Geschichts-Korrekturstifte

Von einer überraschenden Erkenntnis wird man manchmal derart nachdenklich gestimmt, dass sich Recherchen, ganz von selbst, zum Manifest steigern. Das M in Manifest steht ja für Meinung. Darum gilt: lesen auf eigene Gefahr. (Eigentlich wie immer im Leben.)

Meine Mutter erzählte mir vor einiger Zeit, dass sie als Kind von ihrer reformhäuslich orientierten Mutter »Molat« bekam. Was hier klingt, wie ein seltenes Mineral ("John! Wir sind auf eine Molat-Ader gestoßen! Johnny, wir werden reich, wir werden reich!") war quasi der pulverförmige, koffeinlose Energy Drink der Nachkriegsgeneration — nur warb Molat nicht mit der Belebung von Geist und Körper oder nannte sich Energy Drink, sondern präsentierte sich (immerhin kongenial) als "Energie Depot". Ich konnte damit nichts anfangen und darum recherchierte ich ein bisschen: es besteht zu 50% aus Zucker und hat einen Kilopreis von knapp 60€, womit es dann preislich etwa zwischen Discounter-Joghurt und deutschem Beluga Kaviar steht. Nicht schlecht.

Die Firmenseite der Dr. Grandel GmbH (Hersteller von Molat) präsentiert stolz und chronologisch auswuchernd die Geschichte der Pfladermühle, die das Zentrum der Firmengeschichte darstellt. Dort heißt es, dass Felix Grandel diesen Sitz von seiner Mutter erbte. Das mag notariell so sein, aber mit der halben Elternnennung ist es auch nur eine halbe Wahrheit. Felix Grandel hat seinen Nachnamen und die marktwirtschaflichen Ressourcen doch viel mehr von seinem Vater erhalten (oder war der Feminismus doch schon so weit?): Gottfried Grandel, seines Zeichens passionierter Hitler-Unterstützer und Gründer eines Vereins, welcher die NSDAP-Parteizeitung, den Völkischen Beobachter, kaufte und dann herausgab.
Ohne die unternehmerische Vorarbeit seines Vaters hätte Felix Grandel sicher deutlich schlechtere Chancen auf dem Markt gehabt — doch aufgeführt wird eben nur die Mutter.

Ich verstehe ja diese selbstschutzmotivierte Verhüllungsstrategie und ich kann genauso nachvollziehen, dass die Firma durch Totschweigen ihr Leben von Rechtfertigungszwängen freihalten will. Sie hat das Recht, die biografische Aussage zu verweigern und ich bin nicht in der Position, ihr das strittig zu machen. So soll dieser Text nicht gedacht sein oder gelesen werden. [Unentwegt erhobene moralische Zeigefinger leiden zuweilen an Versteifungserscheinungen, auch das ist mir klar.]

Aber wie viel lernt der Mensch für die Zukunft, wenn er die Vergangenheit vergisst?
…Das frage ich mich seitdem.

Ein anderer Zweig des gleichen Themenbaums: Schüßlersalze.
Während der Zeit des Nationalsozialismus erhielt die Homoöpathie allgemein eine bis dato unerreichte staatliche Anerkennung und Förderung. Dieses politische Bekenntnis der Nazi-Führung ging soweit, dass Heinrich Himmler (selbst ein Schüßler-Überzeugter) im KZ Dachau an inhaftierten Priestern Versuche durchführen lies — dabei wurden ihnen zunächst Blutvergiftungen zugefügt, um daraufhin die Wirksamkeit einer Behandlung mit Schüßlersalzen zu überprüfen.
Das ist eine äußerst obskure Selbstreferenz: die Schüßlersalze wurden ursprünglich nach den Stoffen katalogisiert, die in der Asche Verstorbener zu finden waren ...und dann experimenterte man damit in einer Menschen-zu-Asche-machenden Hölle. Asche zu Asche.

Diese Vergangenheit wird von der Naturheilkundeindustrie durch intensiv relaxte, wellness-triefende Fotos überdeckt und verdünnisiert, verdünnt wie die Mittelchen selbst.
Die Werbegesichter (hübsch, meist sommersprossig, sowie glücksgrübchenverziert in weichem Licht), und die "heute-zeig'ichs-mal-den-Pharma-Riesen"-Kunden, die können nichts dafür und wissen nichts davon.

Aber dennoch:
als ich davon erfuhr, war ich so irritiert, mit diffusem Tatendrang aufgeladen und empört, dass ich das Bedürfnis hatte, kleine Aufkleber mit Himmlers lächelndem Gesicht zu drucken und auf die Schachteln zu kleben. Auf denen hätte in Anführungszeichen gestanden: "Ich empfehle als begeisterter Benutzer »Schüßler Salze«, und zwar ALLE!". Schüßlersalze in die (Nazi)Wunde streuen quasi. Ich habs nicht getan. Ich leg mich nicht mit Naturheilkundlern an. Bei Kritikern sind die achtsam und wachsam, die werfen mich noch zur ganzheitlichen Mundtotmache in eine Produktionsmeile für Aranea Diadema-Globuli (=in Lösemittel zerriebene, giftige Gartenkreuzspinnen). …Nein, das machen die nicht. Aber satirisch Sensible verstehen's.

Es ist geschehen, es ist vorbei, es lässt sich nicht ändern.

Die traurige Erkenntnis dieser beiden Beispiele: in so vielen Fällen sind Flashbacks einer furchtbaren Zeit versteckt, dass man mitnichten von einer abgeschlossenen Auf- und Verarbeitung sprechen kann. Sonst wäre es Selbstbetrug. Etwas über 70 Jahre vergangener Zeit sind nichts. Wie viele Lebensjahre wurden in den KZs insgesamt auf Null gesetzt? 73 Jahre sind gar nichts.

Rechtspopulisten fordern eine weniger kritische Neubewertung dieses Zeitabschnitts. Sie wollen die menschlich "entartete" (ihr Wort in meiner Feder!) Ideologie des Dritten Reichs, dieser Inquisition mit dem Knüppel der technologischen Effizienz, die Schande über dieses Land und die Menschen und sogar ein Stück weit über die Menschheit brachte, übertünchen. Sie wollen sie in eine vergessenswerte Ausformung umarbeiten. Denn was man vergisst, daraus brauch, daraus kann man keine Lehre ziehen.

Und Vergessen ist immer der erste Schritt vor dem Verdrehen. Die Scham und Schuld, die nach solchen Verbrechen entstand, hat nicht die Halbwertszeit einer, zwei oder drei Generationen. Das schmerzende Erbe dieser Zeit verklingt nicht nach wenigen Jahren, nach einem kulturgeschichtlichen Wimpernschlag, genauso wenig wie die Folgen für die Opfer und derer, die ihren Verlust verschmerzen müssen. An der Stelle, wo Erinnerung und Daseinsfreude ihrer Lieben sein sollte, klafft eine blutige Lücke. Herausgerissen vom Dritten Reich und seiner Staubvertreter. Die Größe dieser Lücke ist die Größe unserer Verantwortung.

Wir tragen zwar nicht die Verantwortung für diese Zeit. Aber wir tragen Verantwortung dafür, dass diese Zeit sich nie wieder einen Weg in die Gegenwart erkämpft. Und das geht nur durchs Erinnern, nicht durchs Vergessen.

Narben sind Souvernirs von Verlust. Sie gehören zum Körper der Geschichte. Und sie entfernen lassen zu wollen — ist blanke Kosmetik.

Autor:

Timothy Kampmann aus Wesel

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