Flug zurück in der Zeit - Begegnung mit dem russischen Doppeldecker Antonov AN-2

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Charakteristisch für den russischen Doppeldecker der Bauart Antonov AN-2 ist der Sternmotor
 
Die AN-2 ist der größte einmotorige Doppeldfecker der Welt.
Dortmund: Flughafen Dortmund |

Es herrscht rege Betriebsamkeit an diesem leicht diesigen Nachmittag des ersten September des Jahres 2013 in der modernen Abflughalle des Dortmunder Flughafens. Menschen hasten mit ihren Gepäckstücken hin und her, Anzeigetafeln blinken und Lautsprecher verkünden, dass im Sicherheitsbereich ein herrenloser Laptop aufgefunden worden sei.
Ich halte in meiner Hand einen Gutschein der Firma Air Albatros für einen halbstündigen Rundflug, den man mir zu meinem letzten Geburtstag geschenkt hat. Ein Rundflug mit einem russischen Doppeldecker der Bauart Antonov AN-2, auf den ich sehr gespannt bin.

Am Schalter 23 weist mich ein freundlicher Mitarbeiter der Air Albatros in die Sicherheitskontrolle, die auch ich zu durchlaufen habe. Es heißt dort wieder einmal mit vielen Menschen in der Schlange stehen, durchleuchtet und kontrolliert werden. Ein hektischer Bereich, akustisch angefüllt mit den Stimmen diskutierender Menschen, Lautsprecherdurchsagen und elektronischen Geräuschen.

Der größte einmotorige Doppeldecker der Welt

Einmal durchlaufen, wende ich mich dem eigentlichen Abflugbereich der Air Albatros zu, der, etwas abseits der allgegenwärtigen Hektik des Flughafens gelegen, wie ein Ort der Ruhe anmutet. Dort erblicke ich durch die Fenster auch zum ersten Mal unser Fluggerät, einen mit Drahtseilen abgespannten, roten Doppeldecker. Der Kontrast zu den hier sonst verkehrenden ultramodernen Jets könnte nicht größer sein. Selbst auf den ersten Blick erkennt man, dass dieses Fluggerät von seiner Größe her nicht mit einem historischen Doppeldecker des ersten Weltkriegs zu vergleichen ist. Es ist kein Udet-Flamingo und auch keine Bücker. Eine rote AN-2 eben. Der größte einmotorige Doppeldecker der Welt.

Charakteristisch: Knallende Fehlzündungen

Meine sieben Mitreisenden, Männer und Frauen bunt gemischt, sind bereits vor Ort und harren nun mit mir der Dinge, die da kommen mögen.
Nach kurzer Wartezeit erscheint in ihrem roten Flugoverall Ilse Janicke, die uns herzlich begrüßt und sich als unsere Pilotin vorstellt. Es sei heute zwar etwas diesig und die Luft vielleicht ein wenig unruhig, aber, da wir nicht sehr hoch fliegen würden, sei mit guten Flugbedingungen zu rechnen, so ihre einleitenden Worte. Hiernach führt sie uns Wagemutige dann über eine Treppe hinaus aufs Flugfeld zu unserer Antonov, wo die Sicherheitsbelehrung und eine Einführung in die Eigenarten des Fluggeräts folgen: Baujahr, Art des Flugzeugs, frühere Nutzung, technische Details und die Möglichkeit, dass der Motor beim Anlassen uns durch knallende Fehlzündungen auf die Art seiner Konstruktion hinweisen könnte.
Nach einigen vorsichtigen Blicken auf den gewaltigen Sternmotor, der, bedingt durch das nicht vorhandene Bugfahrwerk, in den Himmel ragt, gelangen wir über eine kleine Treppe in Frau Janickes gute Stube – die Kabine unserer Antonov.

Eine Reise zurück in die Zeit, als die Sowjetunion noch existierte


Es ist wie der Übertritt in eine andere, uns noch fremde Welt. Eine Reise zurück in die Zeit, als die Sowjetunion noch existierte und man dort von moderner Technik und modernem Design nicht viel wissen wollte. Robust, einfach und zuverlässig musste ein solches Fluggerät sein, dazu noch mit schlechten und vor allem kurzen Pisten klarkommen. Es musste einfach und überall zu warten sein und auch Piloten mit unterschiedlichsten Flugkünsten verkraften. Sitze und Sitzbänke, bespannt mit rotem Kunstleder, weiße Wände, dunkler Boden erwarten uns im Innenraum. Bullaugen aus Plexiglas dienen als Fenster. Eine eher spartanisch anmutende Atmosphäre, gemischt mit den typischen Gerüchen der Nachkriegsära. Ach ja, die berühmten Tüten sind auch vorhanden, so kleine, wasserdichte. Aber nur für den Notfall. Die scherzhafte Frage eines weiblichen Fluggastes nach Schwimmwesten wird mit dem Hinweis auf den Überlandflug beschieden. Der Phönixsee sei für eine Notwasserung vielleicht ein bisschen zu klein. Und man werde den Signal-Iduna-Park selbstverständlich auch umrunden, wobei ein zustimmendes Raunen durch die Fluggemeinschaft geht. Ich nehme auf einer der Bänke Platz und schnalle mich an.

Wie ein lebendiges Fossil inmitten von Hochtechnologie

Dann wird es ernst, da Frau Janicke den Schwungkraftanlasser in Bewegung setzt, der sich mit langsam steigender Frequenz in unser Bewusstsein drängt. Der riesige Sternmotor wird eingekuppelt, der sofort sonor dröhnend startet, ohne jede Fehlzündung, ohne jedes Mucken. Die Antonov vibriert. Man könnte meinen, ein Urtier ist zu brüllendem Leben erwacht.
Der Motor wird abgebremst. Der Startcheck sagt eindeutig: Es kann losgehen.
Über den Taxiway gelangen wir zur Startbahn, wo die Antonov sich ausnimmt wie ein lebendiges Fossil in einer von Hochtechnologie durchdrungenen Umgebung.
Der Motor läuft auf höchsten Touren. Die Bremsen werden gelöst und schon setzt sich unser Flugsaurier in Bewegung. Nach wenigen Metern Startrollstrecke löst sich bereits das Spornrad vom Boden, die Antonov will in ihr Element, den unendlichen Ozean da oben. Nun zeigt sich auch, wofür sie damals derartig konstruiert wurde: Sind es überhaupt hundertfünfzig Meter die wir bis zum Abheben brauchen? Ich fühle, wie die Vibrationen des Fahrwerks plötzlich aufhören. Wir sind in der Luft. Röhrend dröhnen wir dem Himmel entgegen. Die Erde nimmt von uns Abschied und bleibt mit ihrem merkwürdigen Leben unter uns zurück.

Modelleisenbahn-Landschaft mit Phönixsee

Nun sind wir in einer anderen Zeit und einer anderen Welt. Die Flugschar wird lebendig, es wird die Modelleisenbahn-Landschaft unter uns begutachtet und heftig abgelichtet. Frau Janicke geht auf Reisedrehzahl und so bewegen wir uns über das östliche Ruhrgebiet dahin. Ich schließe meine Augen und überlasse mich den Bewegungen der Antonov. Ruhig gleiten wir durch den Luftraum. Zu ruhig, denke ich, da ich als alter Segelflieger etwas Abwechslung genossen hätte. Nein. So etwas bietet uns das Fluggerät nicht. Erstaunlich glatt durchstreifen wir etwaige Böen und weder die Pilotin noch die Antonov wollen mir den Wunsch erfüllen. Unter uns wechselt sich der Phönixsee mit dem Kemnader Stausee ab, meine Reisegefährten zollen der Landschaft ihren fotografischen Tribut. Ich hingegen fühle mich in eine Zeit versetzt, die ich gar nicht kenne. Auf dem altertümlichen Instrumentenbrett der Antonov thront ein hypermodernes GPS-Navigationsgerät, dass nun gar nicht hierher zu passen scheint, ansonsten erkenne ich kyrillische Buchstaben auf diversen Anzeigegeräten. Ich fühle mich wohl in diesem Fossil, diesem luftfahrttechnischen Relikt längst vergangener Tage.

Geruch nach heißem Motor und Auspuff

Wir haben nun Kurs auf die weiße Kuppel der Sternwarte Bochum genommen und streifen auch das Ruhrstadion des VFL. Ich schaue aber lieber ins Cockpit, wo unsere Pilotin unsere Maschine souverän durch die Luft steuert. Leider wird es nun Zeit für den Rückflug mit der huldigenden Ehrenrunde um den Ort, an dem sich regelmäßig viele Dortmunder und andere zusammenfinden, um ihre Fußballmannschaft zum Sieg anzufeuern. Gemächlich ziehen wir eine Schleife über dem Dortmunder Stadion, begleitet von einem Konzert klickender Digitalkameras. Dann gehen wir in den Parallelanflug, der Dortmunder Flughafen erwartet uns. Aus Queranflug- und Endanflugkurve kommend setzen wir auf der für uns viel zu üppigen Landebahn mit einem leichten Stoß des Fahrwerks auf und rollen der vorgesehen Abstellfläche entgegen. Es riecht nach heißem Motor und Auspuff und, oh Wunder, niemand hat sich übergeben müssen, nach nicht viel anderem. Auf der Abstellfläche angekommen erleben wir die letzten Umdrehungen unseres Motors, der mit einem dumpfen Blubbern seine Tätigkeit beendet. Die Erde hat uns wieder. Die Hecktür wird geöffnet und wir entsteigen unserem Saurier, begeistert von dem einmaligen Erlebnis, in ihm geflogen zu sein. Letzte Bilder werden geschossen, ein letzter Smalltalk mit der Pilotin geführt, die sich nochmals für unsere Flugbegeisterung bedankt und sich bei uns verabschiedet. Ich gehe um die Maschine herum und zolle dem allgewaltigen Sternmotor meine Bewunderung. Und kehre ins Hier und Jetzt zurück.
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