Winter 1962/1963 - Ausbildung zum Revierförster

Derartige Schneeverhältnisse wie augenblicklich in Xanten habe ich zuletzt während meiner Ausbildung zum Revierförster im Winter 1962/63 erlebt. Den Rhein bedeckten damals sogar Eisschollen. Ich weilte in einem Forstbezirk bei Wesel. Die Waldarbeiter durften wegen der schneereichen, unfallträchtigen ( Im Holzeinschlag ) Witterung erst im April wieder arbeiten. Meine Ausbildungszeit  "vertrieb " ich mir u. a. mit Stallarbeiten, wie Ausmisten, Einstreuen, Füttern und Melken der oberförsterlichen vier Kühe. Auch diese Tätigkeiten zählten zur Ausbildung, weil der Revierförster autark , Selbstversorger und  nicht auf fremde Hilfe angewiesen sein sollte.  Außerdem durfte ich mit dem tückischen Einachser ( kippte schnell um ) die Wildtiere im Wald füttern. Erstaunlich und erfreulich, wie schnell sie die diversen Futterstellen annahmen und bereits zur " vereinbarten " Fütterungszeit in der Nähe auf mich warteten. Wild, wie Hirsche, Rehe, Schwarzwild und auch standortreue Vögel. Scheues Wild, das ich ansonsten nur aus der Ferne durch ein Fernglas beobachten konnte. Eines Tages übergab mir mein Chef nach intensiver Einführung auch ein Schrotgewehr. Hiermit sollte ich Krähen der  "Natur entnehmen ", die anderes Haar-und Federwild von den Futterstellen verscheuchte. Ob es die heute geschützten Saatkrähen waren, weiß ich allerdings nicht mehr. Erlegt habe ich jedoch keine einzige. Egal, ob ich direkt auf sie zukam, egal, ob ich mich am Boden in Schlangenart näherte, ich kam immer zu spät. Irgendwie besaßen diese Vögel offensichtlich ein Abstandsmeßradar, das ihnen die gesundheitsschädliche Entfernung eines Schrotgewehrs verriet. So flogen sie mit höhnischen Krächzen bereits vor der tödlichen Schußdistanz auf und ließen mich frustriert und frierend am Boden zurück. Irgendwann habe ich es dann aufgegeben; auch, weil mein Chef meinte, " Krähen besitzen auf jeder Feder tausend Augen ". Möglicherweise etwas übertriebenes Jägerlatein, aber ich kann mit Recht behaupten, ich habe es so selbst erlebt.
Nebenbei hatte ich mich mit der dörflichen Jugend befreundet, weil ich sie mit ( einige ) zu den Fütterungen nahm und ihnen ein naturnahes, einzigartiges Erlebnis bescheren konnte. Zudem erhielt ich tatkräftige Hilfe, wenn der Einachser mal wiede in einen Graben rutschte.
Leider habe ich aus dieser Zeit nur wenige Fotos. Fotoapparate waren für einen Auszubildenden zu teuer, und die Entwicklung und  Abzug der Fotos kostete auch. Damals dachte wohl kaum einer im Traum an spielkartengroße Geräte,  mit denen man u. a. telefonieren und fotografieren konnte.  Als Auszubildender erhielt ich eine monatliche, staatliche Unterstützung in Höhe von 163,00 Euro. Das scheint sehr wenig zu sein, doch hierfür erhielt z.B. ich Kost und Logis in einer bäuerlichen Großfamilie mit 4 Generationen.
Heute zeige ich ein Foto mit Blick in unserem Garten, in dem es sich u. a. Taube, Amsel, Dohle, Finken, Rotkehlchen und Spatzen gut gehen lassen. Selbstverständlich nicht zu vergleichen mit dem elitären Blick auf die damaligen Winter-Futterstellen, trotzdem interessant, vergnüglich und Daseinsfreude ausstrahlend in dieser kritischen Zeit.

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Autor:

Udo Watzdorf aus Xanten

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