Flüchtlinge lernen "sanfteren sozialen Umgang"

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"Stille Post" vermittelt Gefühl für Körperkontakt: Die Erzieher-Praktikantinnen Monja Becker (24, links) und Raffaela Koslowsky (20), beide aus Kamen, führten jetzt ein Projekt mit Jugendlichen unter dem Titel "Konfliktbewältigung zwischen Flüchtlingen". Bild: Stefan Reimet
 
Beim Gordischen Knoten ist jeder mit jedem irgendwie verbunden und muss Strategien entwickeln, sich zu befreien. Bild: Stefan Reimet
Hilfe bei Konflikten

Natürlich haben sich Raffaela Koslowsky und Monja Becker vor dem ersten Termin ihre Gedanken gemacht. Was wäre wenn es eskaliert, es zu Übergriffen käme. Doch ihr Fazit nach sechs Arbeitsterminen mit zwölf jugendlichen Flüchtlingen: "Wir wurden respektiert". Unter dem Arbeitstitel "Konfliktbewältigung zwischen Flüchtlingen" absolvierten die angehenden Erzieherinnen jetzt ihr Berufspraktikum in einer Wohngruppe in Stockum.


Am Anfang stand der Gordische Knoten, bei dem die Schülerinnen des Erzieherseminars am Märkischen Berufskolleg Unna herausfanden, wie die Jungengruppe miteinander so umgeht. Das Knäuel verknoteter Arme und Beine gab Aufschluss. "Bei Spielen stellte sich heraus wie hart sie miteinander umgehen", erklärt Monja Becker. Körperkontakte der Jungen untereinander waren teils grob, die Umgangsformen mit Blick auf die Eingliederung verbesserungswürdig. Nach langen Fluchtmärschen und fernab von Heimat und Familie gelte oft das Recht des Stärkeren. Unkontrollierte Wutausbrüche schwächten die Praktikantinnen etwa mit Stressbällen, mit Sand gefüllte Luftballons, ab. "Damit zu Kneten oder auf den Boden werfen hilft manchmal und tut keinem weh." Spannungen abzubauen gelang ihnen mit "Stille Post", bei der Figuren per Hand auf den Rücken des Vordermanns gemalt und weitergegeben werden. Raffaela kennt die Einrichtung seit der Eröffnung im November 2015. Ihr erstes Gefühl: "Ich habe mich von Anfang an wohl gefühlt". Ihre Zweifel, wie die Jungen auf die Praktikantinnen reagieren, wurden rasch entkräftet. "Kein Problem, sie hören auf uns."

Familien stolz machen
"Konflikte gibt es natürlich", erklärt Sebastian Behrend, leitender Erzieher. Die Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 17 Jahren stammen aus Afghanistan und Syrien, der Konflikt zwischen Suniten und Schiiten tritt hervor. Im Dezember habe es eine Prügelei mit Verletzten gegeben. Daraufhin haben zwei Syrier die Einrichtung verlassen.
Ursprünglich war die Unterkunft eine Obhuteinrichtung zur Grundversorgung der Flüchtlinge. Jetzt ist sie im Umbruch zu einer Wohngruppe, in der sie bis zum 18. Lebensjahr bleiben. Bis zu drei Jugendliche teilen sich ein Zimmer. Da alle ohne Eltern unterwegs sind, stehen sie mit ihren Familien über den Videodienst Skype in Kontakt. Elemetarer Aufgabe der acht Mitarbeiter ist das "Lernen des Alltags" mit den Flüchtlingen. "Neben der Sprache sind es die lebenspraktischen Aspekte wie Sauberkeit, Versorgung und das Miteinander", so Sebastian Behrend. Um so stärker begrüßt er das Angebot der Praktikantinnen. "Denn es ist eine große Herausforderung, da Nationen aufeinander prallen mit verschiedenen kulturellen Hintegründen in Religion und Nationalkultur." Raffaela und Monja erlebten: "Mit der Zeit baut sich die Toleranz auf." Es überwiege jetzt das Gefühl "Wir sitzen alle im gleichen Boot". Den Jugendlichen werde vermittelt, es gehe auch darum, ihre Familien im Herkunftsland stolz zu machen, dass sie hier leben und eine Chance haben.

"Schöne Erfahrung"
Für die Praktikantinnen liegen Konfliktfelder eher beim Verständnis der Bürger. Im Umfeld gab es zahlreiche kritische Stimmen und Hinterfragungen. Sechs Termine füllten die Praktikantinnen mit pädagogischen Spielen, einschließlich eines Rückblicks mit den Mitarbeitern. Den Abschluss bildete ein Fußballspiel, um das Team zu stärken. Die Projekt-Präsentation in der Schule steht noch aus. Ihre Bilanz: "Eine schöne Erfahrung, besonders vor dem Hintergrund Köln. Sie sind ruhig, verstehen alles." Als Hauptberuf kann sich Raffaela die Arbeit mit Flüchtlingen vorstellen, hat aber für ihr Anerkennungsjahr dort keinen Platz mehr erhalten und wechselt in eine Kita. Monja knüpft an die Erfahrungen in der Wohngruppe an und geht in die Intensiv-Pädagogik mit Eins-zu-eins-Betreuung von Straßenkindern. Ihre Erfahrungen bringen sie auf den Punkt: "Keine Angst vor Flüchtlingen, sondern sich trauen und damit beschäftigen."


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