St. Anna-Stift in Goch gibt Flüchtlingen ein Stück Kindheit zurück

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Domkapitular Josef Leenders (r.) begrüßte die minderjährigen Flüchtlinge im St. Anna-Stift in Goch. Unter den Gästen war auch Weihbischof Wilfried Theising (sitzend links). Foto: privat

GOCH. Als im vergangenen Jahr die Zahl der geflüchteten Menschen in Deutschland rasant anstieg, hatte dies für das St. Anna-Stift in Goch besondere Auswirkungen. Die Einrichtung der Jugendhilfe bekam es mit unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen zu tun, für die schnell eine gute Versorgung und Betreuung sichergestellt werden musste.

Dafür wurden zunächst sogenannte Clearing-Wohngruppen geschaffen, aus denen die jungen Menschen in weitere Angebote der Jugendhilfe und damit zu mehr Eigenverantwortung kommen. Im Rahmen der Jubiläumstour des Diözesancaritasverbandes bot sich für Mitarbeitende in St. Anna und die Führungsriege des Verbandes die Möglichkeit eine Zwischenbilanz zu ziehen. Ein Ergebnis: „Die Versorgung läuft inzwischen problemlos. Doch das Thema wird uns noch einige Zeit beschäftigen“, erklärt Diözesancaritasdirektor Heinz-Josef Kessmann. Es müsse insbesondere auf politischer Ebene geklärt werden, was mit den Jugendlichen passiert, die die Volljährigkeit erreichten. „Es darf nicht sein, dass diese jungen Menschen von einem Tag auf den anderen auf sich gestellt sind“, so Kessmann.
Denn die jugendlichen Flüchtlinge stammen meist aus Ländern, die sich von Deutschland fundamental unterscheiden. Kultur und Gepflogenheiten sind oft fremd, neu und nicht selten einschüchternd für die Neuankömmlinge. Welche intensive Arbeit mit den Jugendlichen deshalb notwendig wird, zeigte Anna Deckers auf, die in St. Anna arbeitet. „Wir müssen den Jugendlichen unsere Werte und Normen nahebringen und ihnen gleichzeitig zu mehr Eigenverantwortung verhelfen“, gibt Deckers Einblick in ihre Arbeit.


Schwerer Stand für Frauen

Das fange schon beim Frauenbild an. Die weiblichen Fachkräfte in den Gruppen hätten manches Mal einen schweren Stand und müssten ihre Entscheidungen häufiger rechtfertigen als die männlichen Kollegen. Zugleich würden die Jugendlichen die Erzieherinnen in einer Art Mutterrolle wahrnehmen, die im Alltag unterstützt werden müsste. „Beim Einkaufen mit den Jungen muss ich keine Wasserkiste schleppen“, nennt Deckers augenzwinkernd ein Positivbeispiel. Andersherum sei es mit den Mädchen, die gegenüber den Erziehern zu Anfang sehr zurückhaltend seien. „Es braucht viel Zeit und Arbeit, um ein wirkliches Vertrauensverhältnis aufzubauen.“
Auch die Sprachbarriere zwischen Betreuern und Jugendlichen ist ein wiederkehrendes Problem. Gerade wenn es um Traumata geht, die die Jugendlichen durch Krieg und Flucht erlitten haben. „Es gibt zum Beispiel nur wenige muttersprachliche Psychotherapeuten und damit lange Wartelisten“, erzählt Deckers. Und über allem stehe natürlich die Frage, wie es mit dem Asylverfahren weitergeht und ob eine Bleibeperspektive besteht.
Trotz all dieser Herausforderungen ist die Stimmung im St. Anna-Stift weiterhin gut. „Die Jugendlichen sind meist unglaublich motiviert zu lernen und sich zu integrieren“, berichtet Anna Deckers. Für sie als Mitarbeitende sei es bei aller professionellen Distanz immer wieder berührend, in den Augen der Jugendlichen ein kindliches Leuchten zu sehen. „Das passiert schon, wenn sie einfach mal eine Rolltreppe hochrennen“, berichtet Deckers.
Manfred Walhorn, Abteilungsleiter im nordrhein-westfälischen Jugendministerium, fand für Deckers Schilderungen lobende Worte: „Wie differenziert hier in St. Anna die Betreuung weiterentwickelt wird, ist beeindruckend.“ Vor diesem Hintergrund dürfe es jetzt keine Diskussion über Standards in der Jugendhilfe geben. „Wir als Caritas werden „Zwei-Klassen-Standards“ für die Jugendhilfe niemals akzeptieren“, bekräftigte auch Diözesancaritasdirektor Heinz-Josef Kessmann. Die bestehenden Gesetze regelten eindeutig, dass jeder Jugendliche, unabhängig von Herkunft und Geschlecht, ein Recht auf Betreuung habe.
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