Telefonseelsorge Niederrhein/Westmünsterland
Wie man Sorgen loswerden kann, wenn man einem anonymen Zuhörer seine Situation schildert

Auch die Weihnachtszeit müssen viele Menschen allein verbringen.
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  • Auch die Weihnachtszeit müssen viele Menschen allein verbringen.
  • Foto: LK-Archiv/Montage: dibo
  • hochgeladen von Dirk Bohlen

Hatten Sie ein schönes Weihnachtsfest im Kreise Ihrer Lieben? Nicht? Ach, es war Ihnen zu laut und Sie hatten vorher jede Menge Stress. Dann tun Sie bitte Ihnen selber und Ihrem Umfeld einen Gefallen und hören Sie trotzdem auf zu jammern.
 
Es gibt nämlich jede Menge Mitmenschen, die hätten gerne Ihre Luxusprobleme. Die würden gern feiern und besinnliche Stunden erleben - gerade in dieser Zeit. Doch diesen Menschen bleibt die Sehnsucht nach Gemeinschaft verwährt, denn sie leben allein und haben oft keine einzige Bezugsperson.

Allerdings gibt es einen Silberstreif am Horizont der Einsamkeit: die Telefonseelsorge! Dabei handelt es sich um einen Pool an aufgeschlossenen, einfühlsamen Menschen, die - mit der passenden Ausbildung und offenem Ohr - auf die Probleme ihrer Klientel eingehen - verschwiegen, anonym und gebührenfrei. 
Die TelefonSeelsorge Niederrhein/Westmünsterland mit etwa 100 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die für diese Arbeit am Telefon ausgebildet sind und von zwei hauptamtlichen und mehreren nebenamtlichen Kräften fachlich begleitet werden. Die TelefonSeelsorge Niederrhein/Westmünsterland ist eine ökumenische Einrichtung. Sie bietet die Möglichkeit, ein Beratungs- oder Seelsorgegespräch dann zu führen, wenn man es braucht - unabhängig von Tageszeit oder Terminen, von Konfessionszugehörigkeit oder Krankenschein, von Wartezimmern oder Wartelisten. Der Leiter der Einrichtung, Dirk Meyer beantwortete einige relevante Fragen.

dibo: Bitte beschreiben Sie Leistungspalette der Telefonseelsorge!
Dirk Meyer: Die TelefonSeelsorge ist deutschlandweit telefonisch unter der Rufnummer 0800/1110111 oder 0800/1110222 rund um die Uhr an allen Wochentagen erreichbar. Das gilt auch für die Feiertage wie Heilig Abend, Weihnachten oder Silvester. Unser Angebot steht auf vier Säulen. Diese Säulen sind zunächst das Telefon, dann die Emailberatung, der Chat und in einigen Orten auch die anonyme Face-to-Face Seelsorge (d.h. es ist möglich vor Ort einen persönlichen Termin zu vereinbaren – dieses Angebot gilt nicht für die Telefonseelsorge Niederrhein/ Westmünsterland, da wir in Wesel eine eigene Beratungsstelle der Diakonie und Caritas haben) Um das Email- und Chatangebot wahrnehmen zu können, müssen sich die Kontaktsuchenden entweder über unsere WEB-Seite telefonseelsorge-niederrhein.de oder die deutschlandweite Seite telefonseelsorge.de anmelden.
Ein Hauptmerkmal der Arbeit der TelefonSeelsorge ist die Anonymität auf beiden Seiten, d.h. sowohl die Kontaktsuchenden als auch die Mitarbeitenden bleiben anonym, um ein möglichst niederschwelliges Angebot zu bieten, in dem auch schwierige Themen in einem geschützten Raum angesprochen werden können.

dibo: Man hört öfter den eher harmlos anmutenden Begriff "Winterblues". Was ist das überhaupt?
Dirk Meyer: Oft wird ja auch der Begriff „Novemberblues“ verwendet. Und das kommt nicht von ungefähr. Viele Menschen erleben die dunkle Jahreszeit, insbesondere den Spätherbst, diese Übergangszeit mit viel Regen, wenn es früh dunkel wird und die Sonne wenige Chancen hat, als eine für sie schwierige Jahreszeit. Dies kann sich dann über den gesamten Winter ziehen und erst wenn die Tage wieder länger werden und die Welt aus ihrem Winterschlaf erwacht, entfaltet sich wieder das Leben auf so vielen unterschiedlichen Ebenen. Da die meisten Menschen „Lichtwesen“ sind und sich bei angenehmer Wärme gerne draußen aufhalten, fährt auch unser Körper bei Lichtmangel auf einen Wintermodus und das kann sich bei sensiblen Menschen auch in einer empfundenen seelischen Schwere ausdrücken. Insbesondere die Menschen, die sich einsam fühlen und bei denen soziale Kontakte nicht an der Tagesordnung sind, können in dieser Zeit der langen Abende und langen Nächte ihre Situation als besonders beschwerlich erleben. Das ist die Zeit, in der die TelefonSeelsorge noch intensiver als im übrigen Jahr kontaktiert wird.

dibo: Geben Sie bitte ein Beispiel für eine typische Gesprächseröffnung am Telefon.
Dirk Meyer: Ich glaube nicht, dass es „typische“ Gespräche bei der TelefonSeelsorge gibt. Jedes Gespräch verläuft anders und ist für die Mitarbeitenden ein besonderer Kontakt, auch wenn es Menschen gibt, die regelmäßig anrufen, da sie niemanden anderen zum Reden haben. Wir melden uns mit „Telefonseelsorge, guten Tag“, bzw. der entsprechenden Grußformel zur Tageszeit und begrüßen die Anrufenden freundlich. Dann laden wir die Person ein, ihr Anliegen zu erzählen und so nimmt das Gespräch seinen Lauf.

dibo: Stellt Sie die Resonanz auf Ihre Angebote zufrieden?
Dirk Meyer: Die TelefonSeelsorge ist ein bundesweit etabliertes und angesehenes Angebot für Menschen in schwierigen Lebenssituationen und auch für Menschen, die einfach mal eine Person zum Reden brauchen. Es ist inzwischen fast üblich, dass, wenn es um das Thema „Suizid“ in den Medien geht, ein Hinweis auf das Hilfsangebot der TelefonSeelsorge erfolgt. Insbesondere in Coronazeiten ist auch durch die entsprechenden Ministerien immer wieder auf unser Angebot hingewiesen worden. Die TelefonSeelsorge muss keine Werbung für ihr Angebot machen, denn das Angebot ist vielen Menschen bekannt. Und doch ist es immer wieder wichtig, in den Medien präsent zu sein, so wie jetzt bei Ihnen, um ein wenig mehr berichten zu können, da sich ja das Meiste im Verborgenen abspielt.

dibo: Ihre Mitarbeiter - was sind das für Menschen am anderen Ende der Leitung?
Dirk Meyer: Die Mitarbeitenden kommen aus ganz unterschiedlichen Berufen, Männer wie Frauen, die ein sinnvolles Ehrenamt suchen und bereit sind, dafür auch eine mehr als einjährige Ausbildung in Kauf zu nehmen. Die Mitarbeitenden haben bei uns einen Altersdurchschnitt von ca. 55 Jahren. Dieser Durchschnitt kann in Universitätsstädten mit einer hohen Anzahl von Studierenden im sozialen Bereich deutlich darunter liegen. Die Mitarbeitenden werden nach einer längeren Einheit zu Selbsterfahrung in Kommunikationstechniken geschult, lernen einiges über Themen wie „psychische Erkrankungen“, „Suizid“, „Sucht“ etc. und werden dann langsam in einer Hospitationsphase, in der sie von erfahrenen Mitarbeitenden begleitet werden, ans Telefon herangeführt.

dibo: Gibt's "Patentlösungen" für Einsamkeit?
Dirk Meyer: Einsamkeit ist ein großes Thema in unserer Gesellschaft. Insbesondere ältere Menschen und solche, die an einer psychischen Erkrankung leiden, fühlen sich öfter einsam. Dies wird durch Kontaktbeschränkungen in Pandemiezeiten noch verstärkt, wenn die Oma aus Angst vor Ansteckung monatelang ihre Enkelkinder nicht sehen kann. Da einsame Menschen häufig von sich aus nicht die Energie aufbringen können, Kontakt zu anderen Menschen zu suchen, würde ich mir wünschen, dass in unserer Gesellschaft eine Sensibilität und Wachsamkeit entsteht, für Menschen die alleine leben und sich einsam fühlen. Das kann in der Nachbarschaft sein, sogar auf der gleichen Etage in der Nachbarwohnung. Und dann empfehle ich einfach einmal Kontakt aufzunehmen mit einem freundlichen Wort oder einer netten Geste. „Patentlösungen“ kenne ich nicht. Oft fällt es einsamen Menschen schwer, den ersten Schritt zu wagen und daher ist es aus meiner Sicht eher der „Appell an die Anderen“, da wir auch wissen, dass Einsamkeit ein nicht unwesentlicher Faktor bei der Entstehung von Suizidalität darstellt.

dibo: Melden sich eher jüngere Menschen bei Ihnen oder trauen sich auch die älteren?
Dirk Meyer: Es melden sich alle Altersstufen. Die Jüngeren wählen eher den Chat oder die Mail, die Menschen mittleren und fortgeschritteneren Alters im Wesentlichen das Telefon. Das liegt v.a. daran, dass sich die Kommunkationsgewohnheiten jüngerer Menschen in Zeiten sozialer Medien verändert haben und eine Entwicklung hin zum geschriebenen Wort erfolgt ist.

dibo: Hat die Pandemie die Situation verschärft?
Dirk Meyer: Menschen erleben Einsamkeit in Pandemiezeiten als eine größere Belastung, aber auch das Thema „Ängste“ hat deutlich an Bedeutung gewonnen. Die Anrufzahlen sind in der Pandemie gestiegen, insgesamt gehen wir davon aus, das ca. 20 % mehr Personen das Angebot der TelefonSeelsorge in Anspruch genommen haben.

dibo: Bitte formulieren Sie einen Appell an betroffene Menschen, sie nach Auswegen suchen.
Dirk Meyer: Unser Angebot steht jeden Tag 24 Stunden lang für Sie bereit. Wenn Sie einmal nicht mehr weiter wissen, gar mit dem Gedanken spielen, dass das Leben manchmal keinen Sinn mehr für Sie macht, melden Sie sich bitte bei uns. Wir haben zu jeder Tages- und Nachtzeit ein offenes Ohr für Sie. Manchmal ist es nötig mehrmals anzurufen, damit Sie eine mitarbeitende Person erreichen. Wir wissen, das kann manchmal frustrierend sein. Doch in der Regel gelingt es Ihnen nach einigen Versuchen, uns zu erreichen. Wir wünschen Ihnen in diesen schwierigen Zeiten, Menschen, die an Ihrer Seite stehen und Verständnis für Sie aufbringen. Insbesondere die Weihnachtszeit kann unter Pandemiebedingungen für manche sehr belastend sein. Auch wenn niemand in der Nähe ist, so liegt das Telefon doch nahe und nutzen Sie es, um in dieser Zeit ein wenig Licht in Ihr Leben zu holen. Dazu möchte ich Sie herzlich einladen.“
- - - - - - - - - 
Kontakt
Telefon: 0800 / 111 0 111 oder 0800 / 111 0 222
kostenfrei und rund um die Uhr

Autor:

Dirk Bohlen aus Wesel

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