Auch Gelb gehört dazu: Autorin Sandra Roth im Stadtanzeiger-Interview

Sandra Roth liest im März in der Castroper Leselust. 
Foto: Bettina Fürst-Fastré
  • Sandra Roth liest im März in der Castroper Leselust.
    Foto: Bettina Fürst-Fastré
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„Inklusion gelingt nur dann, wenn es alle wollen“, ist Sandra Roth überzeugt. Im Herbst 2009, kurz vor der Geburt ihrer Tochter, wurde bei dieser eine sogenannte Vena-Galeni-Malformation – eine Gefäßfehlbildung im Gehirn – diagnostiziert. Wie sich das Leben mit einem schwer behinderten Kind anfühlt, welche Herausforderungen man als Eltern zu meistern hat, und wie Inklusion gelingen kann, beschreibt sie in ihrem Buch „Lotta Wundertüte – Unser Leben mit Bobbycar und Rollstuhl“, aus dem sie am Donnerstag (20. März), 20 Uhr, in der Buchhandlung Castroper Leselust lesen wird.

Stadtanzeiger: Frau Roth, Ihre Tochter kam mit einer schweren Behinderung zur Welt und ist jetzt vier Jahre alt. Wie hat sie sich bisher entwickelt und was kann sie?

Sandra Roth: Lotta sitzt im Rollstuhl. Sie kann inzwischen schon besser den Kopf halten. Wenn man ihr hilft, kann sie stehen. Ich hoffe, dass sie irgendwann mal in der Lage sein wird, mit einem Rollator zu laufen. Sie kann nicht sehen. Sie kann ‚Mama‘ sagen und ‚Hunger‘. Mein Mann sagt ständig ‚Sag mal Papa‘ zu ihr. Neulich hat sie ihm sogar geantwortet: ‚nein‘ – das ist jetzt also ihr drittes Wort (lacht). Sie weiß, wie sie kriegt, was sie will, und sie kann lachen.

Stadtanzeiger: Ihre Tochter geht inzwischen in einen Regelkindergarten. Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Sandra Roth: Eigentlich wollte ich, dass sie einen heilpädagogischen Kindergarten besucht, weil sie viele Therapien benötigt. Der heilpädagogische Kindergarten in Köln wurde aber geschlossen. Wir haben dann einen kleinen Regelkindergarten mit 30 Kindern und zwei Gruppen gefunden, dessen Leiterin ein heilpädagogisches Studium abgeschlossen hat. Sie hat sich sehr gefreut, dass wir Lotta dort angemeldet haben. Zum Thema Inklusion sagt sie immer: ‚Bei einem Regenbogen fragt man ja auch nicht, ob die Farbe Gelb wirklich dazugehört.‘“

Stadtanzeiger: Sie sagen, dass sie mit dem Kindergarten großes Glück hatten. Woran merken Sie, dass die Entscheidung die richtige für ihre Tochter war?

Sandra Roth: Wenn ich sie in die Kita bringe, fängt sie an zu lachen. Wenn sie am Wochenende nicht dorthin darf, ist sie schlecht gelaunt. Wir müssen uns eine Menge einfallen lassen, weil unsere Tochter zu einem richtigen Spielplatzkind geworden ist. Ihre Therapeuten kommen nun in den Kindergarten, und sie macht dort Fortschritte.

Stadtanzeiger: Was machen die Beschäftigten dieses Kindergartens richtig?

Sandra Roth: Wenn sie Sorgen haben, oder etwas nicht funktioniert, dann sprechen sie darüber. Sie haben gemeinsam mit mir dafür gekämpft, dass es einen Integrationshelfer für Lotta gibt. Bis es soweit war, vergingen elf Monate. In dieser Zeit waren sie auf sich allein gestellt und haben einiges auf sich genommen. Sie haben auch schon mal angerufen und gesagt, ‚heute geht es nicht‘. Sie nehmen die Verantwortung an und handeln danach. Sie stellen den Kontakt zu den anderen Kindern her, sie vermitteln, erklären auch mal und lassen meine Tochter auch bei den wilden Spielen mitmachen. Sie packen sie nicht in Watte.

Stadtanzeiger: Sie haben einmal gesagt: ‚Inklusion kann so einfach sein, wenn sie jemand bezahlt.‘ Liegt es tatsächlich nur am Geld?


Sandra Roth:
Die Betonung liegt auf ‚kann‘. Auch mit den finanziellen Mitteln ist es schwierig. Ich selbst habe mir im Vorfeld viele Sorgen gemacht und mich gefragt: ‚Werden die anderen Kinder mit ihr spielen, oder wird sie mit einem Erzieher in der Ecke sitzen? Wird sie ausgegrenzt?‘ Diese Sorge war allerdings unbegründet: Sie hat viele Freunde gefunden. Wichtig ist, dass es die entsprechend ausgebildeten Fachkräfte gibt. Ohne den Integrationshelfer hätte es für Lotta langfristig keine Zukunft in ihrem Kindergarten gegeben. Und da sind wir dann beim Thema Geld.

Stadtanzeiger: Vor diesem Hintergrund: Glauben Sie, dass die inklusive Beschulung ab dem kommenden Schuljahr ein Erfolg wird?

Sandra Roth: Ich glaube, dass Eltern, Lehrer und Schulleiter einen weiten Weg gehen müssen und dass viel persönliches Engagement notwendig sein wird. Es wird nicht einfach, aber ich bin der Meinung, dass es jetzt losgehen muss. Man kann nicht warten, bis sich die politischen Streitigkeiten geklärt haben. Wenn ich bis zur Bewilligung eines Integrationshelfers gewartet hätte, hätte meine Tochter ihr erstes Kindergartenjahr verpasst.

Stadtanzeiger: Vielen Dank für das Gespräch.

Hintergrund:

Das Buch „Lotta Wundertüte“ ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet 18,99 Euro.

Die Lesung am 20. März in der Castroper Leselust ist bereits ausverkauft. Laut Buchhändlerin Martina Tielker gibt es eine Warteliste.

Autor:

Verena Wengorz aus Castrop-Rauxel

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