Immer mehr essgestörte Kinder suchen Hilfe in der LWL-Haardklinik

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Dr. Christiane Abdallah, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin.
 
In der Tiergestützten Therapie erfahren die Patienten beim Füttern der Tiere einen neuen Zugang zum Thema Nahrung. Fotos: LWL/Wieland

Marl/Haltern. „Die Zahl unserer Patienten, die bereits im jungen Alter von zehn bis zwölf Jahren mit einer Essstörung zu uns kommen, hat in diesem Jahr stark zugenommen“, so Dr. Christiane Abdallah, Fachärztin in der Marler Fachklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Während in den vergangenen drei Jahren jeweils ein bis zwei Patienten dieser Altersgruppe behandelt wurden, haben in diesem Jahr bereits fünf Kinder professionelle Hilfe in Marl-Sinsen erhalten. Ob es sich hierbei um einen neuen Trend handelt, vermag Abdallah noch nicht zu sagen, aber: „Diese Entwicklung ist in jedem Fall beobachtungswürdig“, stellt die Medizinerin fest.

Die Themen, die diese jungen Patienten beschäftigen, unterscheiden sich kaum von denen der 14- bis18-Jährigen: Sie möchten leistungsfähig und effektiv sein. Vielfach lautet ihr Motto: Wenn ich dünn bin, bin ich beliebt und werde anerkannt. Auch eine traumatische Erfahrung kann die Ursache für eine Essstörung sein, ebenso der Wunsch nach Zuwendung. Danach, Kontrolle über seine Lebensverhältnisse zu bekommen, etwa wenn man sich machtlos fühlt, weil die Eltern sich ständig streiten oder die Angst vor Herausforderungen in der Schule drückt. „Ein großes Problem unserer Patienten ist, dass sie sich gar nicht als so mager wahrnehmen, wie sie es objektiv sind“, weiß Abdallah, „deshalb müssen wir ihnen helfen, ihre Wahrnehmung zu korrigieren.“ Hierzu setzt die LWL-Klinik Marl-Sinsen neben Gesprächs- und Fachtherapien wie Kunst-, Musik- oder Tiergestützte Therapie vor allem auf Körpertherapie sowie auf ein videogestütztes Konfrontationstraining, wie es auch Ella (Name geändert) erlebt hat.

Videogestütztes Konfrontationstraining



Die 14-Jährige ist vor ein paar Wochen mit einem Körpergewicht von 45 Kilo bei 170 cm Körpergröße in die Klinik gekommen. Zu diesem Zeitpunkt sendet ihr Körper bereits verschiedene Notsignale aus, er läuft sozusagen auf „Sparflamme“, um das Überleben der lebenswichtigen Organe zu sichern: Ellas Regelblutung ist seit Monaten ausgeblieben, der Herzschlag verlangsamt. Die Jugendliche ist müde und abgeschlagen, friert häufig. Als Folge der Unterversorgung hat sich ein zarter Haarflaum auf Ellas Extremitäten gebildet, um den ausgezehrten Körper zu wärmen. Sogar ihr Gehirn ist kleiner geworden, wie das Ergebnis einer Magnetresonanz-tomographie kurz MRT-Untersuchung zeigt.

Blick in den Spiegel hilft oft nicht


Ein Blick in den Spiegel konnte Ella bislang nicht davon überzeugen, zu dünn zu sein. Erst als sie sich mit der Kamera filmen lässt und diese Videoaufnahmen nach einigen Wochen der Behandlung zusammen mit ihrer Therapeutin ansieht, wird dem jungen Mädchen zum ersten Mal bewusst, dass ihr Körper fast nur noch aus Haut und Knochen besteht. „Dieses Bewusstsein zu entwickeln ist ein elementarer Baustein für eine erfolgreiche Therapie“, so Christiane Abdallah. Gefilmt und anschließend besprochen werden auch Essenssituationen, um den jungen Patienten ihren Umgang mit Nahrung zu veranschaulichen. Vielen ist gar nicht bewusst, wie auffällig ihr Verhalten bei Tisch ist, wie sie das Essen auf dem Teller hin- und her oder manchmal sogar über den Tellerrand hinausschieben und nur kleinste Mengen zu sich nehmen. Die Videodokumentation hilft auch Ella, ihr Verhalten quasi von außen mit eigenen Augen betrachten. So gelingt es ihr nach und nach, wieder ein gesundes Essverhalten zu erlernen und sich zunehmend von ihrer Erkrankung zu distanzieren. „Eine Essstörung nach außen zu verlagern, sie zu externalisieren, wie es in der Fachsprache heißt, ist ein wichtiger Faktor auf dem Weg der Gesundung“, weiß Abdallah. Um diesen Prozess in Gang zu bringen, greift die Kinder- und Jugendmedizinerin im Rahmen der Psychotherapie auch
zu ungewöhnlichen Mitteln. Zum Beispiel, indem sie gemeinsam mit den Patienten die Krankheit bildlich auf einen leeren Stuhl setzt oder ihr das Gesicht eines „Magersuchtgeistes“ oder Kobolds gibt. „So verstehen die Kinder und Jugendlichen, dass sie nicht selbst die Essstörung sind, sondern dass diese Erkrankung ein Teil von ihnen ist, der eine enorme Macht über sie ausübt. Aber so einen Kobold kann ich besiegen und das ist auch Ella gelungen!“

Hintergrund: Zur Gruppe der Essstörungen gehören neben der Magersucht (Anorexia Nervosa) die Ess-Brech- Sucht (Bulimia Nervosa) und das Binge-Eating, bei dem unkontrolliert gegessen, aber nicht erbrochen wird. Die LWL-Klinik Marl-Sinsen behandelt pro Jahr durchschnittlich 70 Kinder und Jugendliche mit einer Essstörung im Alter von zehn bis 18 Jahren (in speziellen Fällen auch ältere). Mit rund 50 Fällen stellen junge Menschen mit einer Magersucht den Großteil dieser
Patientengruppe. Eine stationäre Behandlung dauert zwischen 14 und 18 Wochen. Ziel der Therapie ist die Wiedererlangung eines altersgerechten Gewichts und die Bearbeitung von Konflikten und problematischen Verhaltensmustern. Zum Konzept gehört ein regelmäßiger Besuch der Klinikschule. So sollen Lern- und Wissenslücken vermieden und der Fokus auch auf andere Themen als die Essstörung gelegt werden. Eltern oder Bezugspersonen werden ebenfalls mit in die Behandlung einbezogen. Sie lernen in speziellen Gruppen, die Erkrankung der Kinder und Jugendlichen zu verstehen und diese im Gesundwerden bzw. – bleiben zu unterstützen. Eltern, die sich nicht ganz sicher sind, ob ihre Kinder erkrankt sind, können sich neben dem Haus- oder Kinderarzt bzw. einem niedergelassenen Therapeuten auch direkt an Dr. Christiane Abdallah unter Tel.: 02365 802 -3160 oder 02365 802 -3180 wenden und einen Beratungstermin vereinbaren.
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