Erste Löfflerbrut in NRW
Seeadler, Löffler und der Wert der Ruhe

Löfflernest mit Jungvögeln
  • Löfflernest mit Jungvögeln
  • Foto: Hans Glader
  • hochgeladen von Thomas Traill

Irgendetwas muss anders sein auf der Bislicher Insel. Warum sonst schlägt der Blitz hier zweimal ein? Vor drei Jahren gelang in den Tiefen der Kernzone der erste Brutnachweis des Seeadlers in Nordrhein-Westfalen. In diesem Jahr dann das gleiche in Weiß: am 4. Mai 2020 entdeckte Ulrich Gräfer, Ranger beim RVR, dort bei einem Kontrollgang gleich mehrere besetzte Nester des Löfflers, wiederum die ersten, die je in unserem Bundesland dokumentiert wurden. Ornithologen vor Ort hatten die Entdeckung seit Jahren kommen sehen und für 2019 hatte die Biologische Station im Kreis Wesel an derselben Stelle einen Brutverdacht geäußert. Es ist kein Zufall, dass sich die Geschichte wiederholt. Doch dazu gleich mehr.

Seeadler und Löffler sind ungleiche Geschwister. Ersterer ist ein Riese selbst unter Greifvögeln, der unter Bussarden emporragt wie ein Bussard unter Tauben. Es verwundert nicht, dass er zum Bundeswappenvogel erkoren wurde, obwohl der elegante Rotmilan als einzige Vogelart mit Schwerpunkt Deutschland vielleicht sinniger wäre. Der Löffler dagegen … Was ist ein Löffler? Die meisten haben von ihm wohl noch nie etwas gehört. Er ist weder gewaltig, noch ein Greifvogel. Als Wappentier gäbe er ein entschieden kurioses Symbol ab: knapp reihergroß, weiß wie die Unschuld (eine zart vergilbte Unschuld allenfalls) mit einem kurzen Federschopf, langen, schwarzen Beinen und ebensolchem Schnabel.

Wobei „lang und schwarz“ den Schnabel unter Wert verkauft, denn das namensgebende Werkzeug verbreitert sich an der Spitze unverhofft zu einer fragil wirkenden, orangegelben Löffelform: eine eklatante Ausnahme, die unter den Brutvögeln Europas sonst nur die Löffelente in Ansätzen zeigt (übrigens auch eine Bewohnerin der Bislicher Insel). Die erste Frage der Biologie ist: was bringt das? Es stellt sich heraus, dass diese Schnabelform sich hervorragend zum sogenannten Seihen eignet: dabei schwenkt der Vogel die Schnabelspitze durch seichtes Wasser hin und her und filtert so Kleintiere heraus. Größere Nahrung wird hochgeworfen und verschluckt. Schon die Küken im Nest entwickeln kleine, rosafarbene Löffel, die aber erst später zur vollen Gestalt auswachsen und im Alterskleid dunkel werden.

Wieviele Löffelschnäbel 2020 auf der Bislicher Insel herangewachsen sind, lässt sich nicht sicher sagen. Wir gehen von 10 bis 12, Paaren aus, maximal 15. Bei der letzten Kontrolle wurden 14 Jungtiere gezählt, von denen einige aber schon flugfähig waren. Möglicherweise waren also weitere Jungtiere schon ausgeflogen. Andererseits können einzelne auch zugeflogen sein, denn seit Jahren halten sich flügge Junglöffler an den Flutmulden auf der Bislicher Insel auf, von denen viele sicher von den nächsten Brutplätzen stammen: vierstellige Zahlen brüten mittlerweile sowohl an der niederländischen als auch an der deutschen Küste. Hierher dürften auch die Vorfahren unserer Löffler kommen. Warum erst jetzt? Der Löffler brütete schon vor 1900 zahlreich in den Niederlanden, doch dank der Zerstörung von Feuchtgebieten sank der Bestand im 20. Jahrhundert auf nur rund 500 Paare. Deutschland war damals unbesiedelt und erst seit 1995 gibt es regelmäßige Bruten. Seither ist der Bestand an der deutsch-niederländischen Nordseeküste auf knapp 5000 Paare angewachsen, Tendenz steigend. Seit mindestens 2003 rasten Jahr für Jahr Löffler auf der Bislicher Insel, besonders im Spätsommer, wenn flugfähige Familien eintreffen. Nach stetiger Zunahme waren es zuletzt meist 40-80 Exemplare, im Ausnahmejahr 2016 bis zu 248. Seit 2014 sind –vielleicht als Folge des Klimawandels– auch in jedem Winter einzelne Tiere zu sehen.

Warum die Bislicher Insel? Was ist hier anders? Die Antwort lässt sich mit einem Wort fassen: Ruhe. Die breiteste, einseitige Flussaue im Kreis Wesel ist in ihrer Kernzone ein mehrere Quadratkilometer großes, unzerschnittenes Mosaik aus Auwald, Wasser, Grünland und Schilf. Dank der weit verzweigten Gewässer sind viele Bereiche unzugänglich, sowohl für erdgebundene Beutegreifer, die den bodennah brütenden Löfflern gefährlich werden können, als auch für den Menschen. Wo sonst in Nordrhein-Westfalen gibt es auf so großer Fläche so wenig Störung? Außerhalb der Gebirgslagen ist dergleichen in ganz Deutschland eine absolute Rarität, denn die Intensivierung von Landwirtschaft, Verkehr und Versiegelung lassen solche Gebiete kaum zu. Hier aber hat der RVR als Flächeneigentümer gemeinsam mit der Biologischen Station im Kreis Wesel in Sachen Naturschutz Ernst gemacht, jegliche Nutzung ausgesetzt und somit ein seltenes Stück Wildnis geschaffen. Damit haben Löffler und Seeadler alles, was sie brauchen. Und vielleicht nicht nur sie. Wir warten mit Spannung darauf, welche neuen Entdeckungen die Folgejahre bringen werden.

Autor:

Thomas Traill aus Wesel

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