Corona-Notstand in Norditalien / Facebook-Austausch mit Astrid, einer Schulfreundin aus der Zeit vor 1984
"Es gibt keine Intensivbetten mehr - sie entscheiden schweren Herzens über Leben und Tod"

Da ahnte noch niemand etwas: Die ehemaligen Mitschüler beim Abitreffen in Dinslaken (von links) Mokka, Andreas, Astrid, Frank und Alex.
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  • Da ahnte noch niemand etwas: Die ehemaligen Mitschüler beim Abitreffen in Dinslaken (von links) Mokka, Andreas, Astrid, Frank und Alex.
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Jeder mochte Astrid – damals in der Oberstufe. Dieses zierliche Püppchen mit der rauchigen Stimme, immer freundlich und interessiert. Meistens gut drauf, menschlich und offen. Manchmal auch ein bisschen traurig. Es gab lockere Schnittmengen zwischen unseren Cliquen, man traf sich gelegentlich auf Partys.

Dann kam die Abi-Zeit am Theodor-Heuss-Gymnasium in Dinslaken, im Frühling 1984. Ich glaube, wir hatten gemeinsam Englisch-LK und Deutsch Grundkurs, die Astrid und ich. Letzter Schultag im April, danach war Lernen angesagt. Bei ihr wahrscheinlich mehr, weil sie fleißig war. Bei mir weniger.

Schon nach dem Abitur verloren wir uns aus den Augen. Ich musste erstmal ins Krankenhaus, meinen blöden Kreuzbandriss reparieren lassen. Astrid verschlug es zunächst für zwei Jahre nach Köln, um Sprachen zu studieren, weil sie (von Haus aus) nicht Design studieren sollte. Hat es aber dann doch geschafft, nach Bielefeld für ein Modedesignstudium zu gehen. 1991 zog es Astrid schließlich  nach Mailand. Sie war sehr interessiert an Mode und ihre Mama stammte daher. So viel weiß ich noch.

Als dann Facebook erfunden wurde und ich dort vor acht, neun Jahren erste vorsichtige Schritte machte, trafen wir irgendwann wieder aufeinander. Doch der Austausch war alles andere als intensiv. Mir war und blieb Facebook immer unheimlich, ich mochte diese private Schreiberei in einem digitalen Dialogfenster nie sonderlich. Und Astrid? Kein Ahnung. Jedenfalls setzte ich über die Jahre hinweg den einen oder anderen Kommentar unter ihre Posts. Aber die kann man an zehn Fingern abzählen.

Dann tauchte plötzlich Corona auf, die alte Schlampe. Nachdem sie es nach Europa geschafft hatte, kristallisierte sich Norditalien bald als der neuralgische Fixpunkt für die Ausbreitung des Virus‘ heraus. Und je mehr die Nachrichten aus der Region berichteten, desto öfter musste ich an Astrid denken. Die sorgenvolle Astrid mit der sozialen Ader, die sich immer gern kümmerte.

Doch als sie auf meine PN antwortete, hatte ich schnell einen Kloß im Hals. Völlig blauäugig, in ihren Augen vielleicht auch oberflächlich, frage ich sie, ob wir ein Interview machen sollen über ihre Situation, das Leben in Mailand.
Astrid signalisiert Einverständnis. Sie schickt mir ein paar Lachsmileys und empfängt meine Anfrage, die ich mit dem Internetlink zu einer Meldung der Stadt Hamminkeln garniere, die zu dem Zeitpunkt Veranstaltungen mit Menschenmengen über 100 verbietet.

Sie antwortet:  "Hallo Dirk, ich lebe nicht direkt in Mailand sondern in Cesano Boscone, eine kleine grüne Vorortstadt von Mailand mit ca. 23.000 Einwohnern. Habe gerade noch rechtzeitig vor Ausbruch des Virus mein Studio aus Milano rüber geholt. Ein Glück!!! Sonst hätte ich diese Jahr noch die hohe Miete zahlen müssen! (….) 
Ich glaube, ihr seid euch des Ernstes der Situation nicht bewusst.... die Straßen sind leer und die Polizei fährt rum, um zu kontrollieren.... Mit Lautsprechern erinnern sie uns daran, zu Hause zu bleiben. Ich verlasse das Haus auch nicht mehr, nur zum Einkaufen und das passiert das nächste Mal in 10 Tagen und das ist jedesmal ein Risiko. (…) Das, was du mir an Fragen schickst, war schon vor 3 Wochen bei uns. (…) hat nicht genug gebracht.... schick mir die Fragen, aber ich denke ihr wisst schon alles... .... ihr wollt es nur nicht wahrhaben, dass das Virus keine Grenzen kennt. (...)  
Das war am 13. März 2020.

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Dann schicke ich ihr meinen Fragenkatalog rüber. Schon bald bekomme ich aufwühlende Zeilen zu lesen …
"Ich hab so viele angestaute Emotionen. Ich fühle mich körperlich gut, auch wenn ich durch die Saison etwas erkältet bin, aber ich habe gelernt, es vom Coronavirus zu unterscheiden (ich hoffe es zumindest) und teste mich jeden Tag:  Temperatur, Atemtätigkeit und wie der Husten ist. Generell bin ich nervös, ich mache mir Sorgen um meine Familie und Freunde in Deutschland und weltweit.

Ich mache mir Sorgen, wen es als nächstes erwischt, vielleicht mich selbst oder - noch schlimmer -meinen Lebensgefährten oder meinen Bruder oder meine älteren Verwandten. (…) Die Krankenhäuser sind voll und es gibt keine Intensivbetten mehr und all die, die eingeliefert werden, benötigen meist ein Intensivbett, sie können nur schwer atmen und die Ärzte entscheiden je nach Fall, wem sie es geben. Sie entscheiden schweren Herzens über Leben und Tod.

Ich bin 55 und habe da sicherlich keine Chance zu überleben, wenn mein Immunsystem überreagieren würde. Sie würden sicherlich das Atemgerät einem jüngeren Patienten geben und die Krankenhäuser sind voller junger Menschen mit schlimmer Lungenentzündung: (…) Die Anfangsinformationen waren falsch und die Jugendlichen zu leichtsinnig, da hier gesagt wurde, dass hauptsächlich alte und kranke Menschen sterben würden. Deswegen bin ich nervös und weil die Ärzte und das Pflegepersonal selbst immer müder und auch krank werden und keine konkrete Hilfe aus Europa kommt. Es fehlt an Bluttransfusionen, (…) es muss gespendet werden, aber die Leute gehen nicht, weil sie Angst haben, sich dort anzustecken.
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(…) Hier wurden vor 3 Wochen im gleichen Zuge sofort alle Schulen, Unis, Museen und Sportclubs, Discos und andere öffentliche Aktivitäten verboten. Die Leute haben es trotzdem unterbewertet und sind mit ihren Kindern in die Berge und ans Meer in ihre Zweitwohnungen gefahren und dachten, sie wären dort sicher. Daraufhin hat der Staat letzten Samstag beschlossen, dass wir alle zuhause bleiben sollen.
Wir dürfen nur fürs Nötigste raus und müssen einen ausgefüllten Vordruck mit uns rumtragen, der erklärt, wo wir hingehen: Sollte es eine falsche Angabe sein, wird es gerichtliche Folgen haben. Das hatte eine Flucht der Süditaliener nach Südtalien zur Folge und hat somit auch den medizinisch schlechter versorgten Süden getroffen - eine Dummheit dieser Leute.
(…) Inzwischen sind nur noch Apotheken, Supermärkte und Geschäfte, die zum täglichen Leben wichtig sind, geöffnet, (…) es ist schlimmer als ihr denkt. (…) Wenn es wahr ist (was ich auch glaube), ist das Virus seit Dezember unter uns und ich war schon in vielen riskanten Situationen in der Zwischenzeit. Ich hatte bis jetzt Glück."

Es vergehen einige Tage, in denen ich immer besser begreife (zumindest glaube ich das), welchen Herausforderungen wir uns in nächster Zeit stellen müssen.
Dann schreibt Astrid mich an …

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- Samstag, 21.März
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Hallo Dirk, sei mir nicht böse, ich bin müde von all dem Gerede und habe Angst. Ich mag kein Interview geben. Ich werde jeden Tag von Messages und Anrufen bombardiert.
Ihr seht bald selbst, was passiert. Ich kann nicht mehr, ich bin sooo traurig!! Ich bin nur froh, dass meine Mutter das nicht erleben muss und wir sie noch normal beerdigen durften. (…) Alles hat einen Sinn im Leben! Alfred Grimm sagte damals im Kunst LK, dass wir in einer Zeit ähnlich dem Manierismus leben oder auch Rokoko..... sie dauerten im Kunstzeitalter ca. 50 Jahre, vorher gab es immer eine Boomzeit wie unser Wirtschaftswunder.
Okay - die 50 Jahre sind um und siehe da, es kommt das Virus, welches die Welt vielleicht in ein anderes Zeitalter bringen wird. Ein Zeitalter der Strenge und Veränderung. (…) Ich musste oft an seine Worte denken!! Ich glaube, wir haben es wirklich mit allem in den letzten 50 Jahren übertrieben. Wir sind große Egoisten geworden und das hat Europa in dieser Krise am besten gezeigt. 
Diese Krise hat wahnsinnige wirtschaftliche Folgen, nicht nur für mich als freiberuflicher Designerin. Ich werde das ganze Jahr über keinen Auftrag mehr bekommen. Aber ich denke, es ist für viele noch viel schlimmer. (...) Viele werden sich nicht mehr von diesem Schlag erholen können.

Diese Zeilen lese ich mehrmals und versuche, den Kloß im Hals herunter zu schlucken.
Es gelingt mir nicht. Ich schlage Astrid vor, Ihre Schilderungen zusammenzufassen.

Sie willigt ein (das Ergebnis lesen Sie oben).

Wahrscheinlich überwiegt in Deutschland zurzeit noch die Zahl der Menschen, die sagen: „Hey, wir sind hier in Deutschland! Alles halb so wild, wir kriegen das in den Griff!“ Auch ich sitze in dieser Meinungsschublade.
Prinzip Hoffnung.
Und Ihr so?

Autor:

Dirk Bohlen aus Wesel

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