Eine weise Geschichte

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Eine weise Geschichte
Vor knapp vier Wochen fuhr ich mit meiner Frau ins Münsterland zum Radfahren. Das tue ich regelmäßig einmal im Jahr für ein paar Tage. Eigentlich ist das nichts Besonderes, denn ich kenne mich ziemlich gut aus in diesem flachen Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, und wo man der Volkskunde nach schon mittags sehen kann, wer nachmittags zu Besuch kommt. Also für mich nichts Neues. Aber das war weit gefehlt. Da ich Kirchen immer faszinierend finde, weil die Atmosphäre der Ruhe zum Verweilen und Besinnung einlädt, schaute ich auf einer Tour ohne meiner Frau in einer kleinen Kirche hinein, an der ich vorbeikam. Ist es schon eine Überraschung, dass in der heutigen Zeit, wo nichts mehr „heilig“ zu sein scheint, eine Kirche als „offene Kirche“ über zwölf Stunden den Besuchern offen steht, so war ich noch mehr über ein Schild erstaunt, das außen angebracht war, für jedermann lesbar: Aufladestation für E-Bikes; kostenlos für einen Besuch. Meine Neugier war geweckt, und ich fragte mich, was machen wohl die Besucher des Gotteshauses während der Zeit, in der die Batterie aufgeladen wird. Ich drückte die Tür zur Kirche auf und wurde empfangen von schöner leiser Hintergrundmusik, die mich in eine Bank führte auf der ich fast zehn Minuten saß und meinen Gedanken nachhing. Das war ein ganz tolles Gefühl. Dann sah ich auf einer Seitenbank ein Schild: Loburger Geschichtensommer. Erneut war meine Neugier geweckt. Ich verließ die Bank und sah mich vielen Texten von verschiedenen Autoren gegenüber, die alle eine ansprechende Überschrift hatten und gelesen sein wollten. Ein Text von vielen, denn ich verbrachte fast eine Stunde in dem Gotteshaus, hat es mir bis heute besonders angetan, die Geschichte vom alten Baron.

Der alte Baron
Er verließ niemals das Haus ohne zuvor eine Handvoll Bohnen einzustecken. Er tat dies nicht etwa, um die Bohnen zu essen. Nein er nahm sie mit, um die schönen Momente des Tages bewusster wahrzunehmen und sie besser zählen zu können.
Jede positive Kleinigkeit, die er tagsüber erlebte
- z.B. einen fröhlichen Plausch auf der Straße,
- das Lachen seiner Frau,
- ein köstliches Mahl
- eine dicke Zigarre,
- einen schattigen Platz in der Mittagshitze,
- ein Glas guten Weines,
für alles, was die Sinne erfreute, ließ er eine Bohne von der rechten in die linke Jackentasche wandern. Manchmal waren es gleich zwei oder drei.
Abends saß er dann zu Hause und zählte die Bohnen aus der linken Tasche. Er zelebrierte diese Minuten. So führte er sich vor Augen, wieviel Schönes er an diesem Tage erlebt hatte, und er freute sich. Und sogar an einem Abend, an dem er bloß eine Bohne zählte, war der Tag für ihn gelungen – hatte es sich zu leben gelohnt. (Quelle unbekannt)

Nun weiß ich, wie man die Zeit des Batterieaufladens sinnvoll überbrücken kann, aber nur in dieser Kirche, mit Lesen voller weiser Geschichten und Meditieren in ruhiger und schöner Atmosphäre. Ich habe aber noch viel mehr erfahren während meines Aufenthaltes und beim Lesen der verschiedenen Texte, nämlich die Erkenntnis: Es gibt so viele schöne Momente am Tage in meinem Leben, ich muss sie nur wahrnehmen und bewusst festhalten. Das mit den Bohnen probiere ich mal aus, und im nächsten Jahr fahre ich wieder Rad im Münsterland und besuche diese Kirche.
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Gerd Hiersemann aus Iserlohn | 21.09.2015 | 22:26  
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