Raum fürs Lernen schaffen - Projekt "Lernraum" schließt schulische Versorgungslücke kranker Kinder

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Unterstützen das Projekt "Lernraum" mit viel Engagement (v.l.): Ehrenamtskoordinatorin Dorothee Meyer und die Leiterin der Fort- und Weiterbildung Şenay Kaldirim-Celik sowie die Lehrer Helmut Kipphardt und Renate Bahrenberg, Susanne Pätzold vom Kinderpalliativzentrum, Lehrerin Marion Schneider Lehrerin, Pflege-Bereichsleiterin Dörte Garske, Lehrer Jürgen Freitag und Oberärztin Dr. Carola Hasan. Foto: privat
Datteln: Vestische Kinderklinik |

Mittwochmorgen, 10 Uhr. Nach und nach plätschert eine handvoll Schüler in den Klassenraum, hängt sich mehr oder weniger aufrecht hinter die Schreibtische. Schulalltag in Deutschland. Fast.



Was dem Beobachter zuerst auffällt: Hier sitzt keine durchschnittliche Klasse. Noch im Grundschulalter sind die Jüngsten, die jetzt beginnen, voller Eifer mit Buntstiften eine Deutschlandkarte auszumalen. Auf der anderen Seite des Tisches lernt ein Mädchen im Teenageralter - ja, was? Japanisch, erklärt sie auf Nachfrage, es gebe da einen Zusatzkurs, den sie zu Hause besuche. Zu Hause: Das ist irgendwo in Deutschland. Hier: Das ist der "Lernraum" an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln. Aber schon ist das Gespräch beendet, konzentriert wendet sich das Mädchen seinen Japanisch-Vokabeln zu.
Kinder und Jugendliche, die ins Krankenhaus müssen, haben einen Anspruch darauf, auch während ihrer Krankheit zur Schule zu gehen. Denn wer in der Schule nicht mitkommt, hat nicht nur den Stress der Erkrankung zu verarbeiten, sondern verpasst unter Umständen auch den Anschluss in der Schule - Wiederholungen, Klassenwechsel, Kontaktabbrüche inklusive. Das Gesetz schränkt jedoch ein: Nur wer länger als vier Wochen im Krankenhaus ist, hat ein Recht auf Schule. An der Vestischen Kinder- und Jugendklinik wirft diese Regelung Probleme auf. Denn auch dreieinhalb Wochen verpasster Unterricht können dreieinhalb Wochen zu viel sein - vor allem, wenn die Patienten schon vorher viel in der Schule gefehlt haben.
Das Projekt "Lernraum" soll die Lücke schließen, die durch die Vier-Wochen-Regelung entsteht. Hier lernen Patienten des Deutschen Kinderschmerzzentrums und des Kinderpalliativzentrums, die einen Anspruch auf Unterricht in der "Schule für Kranke" haben.
Die meisten der Patienten haben schon vor ihrem Klinikaufenthalt viel Zeit in der Schule verpasst - durch chronische Schmerzen und die Suche nach ihrer Ursache, die nicht selten zu einer Odyssee durch Arztpraxen und Kliniken führt.

Ein Stück Alltag


Das Deutsche Kinderschmerzzentrum hakt unter anderem an dieser Stelle ein: „Zum einen möchten wir vermeiden, dass die Lernlücken durch die Zeit im Krankenhaus größer werden und unsere Patienten den Anschluss verpassen“, sagt Dorothee Meyer, die das Projekt „Lernraum“ für das Deutsche Kinderschmerzzentrum koordiniert. Zum anderen, so Meyer, sei das Thema Schule für viele Patienten mit hohen Ansprüchen an sich selbst und einer ausgeprägten Leistungsorientierung belegt. Im Kinderschmerzzentrum lernen sie, mit Stress, Belastungen und dadurch ausgelösten Schmerzen umzugehen.
Die neu erlernten Techniken müssen in der Praxis ausprobiert und trainiert werden. "Auch dazu dient der 'Lernraum'. Wir können hier eine Situation schaffen, die dem Unterricht zu Hause zumindest ähnlich ist. So können die Patienten sich Schritt für Schritt wieder in den Alltag zurück lernen", sagt Dorothee Meyer.
Die Stunden im "Lernraum" begleitet und gestaltet ein Team aus ehemaligen Lehrern. Einer von ihnen ist Jürgen Freitag. An einer Gesamtschule in Leverkusen unterrichtete er Englisch und Geschichte - nun betreut er einmal in der Woche den "Lernraum". „Das hier ist eine völlig andere Welt als die Klassen früher“, sagt Freitag. „Die Schüler sind motiviert, verhaltensunauffällig, dankbar, dass sie in einer angenehmen Atmosphäre arbeiten können - und wir machen hier kaum Frontalunterricht“.
In der Regel bringen die Patienten Unterlagen für die Hauptfächer von zu Hause mit. Deutsch, Mathe, Fremdsprachen - die Kernfächer der Schüler werden vom "Lernraum" abgedeckt. Derzeit sind die vier Ehrenamtlichen damit beschäftigt, eine Materialsammlung mit Arbeitsblättern aufzubauen, falls mal Bücher oder anderes fehlen. „Aber in der Regel sind die Schüler gut ausgestattet, wenn sie hierher kommen“, hat Jürgen Freitag beobachtet.
Im "Lernraum" ist Niko, der Grundschüler, inzwischen mit seiner Deutschlandkarte fertig. "Heute Nachmittag fahre ich nach Hause!" verkündet er Herrn Freitag. "Und, freuste dich?", fragt der zurück. Kurzes Nachdenken über der Landkarte. "Ach, hier ist auch schon gut!"
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