Olympia-Countdown, Teil zwei: Ruderer Filip Adamski und der Deutschlandachter

Synchron über das Wasser gleitend: Filip Adamski (ganz hinten im Boot) mit seinen Kollegen im Deutschlandachter (Foto: DRV/Seyb)
 
Filip Adamski (Foto: Foto: DRV/Steffen)
Bereits seit sieben Jahren ist Wahl-Dortmunder Filip Adamski im deutschen Nationalkader der Ruderer. Zum zweiten Mal in seiner Karriere wird er bei Olympia starten, danach ist Schluss mit dem Wassersport. Adamski freut sich bereits auf das Kapitel nach dem Leistungssport.

Von Deborrah Triantafyllidis

Ein bisschen schüchtern wirkt der Große Blonde mit den tiefblauen Augen. In einfachen Sportklamotten trifft man sich in der Dortmunder Innenstadt, denn Filip Adamski kommt direkt vom Training. Und das bedeutet erst einmal: Essen. Zwischen acht- und zehntausend Kalorien am Tag muss der Leistungssportler zu sich nehmen, um sein Kampfgewicht zu halten. „Ich gehöre zu den Menschen, die einen extrem schnellen Stoffwechsel haben“, erklärt der Olympionike, „Das finden viele sicherlich beneidenswert, aber im Leistungssport ist es nicht unbedingt von Vorteil“.

Mit 13 Jahren begann Adamskis Ruder-Karriere

Zum Rudern ist Adamski in Mannheim im zarten Alter von 13 gekommen. Ein Schulwechsel stellte ihn vor eine Auswahl an Pflicht-AGs: „Es war bereits das zweite Halbjahr, da waren die guten AGs natürlich alle schon weg“, grinst der Leistungsruderer, „Da blieb dann nur noch Rudern“. Der damals schmächtige Jugendliche blieb beim Rudern, als sich schon nach wenigen Wochen sein Körperbau deutlich verbesserte. Seine Mutter unterstützte ihn, sorgte für den Eintritt in den Volkstümlichen Wassersportverein Mannheim - der Rest ist Geschichte.

Platz eins im Boot: als Erster über die Zielgerade

Bei der diesjährigen Aufstellung im Deutschlandachter sitzt Adamski auf Platz eins, direkt im Bug des Schiffes, wird also als erster seines Bootes die Ziellinie überqueren. Es ist eine technisch sehr anspruchsvolle Position, da an dieser Stelle die Bootsbewegungen am stärksten ausgeglichen werden müssen. Der Schlagmann, der auf Position acht und somit im Heck sitzt, gibt das Tempo und den Rhythmus vor. Zwischen ihm und Adamski sitzen sechs weitere Ruderer, die auch mal rhythmische oder technische Fehler machen.Der Mann im Bug muss trotz alledem dem Schlag des Schlagmannes folgen; während er die Bootsbewegungen ausgleicht.
Viele seiner Teamkollegen kennt er bereits seit Jahren, man versteht sich gut untereinander. „Es ist wie in einer Ehe: man muss Kompromisse schließen und sich arrangieren können. Wir wollen zwar nicht heiraten, aber wir haben ein gemeinsames Ziel“, umschreibt Adamski schmunzelnd die Situation. Man kenne sich manchmal besser, als einem lieb sei; schließlich teile man intime Momente der Niederlage, manchmal Zimmer oder sogar Betten und geht jeden Tag mehrmals gemeinsam duschen.
Das Olympia-Team hatte Ende Mai bereits die wichtigste Leistungsprobe vor den Sommerspielen in London: beim Weltcup in Luzern, bei dem sie bereits auf ihre schärfsten Konkurrenten trafen. Kanada nahm zum ersten Mal teil, und gewann auch prompt das Vorlauf-Rennen mit einer neuen Weltbestzeit. Beim Finale ließen sich unsere Jungs im Deutschlandachter jedoch nicht lumpen und schlugen den Favoriten mit fast einer ganzen Bootslänge. Auch für Olympia hat das Team hohe Ansprüche an sich selbst, hat der Deutschlandachter doch seit 2008 nicht mehr verloren auf der olympischen 2000-Meter-Strecke. „Wenn‘s nicht Gold wird, würde mich das ärgern, aber auch mit einer anderen Medaille würde ich mich zufrieden geben“, fasst Adamski seine Erwartungen zusammen.

Besondere Atmosphäre im Olympischen Dorf

Das Team wird während der Wettkämpfe in Eton untergebracht sein, wo sich auch die olympische Ruderstrecke befindet. Danach werden sie das „große“ Olympische Dorf beziehen. „Eine Atmosphäre wie dort findet man nirgendwo; man spürt, dass man Teil von etwas Großem ist. Ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl, wie das einer großen Familie macht sich dort breit, unter all den Athleten aus verschiedenen Ländern und Disziplinen“, schwärmt Adamski, der bereits 2008 in Peking dabei war. Vor dem Finale dort befiel ihn jedoch, genauso wie mehrere andere Olympioniken, die Vogelgrippe und er konnte aufgrund erhöhter Entzündungswerte im Blut nicht die Medaille mit seinen Kollegen errudern.
Doch was kommt nach Olympia? „Die Uni“, seufzt der Leistungssportler, „denn die hat über die Jahre stark gelitten. Außerdem muss ich mir einen Job suchen, da ich beim Rudern nicht genug verdient habe, um zu sparen“. Auch das Privatleben ist auf der Strecke geblieben bei dem straffen Tagesplan, der kaum Zeit für Wochenende erlaubt.

Straffer Tagesplan ohne viel Zeit zum Abschalten

An einem regulären Tag steht Adamski um 6.30 Uhr auf, nimmt sein erstes Frühstück, meist aus einem reichhaltigen Shake bestehend, zu sich, und fährt dann zum Stützpunkt um um halb acht mit der ersten Trainingseinheit zu beginnen, die entweder aus Krafttraining oder 100 Minuten (ca. 20 Kilometer) Rudern besteht. Um 9.30 Uhr gibt es dann das zweite, herzhafte, Frühstück und nach einer knappen Stunde Erholung geht es dann zur zweiten Trainingseinheit, einer Stunde Radfahren oder Gymnastik. Um 12 Uhr nimmt das Team das Mittagessen zu sich, gefolgt vom Mittagsschlaf bis 14.30 Uhr - oder 15 Uhr, falls auf Kaffee und Kuchen verzichtet werden möchte. Im Anschluss geht es dann direkt zur dritten und letzten Trainingseinheit des Tages, nochmals 100 Minuten Rudern.

Nächstes Kapitel: Uni, Arbeit, Familienplanung

„Wenn ich abends nach Hause komme, ist das wie bei Anderen auch: dann muss der Haushalt gemacht werden, eingekauft werden, und so weiter“, berichtet Adamski. Mit einer strengen Vorgabe von mindestens acht Stunden Schlaf pro Nacht ist auch die Abendgestaltung nur begrenzt möglich. „Ich will auch langsam die Zukunft mit meiner Freundin planen“, gibt Adamski zu bedenken. Neben der Uni ist auch die Familienplanung mit ein Hauptgrund für seinen Beschluss, die Ruderkarriere in naher Zukunft an den Nagel zu hängen: „Ich will die Meilensteine in der Entwicklung meiner Kinder nicht verpassen, nur weil ich wieder mal im Trainingslager war“.
Diese Olympischen Spiele werden deswegen etwas ganz Besonderes für Filip Adamski: Das letzte Highlight einer Karriere, die länger als sein halbes Leben andauerte: „Es ist immer wieder eine Ehre, Deutschland repräsentieren zu dürfen - so auch in diesem Jahr in London, als letzter Karrierehöhepunkt sozusagen“.

Mehr dazu
>>Teil sechs: Hockeyschiedsrichter Christian Blasch
>>Teil fünf: Die Leichtatheten Sosthene Moguenara und Alexander Kosenkow
>>Teil vier: Die drei von der SG Essen
>>Teil drei: Boxer Eric Pfeifer
>>Teil eins: Badmintonspielerin Juliane Schenk
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