Kommt die Abschaffung der Luftverkehrssteuer? Petition erfolgreich. Auch Airports in NRW würden profitieren

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Christian Maskos
 
Ein Airbus A320 aus der Flotte von Wizzair
Die Bundestagspetition zur Abschaffung der umstrittenen Luftverkehrssteuer (Luftverkehrsabgabe) verlief überaus erfolgreich. Über 100.000 Unterschriften soll es inzwischen geben. Gereicht hätten 50.000. Nun muss sich der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages mit dem Thema befassen. Ich sprach mit Christian Maskos, dem Chefredakteur von Exbir, Deutschlands führendem Portal für Extrem Billiges Reisen, über die Auswirkungen einer möglichen Abschaffung der Ticketsteuer, die aus Sicht von Kritikern massive Wettbewerbsverzerrungen zuungunsten deutscher Fluggesellschaften und Flughäfen mit sich bringt.

Herr Maskos, welche Auswirkungen hat die gegenwärtige Ticketsteuer?

Nachdem Fliegen im letzten Jahrzehnt etwas Alltägliches geworden war, haben sich die Einstiegspreise durch die Abgabe extrem erhöht, so dass viele Strecken eingestellt werden mussten, insbesondere im Inland. Die Nachwirkungen sind extrem hohe Preise und ein Duopol: Heute sind nur noch Air Berlin und Lufthansa unterwegs - mit Preisen, die für normale Arbeitnehmer, Familien und erst recht für Studenten nicht mehr erschwinglich sind. Nehmen wir als Beispiel eine Reise von NRW nach Berlin: Im Jahr 2009 konnte der Passagier aus fünf Airlines auswählen: Ryanair, TUIfly, Air Berlin, Lufthansa und Germanwings, die damals bereits zum Lufthansakonzern gehörte, aber noch eigenständig als Billigfluglinie mit Ticketpreisen ab 19€ operierte. Dazu kommt natürlich die Bahn. Entsprechend gab es günstige Preise und Promotionen ab 0,01€ bei Ryanair und viele 19€ Tickets bei Germanwings und 29€ Tickets bei TUIfly und Air Berlin - letztere inklusive Gepäck und Service. Fliegen war ganz klar ein Massenprodukt. Heute kriegt man bei hoher Flexibilität an wenigen Abflugdaten zwar mal ein Ticket für 49€ pro Strecke, aber meistens keinen passenden Rückflug - realistisch sind hier eher 150€. Privatreisende haben ihr Reiseverhalten geändert - statt nach Berlin in das Theater geht es nun von Eindhoven oder Brüssel-Charleroi nach London, Barcelona oder Mailand. Somit gehen Arbeitsplätze an Flughäfen und bei Fluglinien und deren Zulieferfirmen verloren und das Geld wird im Ausland ausgegeben. Die Passagierzahlen von Amsterdam, Brüssel-Charleroi oder Eindhoven zeigen das deutlich. Die Probleme von Air Berlin und Lufthansa sind zu Teilen auch der Abgabe zuzuschreiben.

Würden die Ticketpreise bei einer Aufhebung der Steuer wieder sinken?

International ja, innerdeutsch und nach Österreich zunächst wahrscheinlich nicht. Dass Air Berlin oder Lufthansa innerdeutsch die Kostenersparnis an den Endkunden weitergeben, ist unwahrscheinlich. Salopp gesagt: Die stecken das vermutlich lieber in die eigene Tasche. Zwar ist mit den Fernbussen neue Konkurrenz hinzugekommen, aber beide Fluglinien sprechen die Zielgruppe der preissensiblen Reisenden tradtionell bzw. seit langem nicht mehr an.

Ohne die Luftverkehrsabgabe ist es allerdings wahrscheinlich, dass mittelfristig ausländische Fluglinien wie Ryanair und tendenziell auch Vueling in den innerdeutschen Markt einsteigen. Dann dürften die Preise auf Konkurrenzstrecken schnell fallen: Italien und Spanien sind hier gute Beispiele - nachdem easyJet, Ryanair und Vueling dort im Inland unterwegs sind, gibt es ständig Promoaktionen und auch Tickets für unter 25€. Wodurch in Italien auch die Bahn mit interessanten Frühbucherraten ab 9€ nachgezogen hat.

Die Luftverkehrsabgabe wurde vom Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) als Jobvernichter bezeichnet - würde eine Abschaffung neue Arbeitsplätze schaffen?

Ohne die Luftverkehrsabgabe wäre Deutschland als Europas stärkste Volkswirtschaft für viele Airlines ein interessantes Ziel - es wäre damit zu rechnen, dass zahlreiche neue Strecken aufgenommen würden. Alleine von Wizzair wären zahlreiche Verbindungen nach Osteuropa und auf den Balkan zu erwarten. Aber auch neue Langstreckenziele würden wahrscheinlich bedingt - denn eine Airline, die einmal täglich mit einem Airbus A 330-300 nach Deutschland fliegt, würde direkt bis zu 5,9 Millionen Euro bei einer Einklassenbestuhlung - wie Sie zum Beispiel Air Berlin fliegt - sparen. Insbesondere Flüge aus China oder Indien sind zu erwarten. Besonders wichtig wäre die Abschaffung für Flughäfen der Größenordnung Düsseldorf, Hamburg, Stuttgart oder Berlin - ohne die Luftverkehrsabgabe wären hier neue Langstreckenflüge zu den großen Hubs wie Atlanta, Newark oder Chicago denkbar. Zudem würde Deutschland auch wieder eine reale Option für Günstigflieger wie Jetstar ab dem Singapore Hub oder Air Asia aus Kuala Lumpur oder Bangkok. Auch im touristischen Segment - insbesondere bei Condor - wären neue Langstreckenziele wahrscheinlich. Das schafft nicht nur neue Arbeitsplätze an Flughäfen und bei Airlines, sondern auch bei Zulieferern. Zudem bringen neue Flüge immer auch Touristen nach Deutschland - die Hotels nutzen, Restaurants und Museen besuchen sowie mit Bus und Bahn fahren -, so dass auch im Umfeld im großen Stil Arbeitsplätze entstehen. Insbesondere Berlin als eine der angesagtesten Metropolen würde massiv profitieren.

Wie würde sich die Abschaffung auf die Flughäfen in NRW auswirken?

Profitieren würden vor allem Dortmund, Münster und Düsseldorf-Weeze. Denn hier sind die meisten Passagiere durch die Abgabe weggebrochen. Dortmund setzt stark auf Angebote für normale Bürger im Low-Cost-Bereich und im Ethnic-Travel, wo das Flugzeug mit dem Fernbus konkurriert. Ohne die Luftverkehrsabgabe wären einige neue Strecken von Wizzair zu erwarten: Tuzla, eine Erhöhung von Skopje und Timisoara, Lublin und eine Wiederaufnahme von Lodz und Poznan. Auch Ryanair dürfte neue Strecken auflegen - Pisa, Rom, Alicante wären mehr als wahrscheinlich. Auch Turkish Airlines dürfte dann nach Dortmund kommen und über Istanbul Umsteigeverbindungen in die ganze Welt anbieten.

Besonders profitieren dürfte Düsseldorf-Weeze: Früher sind die Niederländer in Scharen nach Weeze gefahren, unter anderem weil das Parken günstiger ist, und haben damit Arbeitsplätze in Deutschland gesichert. Nach der Einführung der Luftverkehrsabgabe war es genau andersherum. In Düsseldorf-Weeze sind drei bis vier zusätzliche Flugzeuge und bis zu 15 neue Ziele und einige Wiederaufnahmen wie Kerry, Dublin, Manchester, Birmingham, Breslau oder Göteborg zu erwarten.

Lufthansa und Air Berlin in Düsseldorf dürften nur in Form von höheren Erlösen profitieren - neue Strecken sind dort nicht wirklich zu erwarten, beide Airlines sind international kaum mehr konkurrenzfähig und Wachstums-Perspektiven nicht zu sehen.
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