"Es darf auch gelacht werden!" Aus dem Erfahrungsschatz des Sterbebegleiters Winfried Gielen

Winfried Gielen
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Es darf gelacht werden. Ja, es kann richtig lustig sein. Wie an dem Nachmittag, als sich Winfried Gielen und sein Schützling stundenlang Witze erzählt haben. Oder als er mit einem Mann im Rollstuhl unterwegs war, der Gielen Dritten so vorstellte: „Das sind meine Beine.“

Winfried Gielen ist stellvertretender Vorsitzender der Hospiz-Initiative Wesel und seit zehn Jahren als ehrenamtlicher Sterbebegleiter unterwegs. Wenn er über seine Erlebnisse und den Tod spricht, dann ist das ohne Pathos, aber trotzdem emotional und vor allem erfrischend locker und lebensbejahend. „Wer weiß, dass er sterben muss, der weiß, dass er nur noch eine sehr begrenzte Lebenszeit hat.“ Gielens Wunsch: Auch in einer solchen Situation noch Lebensfreude zu vermitteln.

Um andere gekümmert hat sich der heute 68-Jährige immer schon. 15 Jahre lang um eine Tante, die älteste Schwester seines Vaters. Sie wohnte nur wenige Häuser weiter. Anfangs war sie noch sehr selbstständig, brauchte höchstens Hilfe beim Schneeschaufeln oder wenn etwas im Haus kaputt war, später brachte er ihr Essen, half ihr bei alltäglichen Verrichtungen, schaute, dass sie abends sicher ins Bett kam. In dieser Zeit war Gielen noch berufstätig. Damit seine Tante nicht alleine war, wenn er arbeiten musste, fand er eine ältere Dame, die diese Stunden abdeckte. „Sie sollte bis zum Schluss in ihrem Haus leben können.“

Die Erfahrung hat ihn geprägt, „weil ich eine Menge zurückbekommen habe“. Sein Blickwinkel habe sich geändert, bis dato hatte er zwar auch viel für andere getan, „aber um etwas zu erreichen. Jetzt mache ich das einfach.“ Sein zweites Schlüsselerlebnis: Bei einem Kongress lernte er jemanden kennen, der regelmäßig die Hälfte seines Jahresurlaubs nutzte, um sich in einem Altenheim zu engagieren. „Das fand ich toll. Hier in Wesel kam ich regelmäßig am Martini-Stift vorbei. Und man sagt sich, da musst du einfach mal reingehen, aber du machst es dann doch nicht.“

Und dann las er, dass die Hospiz-Initiative wieder ehrenamtliche Sterbebegleiter sucht. Er meldete sich für den Vorbereitungskurs an, ließ sich aber ein Hintertürchen offen: „Ich habe gleich gesagt, wenn ich merke, dass das nichts für mich ist, dann stehe ich auf und gehe wieder.“ Er ist geblieben. Anfangs vielleicht, weil der Kurs ganz anders war als erwartet „Natürlich haben wir die praktischen Dinge, die ein Sterbegleiter können sollte, gelernt. Aber in erster Linie ging’s zunächst um uns selbst, um unsere Vorstellungen, Ängste und Überlegungen zu Tod und Sterben. Das war schon etwas überraschend.“

Wie viele Begleitungen Winfried Gielen in den vergangenen zehn Jahren übernommen hat, kann er heute gar nicht mehr sagen. Die Zahl ist auch nicht wichtig, im Gedächtnis bleiben die Menschen, die Gespräche, die Erlebnisse. Und das, was er gelernt hat. „Anfangs habe ich immer gedacht, bin ich froh, dass ich meine ‚Fehler‘ alleine machen darf.“ Wie bei der alten Dame, eine seiner ersten Begleitungen.

Der Raum im Krankenhaus sei kalt gewesen. Zumindest habe er das so empfunden und dabei vollkommen vergessen, dass sich im Alter und im Sterben die Empfindungen verändern, auch für Temperaturen. Also ging es hin und her. Sie schob die Decke an die Seite, er zog sie wieder rüber. „Bis sie mir auf die Finger gehauen hat. Die Decke blieb da, wo die Dame wollte, und prompt drehte sie sich um und schlief ganz ruhig.“ Viele Kochshows hat er mit einem anderen Patienten gesehen. „Ein begeisterter Esser und Koch, aber er konnte das selbst nicht mehr tun.“ Also schauten sie gemeinsam Kochshows an.

Unvergessen auch der alte Herr, in einem Privathaus irgendwo weit draußen, der mitten in der Nacht ein Bier haben wollte. „Ich wusste nicht, ob er überhaupt eins hätte haben dürfen. Um ihn von seinem Bier abzulenken, habe ich ihm versucht zu erklären, dass mitten in der Nacht keine Kneipe mehr geöffnet habe!“ Also gab’s kein Bier, bis am nächsten Morgen die Tochter des Hausherrn kam und den Wunsch ihres Vaters sofort erfüllte. Ein Schluck Bier aus dem Kühlschrank in der Schnabeltasse serviert. „Jetzt war ich für die nächste Nacht gewappnet“, sagt Gielen. Sein Pech: Da gelüstete es dem Patienten nicht nach Bier, sondern nach Milchsuppe.

Winfried Gielen übernimmt häufig die Nachtwachen von zwei bis sechs. Als er noch berufstätig war, ist er danach arbeiten gegangen, heute legt er sich dann doch noch einmal hin. Nicht jeder, den er begleitet, möchte so viel reden, wie die alte Dame, mit der er nachts vier Stunden über das alte Wesel vor dem Krieg gesprochen hat. Mancher will nicht mehr oder kann nicht mehr reden. „Dann sind die Stille und Ruhe Meditation pur.“ Und zur Not hat er immer ein Buch dabei. Er erinnert sich gut an eine Begegnung im Krankenhaus.

„Als ich kam, um die Kollegin abzulösen, sagte mir die Altenpflegerin, dass die beiden ein gutes Gespräch hatten, sie würden gerade ein Hotel einrichten.“ Prima, dachte er sich, da kann ich ja gleich mit einsteigen. „Von wegen. Der alte Herr reagierte überhaupt nicht auf mich.“ Bis ihm klar geworden war, dass es nicht um das Thema Hotel ging, sondern um das Gespräch mit der Begleiterin, die er abgelöst hatte. „Dass es aber überhaupt nicht passt, das ist äußerst selten. Da muss ich unseren Koordinatorinnen ein großes Kompliment machen, sie schauen genau hin, wer mit wem am besten kann.“

Wenn Winfried Gielen über sein ehrenamtliches Engagement mit Außenstehenden spricht, dann hört er oft den Satz: „Ich könnte das nicht…“ Das habe er nie gedacht, sondern sich einfach darauf eingelassen. Mit dem Ergebnis, dass er viele „beeindruckende und auch lustige Momente erlebt“ hat. Natürlich auch traurige, denn immer wieder muss er Abschied nehmen von Menschen, die er begleitet hat. In Supervisionsgruppen verarbeiten die Ehrenamtlichen ihre Erlebnisse. Wird er eingeladen, dann geht Gielen auch zu den Beerdigungen. Auch als persönlichen Abschluss für ihn.

In zehn Jahren als Sterbebegleiter habe er eine neue Art von Gelassenheit gewonnen, auch in extremen Situationen. Zudem habe sich seine Einstellung zum Tod verändert. „Ich weiß, was passieren kann. Einerseits ist das Lebensende etwas Normales, wir müssen alle sterben, andererseits ist es ein sehr besonderer Moment.“

"Schöner sterben?" (Vortrag und Theater)

 Schöner sterben? Ja, Sie lesen richtig. Das ist eine durchaus ernst gemeinte Frage. Genau wie diese: Macht Begleitung das Sterben schöner? Wer jetzt neugierig geworden ist, sollte sich den 16. Mai frei halten: An diesem Abend feiert die Hospiz-Initiative Wesel ihren 25. Geburtstag. Mit einem Vortrag von Dr. Christoph Hutter. Titel: „Schöner Sterben? Macht Begleitung das Sterben schöner? Rückfragen an eine lebensrettende Einrichtung?“. Hutter ist Theologe und Pädagoge, er leitet ein psychologisches Beratungszentrum in Lingen an der Ems. Passend zum Vortrag gibt es drei Schauspielszenen, die das Ensemble des „echtzeit-theater“ Münster mit Studentinnen und Studenten des Instituts für Theaterpädagogik der Hochschule Osnabrück erarbeitet haben.

Die zentrale Jubiläumsveranstaltung der Hospiz-Initiative beginnt am Mittwoch, 16. Mai, um 19 Uhr im Lutherhaus.

Winfried Gielen
... und die anderen Mitglieder des Vereinsvorstandes.

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