Ursula Froese und die Geschichte eines Liedes

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Das Hochzeitsbild des Ehepaares Froese.
  Gerade ist das Bochumer Maiabendfest vorüber. Es war die 629. Auflage – und erstmals stifteten die Augusta Kliniken die Junggeselleneiche. Geschäftsführer Dipl.-Kfm. Ulrich Froese, der auf dem Bongard Boulevard ein kleines Grußwort sprach und anschließend mit OB Thomas Eiskirch vor der Bühne den Baum symbolisch pflanzte, war dieser Tag voller Erinnerungen an seine verstorbene Mutter Ursula.

Dies ganz besonders, als das Bochumer Jungenlied erklang, das für seine Mutter eine ganz besondere Bedeutung hatte. Es war das Lied, das bei ihrer Hochzeit 1941 in Ostpreußen von allen Gästen gerne gesungen wurde. Das Lied war damals auch als „Gesellschaftslied“ bekannt und beliebt. Die Lehrerin hatte eine kleine Geschichte dazu geschrieben, die wir hier im Nachgang zum Maiabendfest sehr gerne noch einmal veröffentlichen wollen.

Und hier nun die Original-Geschichte von Ursula Froese, die sie vor vielen Jahrzehnten aufgeschrieben hat:

"Meine Geschichte beginnt vor 200 Jahren auf einer Reise in einem Land, das uns heute nicht mehr gehört.

Ich spreche von Ostpreußen. Eine Reise in damaliger Zeit war eine umständliche, gefahrvolle und kostspielige Angelegenheit, besonders wenn, wie in dem Falle meiner Geschichte, die Reise nach Rußland gehen sollte. Da gab es zwar den Seeweg über die Ostsee zu den nördlichen russischen Provinzen und nach Petersburg. Aber wollte man über Land reisen, so bedeutete das entweder zu reiten oder die Postkutsche zu benutzen.

Wer begütert war, reiste in seiner eigenen Kutsche und wechselte die Pferde an bestimmten Pferdewechselstationen. Reisende nach Rußland benutzten oft die Route über die Kurische Nehrung, jenem schmalen Landstreifen, der das Kurische Haff von der Ostsee trennt. Die Nehrung war damals wahrscheinlich noch mit großen Eichen bestanden, und es muß bei schönem Wetter eine besonders schöne Fahrt gewesen sein, zur Linken Ausblicke auf die bewegte Ostsee und zur Rechten auf die ruhige Fläche des Kurischen Haffs mit den behäbigen Fischerkähnen mit den holzgeschnitzten, buntbemalten Kurenwimpeln an den Mastspitzen.

Plötzlich war für den Reisenden damaliger Zeit alles zu Ende; es ging nicht weiter. Man war am Memeler Tief angekommen, der Stelle an der eine Wasserverbindung zwischen Haff und Meer besteht. Das Wort besagt schon, daß es dort tief war. Hier lag eine Gastwirtschaft, der Sandkrug, mit Übernachtungsmöglichkeit für Reisende und Ställe für die Pferde, vielleicht auch Pferdewechsel. Obwohl es hier eine Fähre über das Memeler Tief gab, (in das heutige Litauen) lag der Fährverkehr bei stürmischem Wetter oft still, und es kam vor, daß Reisende tagelang warten mußten bis der Westwind sich gelegt, ruhigeres Wetter eintrat und die Fährleute sie mitsamt ihren Kutschen und Pferden übersetzen konnten. Sturm, Regen und Wellengang waren für den Wirt des Sandkruges ein gutes Geschäft! Die Reisenden vertrieben sich die Wartezeit in dem einsamen Gasthof, so gut sie konnten.

Einmal war dort eine Kutsche eingetroffen, die einen Herrn von Kotzebue beförderte. Er stand in diplomatischem Dienst am Zarenhof und war in dieser seiner Eigenschaft am Hof des preußischen Königs in Berlin gewesen. Jetzt befand er sich auf der Rückreise nach Petersburg auf der bewährten Route über die Nehrung. Auch er mußte im Sandkrug warten, denn es war zu bewegte See, um die Kutsche mit Pferden mitsamt dem Herrn von Kotzebue überzusetzen. Da saß er nun in dem öden Gasthaus! Aber es war ihm nicht langweilig. Er fand Leidensgefährten, andere Reisende, und es ist anzunehmen, daß sie bald eine vergnügte Runde bildeten und manche Flasche Wein zusammen tranken, natürlich im Reisegepäck mitgebracht, denn der Wirt des Sandkruges wird ihnen wohl kaum was Besseres als selbstgebrautes Bier haben anbieten können. Die Gäste kamen in fröhliche aber dann auch in etwas melancholische und nachdenkliche Stimmung. Und jetzt ist der Moment, Herrn August von Kotzebue genauer vorzustellen. Er war ein Schriftsteller und Dichter. Er erhob sein Glas und dichtete ein Lied. Hier ist es:

EWIGER WECHSEL
August Friedrich Ferdinand v. Kotzebue, 1802 (1761-1819)

Es kann ja nicht immer so bleiben
Hier unter dem wechselnden Mond;
Es blüht eine Zeit und verwelket,
Was mit uns die Erde bewohnt.

Es haben viel fröhliche Menschen
Lang vor uns gelebt und gelacht;
Den Ruhenden unter dem Rasen
Sei fröhlich der Becher gebracht!

Es werden viel fröhliche Menschen
Lang nach uns des Lebens sich freun,
Uns Ruhenden unter dem Rasen
Den Becher der Fröhlickeit weihn.

Wir sitzen so traulich beisammen
Und haben einander so lieb
Erheitern einander das Leben.
Ach, wenn es doch immer so blieb!

Doch weil es nicht immer so bleibet,
So haltet die Freundschaft recht fest;
Wer weiß denn, wie bald uns zerstreuet
Das Schicksal nach Ost und nach West.

Und sind wir auch fern voneinander,
So bleiben die Herzen sich nah;
Und alle, ja alle wird's freuen,
Wenn einem was Gutes geschah.

Und kommen wir wieder zusammen
Auf wechselnder Lebensbahn,
So knüpfen ans fröhliche Ende
Den fröhlichen Anfang wir an.


Ich will mich berichtigen. Ich habe mich von meiner eigenen Schilderung der fröhlichen Runde im Sandkrug hinreißen lassen. Sicher hat Herr Kotzebue nicht spontan mit erhobenem Glas die sieben Verse gedichtet. Aber er verfaßte sie in der Wartezeit im Gasthof Sandkrug.

In Ostpreußen war dieses Gedicht überall bekannt und wurde nach der Vertonung von Friedrich Heinrich Himmel im Jahre 1803 auch viel gesungen.

Als ich im Jahre 1941 in Ostpreußen heiratete, sang die Hochzeitsgesellschaft gemeinsam dieses Lied.

Besonders die Strophe: „Wer weiß denn, wie bald uns zerstreuet das Schicksal nach Ost und nach West " hatte drohende, vorausahnende Bedeutung, die sich dann auch bewahrheitete. In wenigen Jahren waren wir überall hin verstreut.

Nach Jahren wurde ich in Bochum seßhaft und heimisch. Als ich zum ersten Mal das Maiabendfest erlebte, war ich fassungslos erstaunt, daß unser ostpreußisches Lied, mein Hochzeitslied, hier Allgemeingut war und gesungen wurde, zwar nach einer anderen Melodie mit einem Pfiff am Ende und dem Refrain: „Sind wir immer noch die Bochumer Jungen...". Doch es war das Lied, obwohl nicht alle Strophen hier bekannt sind."

Ursula Froese
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