Insektensterben und Niederwildverlust - was Landwirte und Jäger verantworten (ein Leserbrief)

Wildkaninchen
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Der Schrei der Landwirtschaft nach Dürrehilfen war nicht zu überhören. Die Landwirtschaft sollte sich mäßigen und überlegen woher das Geld für diese Hilfen kommt. Es sind Kleinbetriebe und Arbeitnehmer, die mit ihrem Steueranteil diese Leistungen aufbringen müssen. Vielen ist der Satz von Ludwig Erhard „Maßhalten“ nicht mehr geläufig.

Was ich vermisse, ist der „Aufschrei der Jägerschaft“, deren Mitglieder oftmals selbst in der Landwirtschaft tätig sind und nicht gegen sich selbst opponieren. Die frei lebende Tierwelt hat ja auch unter der lang anhaltenden Trockenheit gelitten. Erschwerend kommt die von der Industrie gepriesene Schlagkrafterhöhung hinzu, die für viele frei lebenden Lebewesen den sicheren Tod bedeutet.
 Es fängt im Frühjahr mit der Grünlandbearbeitung an, wobei der Abbau der Zaunanlagen die Bearbeitungszeit verkürzt, aber ein weiterer Rückzugsraum für Lebewesen verschwindet. Für Vögel und Insekten sind die Weidezaunpfähle eine Ansitzwarte und Unterschlupf.

Des Weiteren sind Wasserstellen weggefallen, was in diesem Sommer bei der Tierwelt zu einem Problem wurde. Schiebepumpen für Großvieh sind keine Lösung. Der weitere Arbeitsablauf beginnt mit der Wiesenschleppe, Walze und Gülleausbringung. Durch das Verfahren mit dem Schleppschlauch, der den Charakter einer Walze hat, werden hierbei alle Lebewesen in diesem Bereich zerquetscht.

Nicht viel anders ist die Schlitztechnik zu bewerten. Diese Technik wird im Acker und Grünland eingesetzt. Durch die Schlitztechnik ist die Emission geringer, aber was ist mit den Lebewesen, in der oberen Erdschicht, die direkten Kontakt mit der Gülle haben?
Ich vermisse seit zwei bis drei Jahren den robusten Mistkäfer, was hat diesen geschädigt?

Der Chemieeinsatz bedroht uns alle, im Trinkwasser sind sehr viele Stoffe nachweisbar. Die Neonix sind teilweise vom Markt, aber die verbliebenen sind für Insekten hochwirksame Nervengifte. Ein Bild in der Berufsgenossenschaftszeitung unterstreicht die Gefährlichkeit der Chemie. Hier sieht man einen Traktorfahrer der mit Schutzanzug und Atemmaske in der Fahrerkabine sitzt, während er seine Arbeit verrichtet. Sollten bei diesem Chemieeinsatz Grenzwerte erreicht werden setzt die Politik diese auf Vorgaben von Lobbyisten einfach höher an.

Viele Geräte, die in der Landwirtschaft zum Einsatz kommen, haben ein Gewicht von zirka fünf bis 20 Tonnen und was unter diese Räder kommt, hat keine Chance zu überleben. Hinzu kommen die hohen Fahrgeschwindigkeiten. Diese Geschwindigkeiten bei der Mahd, zusammen mit der enormen Breite der Gerätschaften, bieten dem Getier kaum eine Chance zu entkommen.

Es wird seit Jahren darauf hingewiesen, dass vor der Mahd die Flächen abgesucht und am Abend vorher Flattertüten aufgestellt werden. Als Jäger ist man bemüht, wenn man einen Hinweis bekommt, dies selbst in die Hand zu nehmen. Da aber die Flächen in Größenordnungen von 20-100 Hektar von einer Person alleine nicht bewältigt werden können, wäre ein verbindlicher Einsatz einer Drohne von Nöten.

Damit ist das Problem des Ausmähens und das Zerfleischen von Haarwild jedoch noch nicht gelöst, denn in Grünlandregionen ist am Ende eines Tages fast jede Wiese gemäht. Das aus der abgesuchten Wiese gerettete Wild ist also in der angrenzenden Fläche zu Schaden gekommen.
Da dieses Grünland keine Blumen aufweist, ist es für Insekten ein Lebensraumverlust. Aus diesem Grund muss jeder Grundstückseigentümer(Jagdgenosse) gegensteuern, indem er Blühflächen anlegt. Es genügt nicht eine Reihe Sonnenblumen an einer Maiswüste anzulegen, sondern es muss eine großflächige Anlage erfolgen. Den Landwirten entsteht bei richtiger Antragsstellung keinerlei Schaden und sie bereichern damit die Umwelt ungemein.
Durch die Weiterentwicklung der Gerätschaften werden Feldgrenzen verwischt, so dass Ackerraine verschwinden. Dies bedeutet erneut einen Lebensraumverlust. Durch die Arbeitsbreiten, die der Fahrer nicht überschauen kann, ist jedes Lebewesen vom Tode bedroht.

Ich habe mich in Hessen umgesehen und war begeistert, wie viele Bewirtschafter Blühflächen von 0,25 Hektar und Streifen nach Vorgaben der Richtlinien angelegt haben. Das Rheinland ist da weit im Hintertreffen. Da Insekten fehlen ist der Bestand an Singvögeln zurückgegangen, was durch ein Verstummen in der Landschaft erkennbar ist. Die Zunahme der Raupen an Buchs- und Obstbäumen ist klar zu erkennen. Der Jagdwert dieser Flächen tendiert gegen null.

Es darf die Frage erlaubt sein, wann die Grundstückseigentümer von bejagbaren Flächen(Jagdgenossen) die Jäger für ihr Handeln entlohnen, denn die Jagd auf Hase, Fasan, Kanin und Feldhuhn ist als Einzel- und Gesellschaftsjagd vorbei.
Da sich die Aufgabe der Jäger im Laufe der Zeit immer mehr zu der eines Schadwildbekämpfers gewandelt hat, stellt sich die Frage nach der im vorherigen Satz angesprochenen Entlohnung. Um im Rahmen der „Afrikanischen Schweinepest (ASP)“ die nötige Vorsorge und parrallel dazu die Wildschadensbegrenzung durch den stark erhöhten Schwarzwildbestand zu betreiben, bedarf es einem Zeitaufwand von 1 Std. bis zu 50 Std., um einem Schwein habhaft zu werden.

Die politisch geförderte Landwirtschaft, mit all den Subventionen ohne Gegenleistung für die Natur und Umwelt(Trinkwasser), ist gut für deren Nutzer. Aber wann kommt der Zeitpunkt, an dem die Bewirtschafter ein Verantwortungsbewusstsein entwickeln und sich fragen: „Wann steuere ich um?“. Sie müssen der Landschaft, in der sie selbst und alle Getiere leben, etwas zurückgeben und diese lebenswert erhalten.

Der §1 des Bundesjagdgesetzes regelt u.A. die Entnahme von Wild aus der Natur. Mit dem Eigentum an Grund und Boden ist auch gleichzeitig das Jagdrecht verbunden. Das beinhaltet aber auch die Verpflichtung durch dementsprechende Hegemaßnahmen einen gesunden und artenreichen Wildbestand zu erhalten. Der §1 fand in der Vergangenheit meines Erachtens nach jedoch nicht genügend Beachtung.

Ich habe dieses Thema bereits im Jahr 1986 angesprochen. Mein Vorschlag war damals, die Jagdpacht nicht vollständig auszuzahlen, sondern anteilig für Biotope zu verwenden. Daraufhin begegnete mir der damalige Vorsitzende der Jagdgenossenschaft mit der Auffassung, dass dies nicht Gegenstand einer Beratung sein könne, da jedes einzelne Hobby Geld koste.

Seiner Meinung nach muss jeder, der sich dieses Hobby erlaubt, auch das nötige Kleingeld aufbringen um dieses vollumfänglich auszuleben.

Meine Frage ist jetzt: „Kann es sein, dass wir Jäger als Finanzier für alle Landeigentümer her halten müssen….? “.

Ich hoffe auf Verständnis von allen Seiten für meine Ausführungen und auf blühende Landschaften und ein ansehnliches Wildvorkommen.

Wilfried Schnier, Hamminkeln

Autor:

Lokalkompass Kreis Wesel aus Wesel

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