Rede zur Lage der Portion

Es sind genug Wörter für Alle da, darum gehe ich zwar nicht sorglos, aber auch nicht sparsam mit ihnen um
  • Es sind genug Wörter für Alle da, darum gehe ich zwar nicht sorglos, aber auch nicht sparsam mit ihnen um
  • Foto: Katja Neumann
  • hochgeladen von Timothy Kampmann

Zum Vereinsfest am Samstag durfte ich in der Einkaufspassage eine kleine Rede halten, die ich hiermit zur Verwahrung auf die Server des Weselers ablege — als Cloud für den kleinen Mann.

Da saß ich nun: am Vereinszelt vom Scala Kulturspielhaus, auf einem »loungy« Retrosessel, mit dem größten Scheinwerfer unseres Sonnensystems auf mein Angesicht gerichtet, blinzelnd, mit feuchten Handrücken, auf denen die Gewitterwürmchen schon Ländergrenzen ziehen wollten. Mann, war das heiß!

Hier also das Typoskript:
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Die Festrede zu
Wesel erleben

Diese Rede hat den Untertitel: "Rede zur Lage der Portion... Eiscreme", denn sie dauert gute 10 Minuten, was ungefähr der Lebensspanne einer heute gerollten Eiskugel beliebigen Geschmacks entspricht.

Liebe Weseler und Weselerinnen, liebe Eisesser und Eisesserinnen, seien Sie herzlich begrüßt, und liebe Laktoseintolerante: ich fühle mit Ihnen und anerkenne Ihr Leid im Angesicht des Milchzuckerfluchs. Sei es Ihnen vergönnt, dass sich Ihre Laktase-Tabletten in bakteriengleicher Zellteilung immerzu vermehren, auf dass Sie anteilhaftig werden an der kalten Süße in warmherziger Freude. Ja, an Alle soll gedacht sein. Denn in Wesel gibt es was zu erleben.

…Wir müssen uns vorher nur eingestehen, dass der Titel »Wesel erleben« nicht unbedingt den Zenit marketingtechnischer Originalität kitzelt. Wahrscheinlich gibt es ein paar Autostunden von hier auch ein »Brunsbüttel erleben«, oder »Gorleben erleben« und was-weiß-ich. Aber es kommt hier nicht auf den Namen an. Sondern auf den Inhalt.

Heute ist ein schöner Tag.

• Und das beginnt ja schon am Berliner Tor. Es ist eine tiefenpsychologisch existentielle Offenbarung, dass dort Oldtimer ausgestellt werden. Denn Oldtimer wecken im Menschen ein metaphysisches Zeitgefühl. Der Oldtimer an sich manifestiert die Hoffnung, das nur genügend Zeit überwunden werden muss, um aus dem Nichts, allein durch die verstrichene Zeit, zu einem neuen Wert zu kommen. Diese Autos sind ein gewonnener Kampf gegen Alterung — sie sind überzeitlich, wie es der Mensch seit Anbeginn der Geschichte selbst sein möchte.

Im Übrigen wird es so kommen, dass die Neuwagen, die morgen hier ausgestellt werden, gute Chancen haben, in 50 Jahren selbst am Berliner Tor bewundert zu werden, wenn die chronologische Schwelle zum Oldtimertum überschritten wurde. Es würd in der Tat organisatorisch viel einfacher sein, wenn…: also, wir lassen die Autos hier stehen und warten lang genug, dass sie Oldtimer werden… und dann kann man sie doch bequem rüberrollen. Fertig!

• Und dass auch Heimatliebe durch den Magen geht, belegen die belegten Tische hinter dem Berliner Tor.

• Hier wiederum, auf dem Vereinsfest können Sie mit neu-eingetragenen Mitgliedschaften locker die nächsten 20 Jahre verplanen und sich auf viele nette Leute freuen! Und auf Mitgliedspauschalen.

• Und wenn Sie auch noch "hoch hinaus" wollen... also... Reinhold Messner war auf allen Achttausendendern, aber morgen können Sie den Willibrordi-Dom und den Wasserturm besteigen! Auch ohne Sauerstoffflasche. Ich sach's ja nur.
…Übrigens – Sauerstoffflasche geschrieben mit fff. Da denk' ich jetzt schon an das PPP-Stadtfest. Hier ist eben immer was los.

Diese Stadt ist etwas Besonderes. Nur manchmal – geografisch – fühlt sich Wesel etwas unentschlossen.

Da sitzt der Kreis Wesel nämlich wie frisch verliebt auf einer Landkarte und zupft am Gänseblümchen in seiner Hand der Reihe nach die Blüten aus:
"Ich gehöre zum Ruhrgebiet.
Ich gehöre zum Niederrhein.
Ich gehöre zum Ruhrgebiet.
Ich gehöre zum Niederrhein.
Ich bin eine große Stadt.
Ich bin eine kleine Stadt"

Wesel ist so sehr Stadt, dass es seinen eigenen McDonalds am Bahnhof und neuerdings eine Citytoilette hat, und wiederum so sehr Land, dass Sonntag am Willibrordi-Dom ein »Feines vom Land«-Markt stattfindet... und es ist so sehr Land, dass es in hiesigen Bäckereien Hildegard von Bingen-Brot zu kaufen gibt.

Hildegard von Bingen übrigens schrieb in einem ihrer Naturheilkunde-Ratgeberbücher auszugsweise:
(ORIGINAL! – sowas denke nicht mal ich mir aus!)

"Das Einhorn frisst reine Kräuter, und beim Gehen macht es gleichsam Sprünge, und es flieht den Menschen und die übrigen Tiere außer denen, die von seiner Art sind, und deshalb kann es nicht gefangen werden. Wenn das Einhorn von fern ein Mädchen sieht, wundert es sich, dass es keinen Bart hat, und wenn zwei oder drei Mädchen zusammen sind, wundert es sich umso mehr und wird umso schneller gefangen, solange es seine Augen auf sie richtet."

Verehrtes Publikum, Sie fragen sich sicher, was man dann mit so einem Einhorn anfängt. Ich sag's Ihnen (Veganer bitte kurz weghören):
"Mach aus der Haut des Einhorns einen Gürtel und gürte dich damit auf deiner Haut, und in dieser Zeit wird dich kein schlimmes Übel oder Fieber schädigen.
Mach auch Schuhe aus seinem Fell und zieh sie an, und du wirst in dieser Zeit immer gesunde Füße und gesunde Beine und gesunde Nieren haben, und kein Übel wird dich unterdessen verletzen, denn dieses Fell ist von großer Wirkkraft und Gesundheit durchdrungen." (Zitat Ende)
…Mit so einem Hintergrundwissen im Hinterkopf frage ich mich natürlich, ob es als Backtriebmittel nicht nur Hirschhornsalz gibt, sondern auch Einhornsalz. Und ob DAS die geheime Zutat im Hildegard-von-Bingen-Brot ist…

Aber zurück zum Thema:
Es ist ganz egal, wohin diese Stadt gehört, es ist wichtig, dass die Menschen dazu gehören!

Mein Onkel Friedrich ist übrigens Landwirt in Kamp-Lintfort, Kamp-Lintfort hat ja seinen halben Ortsnamen von meinem halben Familiennamen Kampmann, und ich stand also auf Onkel FriedrichsFeld und dachte über die Zukunft der KohleVoerderung nach, und ob man in früherer Zeit, als Landwirtschaft alltäglicher war, Kohle mit Feldmark bezahlte. Das Leben war ja so ganz anders als heute. Beständiger, traditioneller, aber eben auch festgefahrener. War der Vater zum Beispiel Bäcker, wurde ganz selbstverständlich auch der Sonsbecker. Da wurde das Korn noch per Hand in Moersern gemahlen. Die Welt ist heutzutage viel kleiner geworden, mit viel mehr Möglichkeiten, sie zu erkunden. Würde jemand in Schermbeck geboren werden, im stehen doch die Tore zur Welt offen — er könnte einen Golf-Club in Hamminkeln gründen und Kurse geben: "immer locker aus der Hünxe schlagen". Und all seine Freunde und BeXanten auf eine Partie einladen... oder er wandert quer durch Alpen und besteigt den Rheinberg. Oder auch ein Geschäft eröffnen, das geht ja auch, eines für genormte Bettwäsche namens Dins-Laken. Die Welt wartet auf uns Alle, und wir warten auf das Unverbrauchte, das Unbekannte, auf einen Impuls der Überraschung, eben auf das Neukirchen-Vluyn.

Die Geschichte dieser Stadt begann mit Freundschaft! Glauben sie nicht den Lexikaeinträgen zu Wesel, von wegen Kloster oder Festung, nein, das sind kontrafaktische Fakenews. Den Wenigsten ist das folgende bekannt:

Die Freunde und Gründer, also Firmengründer der mittelalterlichen Dreiradmanufaktur »Drahtesel und Spielwiesel« waren ein Esel, und ein Wiesel, dass bequemer Weise auf dem Esel ritt und ihn als freundlich gemeinte Gegenleistung ständig Witze erzählte. "Pass auf! Kennst du den? Rollt ein Keks um die Ecke… und bricht in einem Krümelfachgeschäft ein". (Man muss bedenken, dass es damals schon viele Witze gab, aber noch keine vernünftigen Pointen erfunden wurden.)
Und wenn jemand nach ihren Namen fragte, meinte das Wiesel abgeklärt: "Wiesel. Nur Wiesel" und der Esel ebenbürtig und grundgelassen: "Esel. Einfach Esel"
Und irgendwann nannte man die Beiden nur noch W-Esel. Aus dem Firmensitz wurde ein Dorf und irgendwann eine Stadt. Diese Stadt.
Genau deswegen stehen hier überall Esel und Fahrradständer.

Ja, Wesel ist eben nicht nur Kreisstadt.
Mit uns allen voran kann es auch ein Freundeskreis sein
sowie Freude spenden.

Und von dieser Freude wünsche ich Ihnen allen ganz viel:
hier und heute und morgen
…und haben sie ein tolles Wochenende mit
»Wesel erleben«!

Dankeschön!

Autor:

Timothy Kampmann aus Wesel

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