Fliegerschokolade im Gepäck: Hildenerinnen erinnern sich an Krieg und Besatzungszeit

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Anneliese Könenberg (l). und Elisabeth Weege erinnern sich im Gespräch mit dem Wochen-Anzeiger an den Zweiten Weltkrieg und die Besatzungszeit. (Foto: Stephan Köhlen)

Wer auf ein langes Leben zurückblickt, kann viel erzählen. Die Lebensgeschichten einiger Bewohner des Seniorenzentrums „Stadt Hilden“ hat Marlis Pinther ehrenamtlich aufgezeichnet. Elisabeth Weege (94) und Anneliese Könenberg (90) haben beide den Zweiten Weltkrieg und die Besatzungszeit miterlebt und erinnern sich für den Wochen-Anzeiger an diese Jahre.

„Ich war zwölf Jahre, als Hitler die Macht übernahm“, fängt Elisabeth Weege an zu erzählen. Eintritt in den Bund Deutscher Mädel, das Tragen der Uniform gehörte zum Alltag. „Aber ich hatte Glück: Unsere BDM-Führerin hat die Abende nie politisch gestaltet.“ Bei den obligatorischen Aufmärschen und Reden habe sie mit ihren Freundinnen „hinten Quatsch gemacht – wir haben uns verdrückt, sobald es zu Ende war.“

Trotzdem sei der Druck, dazugehören zu müssen, nicht zu übersehen gewesen. Und auch an ganz dunkle Momente erinnern sich Weege und Anneliese Könenberg, zum Beispiel an die Reichspogromnacht:„Die vielen zerstörten Geschäfte und die vielen Scherben am nächsten Tag in Hilden. Das vergesse ich nie, obwohl Politik mich damals mit acht Jahren nicht interessiert hat“, sagt Könenberg. In der Nacht wurden in Hilden jüdische Mitbürger ermordet.

„Zuvor standen überall Männer in SA-Uniformen vor jüdischen Geschäften, auch vor der Arztpraxis in unserer Straße, um zu verhindern, dass man hineinging“, ergänzt Weege, die damals in Halle lebte. Durch den Krieg hat sie viel verloren: Das Elternhaus wurde zerbombt, ihr Verlobter kam von der Front nicht wieder. Auch ihr Bruder starb im Krieg.

Angst vor „dem Russen“


Dann kamen die Besatzungsmächte. Gegen Kriegsende erlebte Weege in Tangermünde an der Elbe den Einmarsch der Russen: „Zufällig habe ich die Haustür aufgemacht: Da marschierten sie mit ihren Gewehren.“ Panisch habe sie die Tür schnell wieder zugemacht.

Vor ‚dem Russen‘ sei die Angst besonders groß gewesen – was Weege aber nicht hinderte, einem russischen Oberst zu helfen: „Zusammen mit einer angehenden Zahnärztin, die als Flüchtling bei uns wohnte, haben wir hinter dem Rücken des Arztes das Gebiss des Obersts repariert.“ Bei den beiden Frauen bedankte sich der Mann – ebenfalls heimlich – mit begehrten Lebensmitteln: Apfelsinen, Kaffee, sogenannter „Fliegerschokolade“ mit Koffein („ein Riegel reichte, wir konnten die ganze Nacht nicht schlafen“) und Keksen. „Das Paket hatte der Russe wahrscheinlich von den Amerikanern“, vermutet Weege.

Kaffee und Schokolade: An die Mitbringsel der US-Soldaten in Hilden kann sich auch Könenberg gut erinnern: „Die Amis kamen über den Jaberg. Wir hatten Glück: Unser Haus an der Fabriciusstraße gehörte zu den dreien, die nicht besetzt wurden.“ Schokolade, Kaffee und Zigaretten gab es im Tausch für Schnaps. „Meine Mutter hat Liköre selbst gemacht. Die Amerikaner kamen wieder...“

Weege erzählt: „In Tangermünde hat jemand noch die Hitlerfahne gehisst. Die Russen ließen den gesamten Ort räumen. Wir mussten alles unverschlossen hinterlassen, es wurde alles durchsucht.“ Profitiert habe der Schäferhund des Zahnarztes, der zurückblieb. „Dem haben sie einen großen Schinken hingeworfen.“

Tangermünde verließ Weege, als der Arzt, bei dem sie damals arbeitete und wohnte, Gewehre im Garten vergrub. „‚Guck, dass du wegkommst‘, habe ich gedacht – schließlich wühlten die Russen immer wieder mit Eisenstangen in Gärten. Sie suchten nach Verbotenem und nach Wertvollem, etwa vergrabenemTafelsilber.“ Zunächst lebte Weege dann in Langenfeld, später in Hilden.

Was eine der größten Änderungen durch das Kriegsende war? „Die Bomben hörten auf“, sind sich Weege und Könenberg einig. „Die Lebensmittelkarten kamen – und die Hamsterfahrten“, ergänzt Könenberg. Von Hilden aus sei es nicht selten mit dem Zug bis nach Koblenz in die französische Besatzungszone gegangen: „Kartoffeln beim Bauern, mit etwas Glück bekam man auch Butter und Speck – Kaffee und Schokolade vom Ami wurden mitgenommen, um etwas zum Tauschen zu haben.“ Weege ergänzt: „Viele haben sogar ihren Ehering in der Not getauscht.“

Ehrenamt im Seniorenzentrum:
- Marlis Pinther ist eine von rund 70 Männern und Frauen, die sich im Seniorenzentrum „Stadt Hilden“ ehrenamtlich engagieren.

- Die Ehrenamtlichen sind etwa in den Bereichen Musik, Gedächtnistraining und Gymnastik tätig. Es gibt Einzel- und Gruppenbetreuung, in der Einzelbetreuung wird zum Beispiel vorgelesen oder es werden Spaziergänge unternommen.

- Wer sich ebenfalls engagieren möchte, erhält im Seniorenzentrum „Stadt Hilden“, Erikaweg 9, bei Ehrenamtskoordinatorin und Diplom-Sozialpädagogin Angelika Neumann telefonisch unter 02103-89 02 31 weitere Infos.

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