Waltrop: "Ohne Stress leben"

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Ein gutes Team: die Betreuer der Jugendhilfestation Mete Topcu, Tina Kapica und André Brandhorst mit den jungen afghanischen und albanischen Flüchtlingen Farhad, Margent, Besart, Amir, Denis und Bujar. (Foto: Petra Pospiech)
 
Wie für alle Flüchtlinge ist auch für Denis (17) das Smartphone die einzige mögliche Verbindung zu seinen Eltern, Geschwistern und Freunden in der Heimat. Hier zeigt er stolz ein Foto von seinem Wohnort in Albanien. (Foto: Petra Pospiech)

Kaum ein deutscher Jugendlicher kann sich vorstellen, was es heißt, sich alleine ohne Eltern tausende von Kilometern auf den Weg zu machen in ein unbekanntes Land mit fremder Sprache. Nicht bequem im Flugzeug, um Urlaub zu machen, sondern unter den schlimmsten Bedingungen, per Schlauchboot, per Fuß, Bus oder Auto. Sechs Jugendliche aus Afghanistan und Albanien haben es 2016 alleine bis nach Waltrop geschafft. Hier werden sie betreut von der Jugendhilfestation der Diakonie.

Armir und Farhad stammen aus Afghanistan. Die beiden 18-Jährigen leben gemeinsam mit den jungen Albanern Margent (16), Besart (17), Bujar (18) und Denis (17) in einer Wohngemeinschaft in Waltrop. Alle besuchen die Internationale Klasse des Berufskollegs Datteln mit der Option, ihren Hauptschulabschluss zu schaffen.
"Es ist nicht einfach für die Jugendlichen. Sie müssen die deutsche Sprache erlernen, in der Schule pauken und sich obendrein selbst versorgen, das heißt einkaufen, kochen und putzen. Viele haben Heimweh nach ihren Verwandten und Freunden“, weiß Betreuer André Brandhorst. „Hinzu kommen Behördengänge und die Angst, wieder abgeschoben zu werden. In den Augen der Jugendlichen sind wir oftmals nicht nur Betreuer, sondern auch Familienersatz und Freizeitgestalter.“

Ein Leben ohne Krieg, Gewalt und Bedrohung

Trotzdem oder gerade deshalb sagen alle Jugendlichen einstimmig: „Deutschland ist ein gutes Land. Wir hoffen, wir können hier einen Beruf erlernen und eine Zukunft aufbauen. Hier können wir leben ohne Stress.“
Ohne Stress? Betreuer Mete Topcu übersetzt: „Ohne Stress, das bedeutet für diese Jugendlichen ein Leben ohne Krieg, Gewalt und Bedrohung. Einfach einmal abends mit einer Clique abhängen, Musik hören und vielleicht eine Cola trinken. Das alles ist zum Beispiel in Afghanistan einfach undenkbar.“
Amir und Farhad können sich ein Leben ohne Krieg und Taliban gar nicht vorstellen. Die beiden Cousins sind gemeinsam mit Amirs Eltern aus Afghanistan geflüchtet. Er erzählt: „Wir waren mit zwei Autos schon auf dem Weg vom Iran in die Türkei, als sich ein türkischer Polizeiwagen vor den Wagen meiner Eltern stellte, sie festnahm und wieder nach Afghanistan abschob. Farhad und mir gelang die 18-tägige Flucht über die Türkei, Bulgarien, Rumänien, Tschechei nach Deutschland.“
Die albanischen Jugendlichen haben eine andere Geschichte. Krieg herrscht in Albanien nicht. Eine Aussicht auf Arbeit jedoch auch nicht. Schon Kinder müssen durch Hilfsarbeit zum Lebensunterhalt beitragen, so auch Margent. Er schlug sich im Dezember 2014 alleine nach Italien zu seinem Onkel durch. Gemeinsam fuhren sie nach Deutschland. Der 16-Jährige träumt davon, eine Arbeit zu finden, um seine kranke Mutter und Schwester in der Heimat unterstützen zu können. Doch schon bald drohen die Träume der Jugendlichen zu zerplatzen.
André Brandhorst sagt: „Durch die verschärften Gesetzen in Deutschland genießen unbegleitete Jugendliche nur bis zu einem Alter von 18 Jahren ein Aufenthaltsrecht. Je nach Herkunftsland droht ihnen dann die Abschiebung. Dann heißt es individuell abzuwägen, ob ein Asylantrag gestellt wird oder einer freiwilligen Ausreise zugestimmt wird. Beides birgt für die Jugendlichen Vor- und Nachteile. Auf eine sichere Zukunft hier in Deutschland können leider die wenigstens bauen.“
Für Bujar hieß es jetzt Abschied nehmen. Kurz nach seinem 18. Geburtstag erhielt er seine Ausweisungsdokumente und stimmte einem freiwilligen Rückflug zu. Das bedeutete einen Einreisestopp für zwölf Monate. Würde er einen Asylantrag stellen, der abgelehnt wird, dürfte er fünf Jahre nicht nach Deutschland einreisen. Der Jugendliche musste sich auf den Weg machen zurück in seine Heimat Albanien - dieses Mal mit dem Flugzeug.
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