Autorenlesung: Als Baby vertauscht

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Die Autorin mit ihrem Mann Erich und Raymund Hinkel.
 
Lesung mal anders, in der Bäckerei.

In ihrem Buch „Sag mir, wer ich bin.“ schreibt Marlene John über die lange Suche nach ihrer eigenen Identität. Auf einer Lesung mit anschließender Fragerunde in der Altstadt las die 60-Jährige Passagen aus ihrem Buch vor.

Das ist der Albtraum aller Mütter: Im Krankenhaus werden die Babys vertauscht. Der Mutter von Marlene John ist genau das passiert. Erst als Fünfjährige erfährt Marlene, dass ihre geliebte Familie gar nicht ihre wirkliche ist. Die Behörden ordnen den Rücktausch an. Und ihre leibliche Mutter macht Marlene das Leben zur Hölle.

Raymund Hinkel lädt regelmäßig Autoren zu Lesungen in der Bäckerei Hinkel ein. Zur Lesung im Verkaufsraum der Bäckerei Hinkel in der Mittelstraße kam die Schriftstellerin, die mit ihrem zweiten Mann heute in Düsseldorf lebt und vier Kinder hat, mit ihrem Mann Erich.

Man merkte der Autorin deutlich an, wie nahe ihr das Thema auch heute noch geht. Der Tod ihrer leiblichen Mutter im Jahre 2000 war der Auslöser für schlimme Albträume. Erich John hat dies alles hautnah miterlebt. Vom Tod ihrer Mutter erfuhr die Autorin selbst erst aus der Zeitung. Ihre Mutter hatte sie über den Tod hinaus verleugnet und als Familienstand „kinderlos“ angegeben. Durch Zufall stieß Marlene John, die sich zu der Zeit bereits in therapeutischer Behandlung fand, auf einen Artikel, in dem eine Mutter darüber berichtete, dass sie Briefe an ihr totes Kind schrieb und wie ihr dies geholfen habe den Verlust zu überwinden. So fing sie an, in den schlaflosen Nächten ihre eigene Geschichte aufzuschreiben. Als eine Zeitung 2004 über ihr Schicksal berichtete, meldeten sich noch Zeitzeugen, die halfen das verschwommene Bild von ihrer Herkunft zu ergänzen. Über weitere Nachforschungen fand sie dann auch einen Stiefbruder. Ihr Vater nahm sich allerdings schon in den 1960er-Jahren das Leben.

Ein deutsch-deutsches Schicksal

Das Schicksal von Marlene John ist eng verwoben mit der Geschichte der deutsch-deutschen Teilung. Im September 1945 werden im Krankenhaus von Worbis (Thüringen) zwei Babys vertauscht. Aus Marlene wird Renate und umgekehrt. Renate Strecker wächst in Thüringen bei Marlenes leiblicher Mutter Paula Hoffmann auf. Marlene kommt in den Westen, zu Renates Mutter Irmgard nach Neubeckum (Westfalen). Fünf glückliche Jahre verbringen die beiden Kinder bei ihren eigentlich „falschen“ Müttern. Erst 1950 klärt sich der Irrtum nach Blutuntersuchungen auf. Die DDR-Behörden verfügen gegen den erklärten Willen der Mütter den „Rücktausch“. Die „natürliche“ Ordnung müsse wieder hergestellt werden – so heißt es in der behördlichen Verfügung. „Ich wurde geliebt, fühlte mich wohl", sagt Marlene John über ihr Leben in Westfalen. Bei Nacht und Nebel schleicht sich ihre leibliche Mutter mit ihr über die Zonengrenze, die damals noch nicht mit Minen gesichert war, und bringt sie zu ihrer Ziehmutter nach Westfalen, weil ihr das eigene Kind fremd blieb. Alles scheint wieder in Ordnung zu sein. Aber vier Jahre später kommt ihre leibliche Mutter im Zuge einer Familienzusammenführung in den Westen und nimmt ihre Tochter wieder zu sich. Auf den Unterhalt für das Kind wollte sie dennoch nicht verzichten. Das neue Leben bei Paula Hoffmann wird für sie zur Hölle: Ihre leibliche Mutter lehnt Marlene ab, lässt die ganze Härte ihres Existenzkampfes als allein erziehende Mutter an Marlene aus, schlägt und demütigt das Mädchen. Der Gedanke an diese Zeit verursacht Marlene John heute noch Grauen, diese Passagen ihres Buches lässt sie lieber aus.

In der anschließenden Fragerunde berichtet sie über die weiteren Nachforschungen nach ihrem Vater und wie sie schließlich in Hamburg einen Stiefbruder fand. Die erste Begegnung fand während einer Talkrunde in der Sendung „Drei nach neun“ statt. Das Buch entstand auf der Basis der Erinnerungsnotizen der Autorin in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller und Dokumentarfilmer Leo. G. Linder. Erschienen ist das Buch mittlerweile in mehreren Auflagen bei verschiedenen Verlagen.
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