„Es dreht sich was beim Sonntagsschutz“

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Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach

Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach beim Ökumenischen Aktionskreis „Ohne Sonntag gibt's nur noch Werktage“

„Können wir uns den Sonntag noch leisten?“ Diese Frage hatte der Ökumenische Aktionskreis „Ohne Sonntag gibt's nur noch Werktage“ in Monheim/Langenfeld seinem Referenten Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach SJ bei einem Vortrags- und Diskussionsabend, der kürzlich in der Aula der Volkshochschule Monheim stattfand, gestellt. Hengsbach bejahte diese Frage und wies darauf hin, dass man eigentlich fragen müsse: „Wollen wir uns den Sonntag noch leisten?“ Der emeritierte Professor für christliche Gesellschaftsethik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main sowie bis 2006 Leiter des Oswald von Nell-Breuning-Instituts, stellte damit klar, dass es letztlich immer entscheidend sei, ob man etwas auch wirklich wolle. Demokratie lebe davon, dass Interessengruppen sich für ihre Ziele einsetzten und dafür Mehrheiten gewännen. So zeige das Engagement der „Allianz für den Sonntag“, das von Kirchen, Verbänden und Gewerkschaften unterstützt würde: „Es dreht sich was beim Sonntagsschutz“. Darüber hinaus würden auch die Gerichte immer öfter „verkaufsoffene Sonntage“ untersagen, wenn hierfür die rechtliche Grundlage fehle. Hinzu komme, dass sich selbst Bürger vor Ort – wie zuletzt im November 2016 in Münster – in einem Bürgerbegehren gegen die Öffnung der Läden an Sonntagen ausgesprochen hätten. Sogar im Deutschen Bundestag werbe die frühere Familienministerin Kristina Schröder für einen politikfreien Sonntag.

Prof. Hengsbach ging in seinem Vortrag zunächst auf den Begriff der Leistung ein, der insbesondere in einer Leistungsgesellschaft wie der Bundesrepublik Deutschland immer wieder diskutiert werde. So werde als Leistung vielfach nur die Tätigkeit anerkannt, die wirtschaftliche Güter erzeuge und in Geldeinheiten bewertet wird. Damit würden beispielsweise Familien- und Hausarbeit sowie alle ehrenamtlichen Tätigkeiten nicht als Leistung bezeichnet, obwohl sie wertvoller sein können als manche wirtschaftliche Leistung. „Wirtschaftliche Leistungen haben einen Preis. Der Sonntag hat Würde“, unterstrich der Referent.

Faktoren der Beschleunigung

Der Sozialethiker zeigte sodann die Faktoren auf, die das Leben der Menschen heute immer mehr beschleunigten und damit den Menschen unter Druck setzten. Angefangen vom Arbeitszeitrechtsgesetz von 1997, das den Sonntagsschutz eingeschränkte habe, bis hin zur Arbeitszeitflexibilisierung, zeige sich, dass das Rentabilitätsinteresse der Betriebe Vorrang vor den Interessen der Arbeitnehmer habe. Auch die Agenda 2010 habe die solidarische Sicherung deformiert. Darüber hinaus beklagten schon junge Menschen den Schulstress, Krankenschwestern die Pflege im Minutentakt und alleinerziehende Mütter, die als „Mama-Taxi“ und ähnliches kaum noch Zeit für sich haben.

Rätsel der Zeit

„Wenn nichts verginge, nichts wäre und nichts käme, gäbe es keine Zeit. Doch das Vergangene ist schon nicht mehr, das Zukünftige noch nicht.“ Mit diesen Worten beschreibe Augustinus das Rätsel der Zeit. Ludwig Wittgenstein plädiere sogar dafür, die abstrakten Ideen wie Zeit, Verstand, Geist, Seele in Tätigkeitswörter zu übersetzen. Dann wäre das Wort Zeit eine Chiffre dafür, wie wir unser Handeln aufeinander abstimmen, wie wir unsere Tätigkeiten synchronisieren. Dabei wusste schon das Buch Kohelet: „Für alles gibt es eine Stunde, und eine Zeit gibt es für alles Geschehen unter dem Himmel“ (Koh 3.1).

Deshalb plädierte der Referent auch für eine „Wiedergewinnung der Eigenzeit“. Ausstieg in alternative Lebensformen, spontan reagieren, entschleunigt leben, kein Multitasking, Wahl der Verkehrsmittel, Muße, reines Nichtstun, Stille, Wandern, Musikhören, Malen, im „Off“ leben waren Stichworte, die deutlich machten, was jeder selbst tun könne. Oder wie es der Kabarettist Hermann Polt formuliert habe: „Herumschildkröteln“.

Der Sabbat ist für den Menschen da

Wenn in der Bibel die Arbeitsruhe am Sabbat bzw. Sonntag gefordert werde, sei dies letztlich immer im Interesse des Menschen. „Der Mensch ist nicht für den Sabbat da, sondern der Sabbat für den Menschen.“ So heiße es in der hebräischen Bibel: „Höre Israel, ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptengeführt hat aus dem Sklavenhaus. Achte auf den Sabbat: Halte ihn heilig … du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein ganzes Vieh und der Fremde bei dir.“
Für die Christen sei dagegen der Sonntag, der Tag der Auferstehung Christi, der Tag der Arbeitsruhe. Von daher sei es auch eine soziale Errungenschaft, dass Kaiser Konstantin am 3. März 321 – also vor fast 1.700 Jahren – den Sonntagsschutz gesetzlich eingeführt habe – wenn auch nur für Richter, Stadtleute und Gewerbetreibende, denn sie sollten „am verehrungswürdigen Tag der Sonne ruhen“. Nach dem Katholischen Katechismus meint das Sonntagsgebot, „keine Arbeiten oder Tätigkeiten auszuüben, welche die Gottesverehrung, die Freude am Tag des Herrn, Werke der Barmherzigkeit und die Erholung von Körper und Geist verhindern“.

Letztlich beruhe darauf auch der Artikel 140 des Grundgesetzes in Verbindung mit Artikel 139 der Weimarer Reichsverfassung, wenn es dort heiße: „Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt“. Der Artikel bezeichne kein individuelles Grundrecht, sondern eine objektive Verpflichtung des staatlichen Gesetzgebers, der Exekutive einschließlich der Verwaltung und der Rechtsprechung die Religionsfreiheit, die Freiheit körperlicher und mentaler Selbstentfaltung, Ehe und Familie, sowie die Vereinigungs- und Koalitionsfreiheit zu schützen.

In der anschließenden lebhaften Diskussion wurden noch einige Aspekte vertieft. Gleichzeitig waren sich die Anwesenden einig, dass der Sonntagsschutz immer wieder neu begründet und gelebt werden müsse. „Unser Leben ist mehr als Arbeit, Kaufen und Besitzen. Dafür steht der Sonntag“, war denn auch das Fazit, dass Franz Köchling, Sprecher des Aktionskreises, am Schluss der Veranstaltung zog.

Im Ökumenischen Aktionskreis "Ohne Sonntag gibt's nur noch Werktage" arbeiten die evangelische Kirche in Monheim, die katholischen Kirchengemeinden und Verbände KAB, kfd und KKV im Bereich Langenfeld/Monheim mit, um vor allem den Sinn des Sonntags aber auch der freien Zeit stärker ins Bewusstsein der Menschen zu rücken.
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