er dadurch nicht eingebüßt, jedoch schraubte er sein Engagement für die Tafel runter. Sie lief weiter, wie auch das Leben.

Die Motive, die Vorsätze, die Wünsche um mehr Gerechtigkeit blieben ihm indes erhalten. Das merkt man in jedem Gespräch mit ihm. Solch eine Einstellung ist offensichtlich, einmal in die Lebenssicht eingefügt und verankert, integraler Bestandteil des Denkens.

Und nun, gute zwei Wochen, nachdem Gerd Berg und ich einen Kaffee getrunken haben, ist die Welt eine andere. Und nun überlege ich: Tafel ist mehr als ein Verein. Ist mehr als ein Ort. Ist mehr als eine blanke Hilfestellung. Die Tafel war für Gerd Berg eine Möglichkeit, zwischenmenschlichen Aktionismus als Muskel einzusetzen, um Dinge zu bewegen. Und damit meine ich nicht die Sprinter voll mit Lebensmitteln, sondern, dass Menschen durch die Tafel Etwas gereicht wurde, dass auf sie zugegangen wurde.

Wir können alle ein Stück weit unsere eigene Tafeln sein. Das fängt schon allein damit an, dass wir uns nicht gegenseitig das Toilettenpapier und Babymilchpulver wegkaufen. Aber das ist ja nur der Anfang. Kein Egoist zu sein, ist keine Kunst. Da geht noch mehr. Wenn man diese Strecke der Hilfsbereitschaft weiter entlangschlendert, tun sich noch mehr Möglichkeiten auf: offenen Auges und offenen Herzens durch die Welt wandeln … und Teilen nicht als Verlust, sondern als Umwandlung zu sehen. Denn was wir teilen, wird für uns persönlich stofflich weniger, ist aber dafür die hoffnungssprudelnde Vitamintablette für eine erfrischendere Welt. Es braucht immer nur einen, der's macht.

Autor:

Timothy Kampmann aus Wesel

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