Fünf Stolpersteine am 6. März in Holzwickede

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Der Recherche des Arbeitskreis "Spurensuche - Naziopfer in Holzwickede" ist es zu verdanken, dass jetzt die Verlegung von Stolpersteinen in der Emschergemeinde beginnen kann. Die Leitung der Gruppe liegt in Händen von Wilhelm Hochgräber (stehend rechts), der mit Ulrich Reitinger (links daneben) die korrekten Lebenswege und Anschriften der Personen ermittelte.
  Holzwickede: Holzwickede | Von St. Reimet     

Die erste Verlegung von Stolpersteinen in Holzwickede durch den weltbekannten Aktionskünstler Gunter Deming ist für Dienstag, den 6. März, geplant. Eine Gedenkfeier im Foyer des Clara-Schumann-Gymnasiums am Sonntag zuvor stimmt auf die Aktion ein. Die Arbeitsgemeinschaft „Spurensuche-NS Opfer in Holzwickede“ hat mehrere Jahre recherchiert und per Spendenaufruf den erforderlichen Betrag von 600 Euro erlöst. Fünf Hausanschriften von Holzwickeder Bürgern, die wegen Behinderungen durch das Nazi-Regime ermordet wurden sind es, vor denen Gunter Demnig die Stolpersteine in die Gehwege einlassen wird.

Die Wahl des Veranstaltungsortes gestaltete sich schwierig. Nachdem zwischen Rausinger Halle, Haus Opherdicke und den Kirchen keine Entscheidung erzielt werden konnte, fiel nach einem Organisationstreffen die Entscheidung,  das Foyer des Gymnasiums zu wählen. Grund: Dort steht die einzige Miniaturskulptur der einstigen Gedenkstätte von Naziopfern im Park der Gemeinde, des Unnaer Künstlers Josef Baron. Zur Gedenkveranstaltung werden sowohl Wilhlem Hochgräber (Arbeitskreis Spurensuche),  Bürgermeisterin Ulrike Drossel und Michael Klimziak als Vorsitzender des Kulturausschuss in kurzen Reden auf Verlauf und Bedeutung der Aktion heute hinweisen.

Den eigentlichen Gedenkteil gestaltet Ulrich Reitinger. Er recherchierte mit der Holzwickeder Stolpersteingruppe über die Lebens- und Leidensgeschichten von körperlich und geistig behinderten Opfern des Nationalsozialismus in Holzwickede. Der Holzwickeder leitete die Patientenverwaltung der Psychiatrischen Landesklinik Aplerbeck. Um Hintergrundinformationen zu erhalten und die Schicksale tatsächlich bis zum Ende dokumentieren zu können, recherchierte er in ganz Deutschland. „Ich war viel unterwegs dafür.“ Die Gruppe Spurensuche erkundigte sich über Zwangsarbeiter, jüdische Familien, Homosexuelle und auch Kinderschicksale. Nicht einfach war die exakte Bestimmung der Standortes der Steine, denn zahlreiche Straßen wurden umbenannt, Anschriften umnummeriert oder Gebäude abgerissen.
Den musikalisch-gestalterischen Rahmen bildet eine Schülergruppe des Clara-Schumann-Gymnasiums. 
Vorher in Unna
Gegen das Vergessen der Schicksale von Opfern des NS-Regimes richtet sich die Aktion Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig. 145 Stolpersteine sind im Kreis Unna bereits verlegt. Bevor Gunter Demnig im März in der Emschergemeinde tätig wird, können sich interessierte Bürger bei der (geplanten) Stolperstein-Verlegung in Unna am 6. Februar ein Bild vom Vorgehen machen. Mit einem Gedenkstein wird in der Vaersthausener Str. 38 (Reinhard Drücke) gedacht, der dem Nazi-Regime zum Opfer fiel. 

Im Gedenken an folgende Opfer werden die ersten fünf Gedenksteine an diesen Orten verlegt:
Nordstraße 19: Friedrich Ellerkmann, geb. 17. Januar 1909 in Holzwickede, mit leichter Intelligenzminderung, arbeitete in Werkstätten, wurde 1937 in die Heilanstalt Warstein verlegt und schließlich in die Anstalt Weilmünster. Wo er noch neun Monate lebte und am 30. April 1944 vermutlich wegen Nahrungs- und Behandlungsentzug verstarb.

Hauptstraße 8: Ludwig Himpe, geboren am 16. Oktober 1898, kam wegen eingeschränkter Intelligenz kaum in der Volksschule mit, wurde als Vollwaise auf Bitte seiner Stiefmutter vom sog. Armenarzt begutachtet und schließlich in die Anstalt Niedermarsberg eingewiesen. Auch in weiteren Heimen zeigte er Lernwillen, wurde aber 1937 nach Warstein verlegt und als "lebensunwert" abgestempelt. 1943 kam er in der Anstalt Weilmünster, wo er trotz Mangelernährung noch dreieinhalb Monate lebte. Am 12. November wurde sein Tod vermutlich durch eine Giftdosis herbeigeführt.

Landweg 57: Josef Kaup, geboren 18. Dezember 1915 in Holzwickede, wurde erst in seiner Lehre zum Anstreicher psychisch krank. Als 18-Jähriger kam er in die Heilanstalt Marsberg und wurde erbbiologisch erfasst. Als "Erbkranker" wurde er mutmaßlich zwangssterilisiert. Für "lebensunwert" befunden wurde er 31. Juli 1941 nach Weilmünster gebracht. Mit Namen auf dem nackten Rücken gekennzeichnet, zur späteren Identifikation, brachte man ihn nach Hadamar, wo er noch am selben Tag in der Gaskammer ermordet wurde.

Sölder Straße 31: Karl Klönne, geboren am 28. September 1922, war gehandicapt durch eine Gehirnentzündung. Als Kind zeigte er nach Einweisung in den Johannesstift Marsberg "befriedigende bis ziemlich gute Leistungen". Der Zwangssterilisation entging Klönne auf Betreiben des Vaters, der eine Erbkrankheit ausschloss. Nach kurzer Zeit ausserhalb psychiatrischer Einrichtungen wurde er 1938 wieder in Marsberg eingewiesen, wurde aber kurz nach Kriegsbeginn nach Holzwickede entlassen, zeigte normales Wissen und Alltagsfähigkeit.  In der Heilanstalt Warstein geriet er in die Phase der Euthanasie. In der Anstalt Eichberg im hessischen Eltville verstarb er am 31. Januar 1942 an Hygienmangel, Verwahrlosung und Nahrungsmangel.

Landskroner Straße 23: Wilhelm Lohöfer, geboren am 17. April 1910 in Holzwickede, begann nach erfolgreicher Volksschule eine Lehre als Former auf der Zeche Achenbach. 1936 wurde er sterilisiert, da gelegentlich psychische Anfälle auftraten. In der Heilanstalt Warstein unterzog man ihn unmittelbar einer medikamentösen Schockbehandlung, ohne Wirkung. Als "Erbkranker" trug man ihn bei der Berliner Euthanasiebehörde ein. Am 21. August 1941 wurde er in der Gaskammer in Hadamar ermordet. Belegt ist, dass seine Todesursache und standesamtlichen Dokumente absichtlich vernichtet wurden.

Gunter Demnig benötigt etwa 20 Minuten für jeden Stein. Die Kosten von 600 Euro sind aus dem Erlös einer Spendenaktion gedeckt. Auf einem Konto bei der Gemeinde sind bisher über 900 Euro eingegangen, hinzu kommen wohl Erlöse des CSG aus dem Verkauf auf dem Weihnachtsmarkt. Das Geld wird für eine weitere Aktion benötigt, in der vier weitere Stolpersteine verlegt werden.
Die Gedenkveranstaltung findet am Sonntag, 4. März ab 14 Uhr im Foyer des CSG statt. 
Für die Aktion hat der Arbeitskreis einen Flyer entworfen, der die Standorte und Reihenfolge der Verlegung ausweist. Zur Verlegung sind alle interessierten Bürger eingeladen. Der erste Standort der Verlegung ist die Nordstraße 19 (Friedrich Ellerkmann). Beginn: 12.30 Uhr.
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