New Fall Festival: Musik zum Staubsaugen

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Mogwai in der Tonhalle Foto: Schiko

Besondere Künstler an besonderen Orten. Mit diesem Motto lockte das New Fall Festival in diesem Jahr die Freunde von Elektro-, Rock- und Popmusik jenseits des Mainstreams.

Die Veranstalter loben sich dafür auch gerne mal selbst. So wie der Ansager – ja, die Konzerte werden wieder angesagt – am späten Samstagabend in der Johanneskirche am Martin-Luther-Platz, zugegeben ein wirklich ungewöhnlicher für ein Dubstep-Konzert. Der Mann auf der Bühne sagt „den Sohn“ an, dem Vernehmen nach der heißeste Musikexport aus der schönen Stadt Wien der letzten tausend Jahre. Doch dann kommt SOHN auf die Bühne, und es wird befremdlich.
„Der Sohn“ trägt eine Art Kutte oder Kapuzenmantel, setzt sich an sein Keyboard, macht übertriebene Gesten mit der Hand, und man fühlt sich in die Vorstellung eines Laientheaters versetzt. Die Musik der Dreier-Elektropop-Band ist eindimensional, vielleicht Musik für die Hausarbeit, vorzugsweise zum Staubsaugen.

Ein Wiener aus London


„Vorsicht vor Englisch singenden Österreichern, das ging schon bei Falco damals in die Hose“, sagt jemand, der während des Konzerts vor der Kirche Luft schnappen muss. Aber der Sohn-Sänger ist kein Österreicher, wird der Zuschauer aufgeklärt, sondern heißt Christopher Taylor, ist Londoner und seit einiger Zeit Wahl-Wiener. Taylor durfte kürzlich gar eine Platte der großen Lana del Ray remixen. Das macht aber alles an diesem Abend nicht besser.

Einen Tag zuvor passt es beim Auftritt der schottischen Band Mogwai nicht so ganz mit dem Ort. Das Quintett aus Glasgow um Gitarrist Stuart Braithwaite spielt seit nunmehr fast 20 Jahren den wohl besten Postrock weltweit. Die Songs bewegen sich zwischen wunderschön und tieftraurig, zwischen unmerklich leise und höllisch laut. Mogwai auf der Bühne ist immer ergreifend. Auch am Freitag in der seltsamerweise nicht ausverkauften Tonhalle. Doch die Fans haben mit einer schlechten, nicht ausgefeilte Lichtshow und anderen Widrigkeiten zu kämpfen. Etwa, dass sie bei harten Sound-Momenten im Sitzen headbangen müssen. Das sieht lustig aus.

Mogwai besitzt keinen intellektuellen Anspruch


Viel schlimmer sind aber die Leute, die wohl zum ersten Mal Mogwai gucken und dem ganzen Treiben in der Tonhalle – man ist ja beim New Fall – etwas Intellektuelles abgewinnen wollen. Da sitzen sie in der fünften Reihe, haben die Beine übereinander geschlagen, halten den Kopf schief und pressen den Finger auf die Lippen. Mogwai besitzt keinen intellektuellen Anspruch, Mogwai sind prollige Schotten, die gerne gute und laute Musik machen. Die Ohrstöpsel, die es vor dem Konzert gratis gab, werden von einem Großteil der Leute im Publikum aus der Tasche geholt.

Man hörte fast das Weltraum knistern


Am Ende der Vorstellung, in denen Hits wie „Hunted by a Freak“ und „2 Rights make 1 Wrong“, aber auch Songs vom neuen Album „Rave Tapes“ zu hören waren, gibt es zwei Zugaben, und es herrscht infernaler Krach. Doch dann hört der Sound auf einen Schlag und unfassbar präzise auf, als hätte jemand den Stecker gezogen. Und ein, zwei Sekunden lang, zwischen letztem Ton und erstem Applaus, herrscht größtmögliche Stille, und im ehemaligen Planetarium hört man fast den Weltraum knistern. Ein ganz besonderer Moment beim New Fall-Festival. (Text: Stephan Wappner)

Unser Redakteur Sven-André Dreyer war parallel bei Sébastien Tellier im Tanzhaus NRW. Seinen Bericht gibt es hier.


Auch unser Redakteur Michael Hoch war parallel bei der Vorstellung von London Grammar in der Tonhalle. Seinen Bericht gibt es hier.

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