Menschen auf der Flucht: Cap-Anamur-Kapitän besuchte die Käthe-Kollwitz-Schule

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Stefan Schmidt berichtete davon, wie er mit dem Hilfsschiff „Cap Anamur“ 37 afrikanische Flüchtlinge rettete.

2004 rettete Stefan Schmidt als Kapitän des Hilfsschiffs „Cap Anamur“ 37 afrikanische Flüchtlinge, die in Seenot geraten waren, aus dem Mittelmeer. Hiervon erzählte er während einer Veranstaltung mit dem Titel „Flucht – Rettung oder Tod?“ vor knapp 250 Schülern der Oberstufe und den Klassensprechern der Jahrgänge 7 bis 10 der Käthe-Kollwitz-Schule.

Der 75-jährige Lübecker bezeichnet sich als „Lobbyist der Flüchtlinge“. Seit 2011 ist er Beauftragter für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen des Landes Schleswig-Holstein und leistet Aufklärungsarbeit zu migrations-, flüchtlings- und integrationsrelevanten Themen.
In den vergangenen eineinhalb Jahren war das Thema Flüchtlinge deutschlandweit in aller Munde, und auch zur Schülerschaft der Käthe-Kollwitz-Schule gehören Jugendliche, die aus ihren Heimatländern geflohen sind. Doch das Thema ist nicht neu, und wie Stefan Schmidts Erlebnisse zeigten, wird auch die Diskussion darüber, wie man mit der Flüchtlingssituation umgehen soll, schon seit Langem geführt.
Eigentlich hatte Schmidt sich nämlich 2004 der Hilfsorganisation „Cap Anamur / deutsche Notärzte“ angeschlossen, um mit dem Schiff Hilfsgüter nach Sierra Leone und Liberia, wo Bürgerkrieg herrschte, zu bringen. „Wir wollten Verhältnisse schaffen, damit die Leute nicht fliehen müssen“, erläuterte er das Ziel der Aktion.

37 Schiffbrüchige

Auf dem Rückweg stieß das umgebaute Frachtschiff dann im Mittelmeer auf ein Schlauchboot mit 37 Afrikanern, das kurz vorm Kentern stand. Um sie zu retten, holte Schmidt die Schiffbrüchigen an Bord und wollte sie an einem sizilianischem Hafen an Land bringen, doch Italien verweigerte die Einfahrt. Erst nach elf Tagen auf See durfte das Schiff anlegen.
36 der Flüchtlinge wurden sofort abgeschoben, während Stefan Schmidt, der damalige Vorsitzende der Hilfsorganisation sowie der erste Offizier zunächst für eine Woche ins Gefängnis mussten, bevor sie nach Deutschland zurückkehren durften. Alle drei wurden wegen Beihilfe zu illegaler Einreise angeklagt, und ihnen drohten vier Jahre Haft und eine Geldstrafe von jeweils 500.000 Euro. Erst im Oktober 2009 sprach ein italienisches Gericht sie frei.
„Haben Sie nicht erwartet, dass die deutsche Regierung sich für Sie einsetzt?“, fragte ein Schüler Stefan Schmidt während der Diskussionsrunde. „Doch“, erwiderte Schmidt, aber wie er den Jugendlichen schilderte, sei ihnen weder während des Gefängnisaufenthaltes noch während des jahrelangen Prozesses jemand zu Hilfe gekommen. „Würden Sie dasselbe noch einmal tun, nach allem, was Sie erlebt haben?“, wollte eine Schülerin wissen, und die Antwort kam ohne zu zögern: „Ja, sehr gern.“

Filmaufnahmen

Von der Rettung der Schiffbrüchigen und den Tagen an Bord, bevor das Schiff in den Hafen einlaufen durfte, brachte Schmidt einen Film mit. Ebenso eindrucksvoll war der Film, der zeigte, wie die Besatzung eines amerikanischen Kriegsschiffs versuchte, Menschen von einem Schlauchboot zu retten – in einigen Fällen vergeblich.
Auch die Käthe-Kollwitz-Schüler konnten sich ein Bild davon machen, wie klein und unsicher ein Schlauchboot ist. Die Umrisse eines Bootes waren auf dem Fußboden der Aula abgeklebt, und Moderator Jan Giessmann bat mehr und mehr Schüler, sich hineinzustellen. „Eng“, lautete das Urteil der Jugendlichen, nachdem 44 von ihnen dort standen. Bei 67 Schülern brach Jan das Experiment ab, doch wie Stefan Schmidt wusste, gibt es auch Boote, die von den Schleppern mit 100 und mehr Flüchtlingen gefüllt werden.

Reza (17) berichtet von seiner Flucht

Einer, der in einem Schlauchboot von der Türkei nach Griechenland gekommen ist, ist Reza. Der 17-Jährige stammt aus Afghanistan und lebt sei knapp einem Jahr in Deutschland. Sie hätten das Schlauchboot selbst aufpumpen müssen, erzählte er vor den versammelten Schülern. Doch es war kaputt, und kaum waren die Flüchtlinge auf dem Wasser, kenterte das Boot. „Wir sind zurück ans Ufer geschwommen“, berichtete Reza vom glücklichen Ausgang. Beim zweiten Versuch gelang es ihm, mit dem Boot das Ägäische Meer zu überqueren., doch während seiner Überfahrt beobachtete er, wie ein anderes Boot unterging.
„Was können wir tun, um zu helfen?“, lautete die abschließende Frage eines Schülers an Stefan Schmidt. „Ihr könnt eine Arbeitsgemeinschaft Flüchtlingshilfe gründen oder einen Brief an euren Abgeordneten schreiben und ihn fragen, was er tut“, schlug Schmidt vor und gab den Jugendlichen mit auf den Weg: „Tut euch zusammen.“
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