Beleidigte-Leberwurst-Brief eines Vegetariers an den VHS Kursraum 300
Da macht man's sich aber zu einfach!

Die VHS bietet jetzt am 30.03. einen Kurs an, um mit Leuten wie mir klarzukommen. Mit der »Generation Ich zuerst«. So heiße ich da nämlich. Meint also, laut Programmankündigung: "Die Gruppe der unter 35-jährigen, die […] wenig Respekt vor Alter und Hierarchie [hat] und in einem geringeren Maß direktive Führung [akzeptiert]. […] Diese Gruppe hat ein höheres Selbstwertgefühl als frühere Generationen. […]"
…Ich komme mir beim Lesen vor, wie der schlimmste Egoist auf Erden seit dem Jahr der Veröffentlichung von Linux.

Die Sache ist nur die…

Jede Generation ist die innenwandige Ausformung der Gefäßkontur ihrer Zeit. Bitte nochmal lesen, der Satz ist wichtig und bittet Neonmarker in näherer Umgebung um liebevolle Zuwendung. Also: jede Generation ist die innenwandige Ausformung der Gefäßkontur ihrer Zeit. Das gilt für konformistische Zöglinge, die sich den Spielregeln ihrer Umwelt (in Erwartung von Privilegs-Partizipation) freudig unterwerfen — und das gilt genauso für diejenigen, die sich als Antidot kollektiver Irrtümer auffassen und sich quer[denkend] zur Gesellschaft stellen. Sie alle REagieren (wohlgesonnen oder missgünstig) auf ihre Zeit, ihre Welt, deren Werte und Perspektiven. Sie sind in ihrer Handlung determiniert von ihrer Umgebung. Denn — zum Beispiel — braucht auch der Querdenker einen Anfangswinkel, von dem er abstehen kann. Sie sind alle (geliebte oder ungeliebte) Kinder ihrer Zeit.

Deswegen ist zwar jede Generation auf ihre Ära gepassmarkert; aber keine Generation ist in sich konsistent und deswegen ist der Generationsbegriff an sich ein Scheinfaktum. Ein Cluster mit simpelsten Sortierregeln. Daraus könnte man Alles machen. …Wenn man Kategorien nämlich richtig setzt, wäre sogar gepuffter Weizen identisch mit Lava (schließlich wird Beides bei der Erzeugung erhitzt). So einfach is' es aber net.
Wenn eine Generation die berechenbare Ausgeburt von gleichgeschalteten Gesinnungsgenossen wäre, dürften wir uns vor lauter Abwägbarkeiten und Harmonie gar nicht mehr aus dem Haus trauen, damit wir draußen von Jahrgangskolleg*innen nicht zu Tode gekuschelt werden.

Da ergötzt sich die Kursleiterin an der VHS also an der Analyse eines Subjekts, das erst als solches fixiert und definiert wurde. Ein komlexitätsreduziertes Subjekt, das in die Maschinenverarbeitbarkeit des abgedroschenen Coachingbetriebes getrieben werden musste. Und anschließend wird Angst geschürt, den Anschluss an ein Menschenbild zu verpassen, welches einem erst in Bob-Ross-Manier an die Leinwand des Projektionsbedürfnisses geklatscht wurde.

Ich bin diese »Generation Internet«. Und dieses Internet hat mir auch folgende Denkart in die grauen Zellen verlinkt: sei offen, aber sei aufmerksam, sei neugierig, aber abwägend, sei skeptisch, sei kritisch — und sei immer klüger als dein erster animalischer Impuls. Dass dadurch kein nennenswertes Hierachiebedürfnis entsteht, ist eine logische Konsequenz dessen und kein Produkt übermäßigen Egoismus'. Laut Teasertext scheint es sich bei der Generation Ich um narzisstische Rowdies zu handeln, die in ihrer vielen flexiblen Freizeit Apps programmieren, die Stechuhren in Alarm für Cobra 11-Manier zum Explodieren zu bringen.

In jedem Fernsehbeitrag über Integration sieht man Frauen mit Kopftuch von hinten, wie sie sich aus dem Bild entfernen. Das Gesicht und der Mensch sind den Kameraleuten egal — denen geht es ums Hinterherschauen; es ist nicht die Person, die da im Bild zu sehen ist, es ist ein entpersonifiziertes Symbol.

Die Unter-35-Jährigen müssen innerhalb dieser »Fortbildung« jetzt genauso herhalten: als Klischee, dessen Maße nach Berechnung schreien und als soziologisches Phänomen, das Führungskräften vermittelt werden müsste.

Man braucht aber keinen Kurs, der einem sagt, wie man mit Menschen zu hantieren hätte, die gemeinsam eine Generation bilden.
Mittler zwischen Hirn (Arbeitgeber) und Händen (Arbeitnehmer) muss das Herz (Einfühlungsvermögen) sein — das ist ein Gedanke von Fritz Lang. Und der war mit seinem Geburtsjahr 1890 »Generation Fotografieranstrich bei Dampflokomotiven«! (Um den fehlenden Reichtum an Schattierungsabstufungen in den vielen Schwarzbereichen der Loks auszugleichen, wurden diese vor dem Fotografieren komplett grau angemalt, damit sie auf dem Bild heller und plastischer wirkten). Und dieser Gedanke gilt noch immer.

Ich bin jetzt grad mit diesem Beitrag für eine ganze Generation in die Bresche gesprungen. Wat bin ich für 1 Ehrenmann.

Autor:

Timothy Kampmann aus Wesel

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