Fähre feiert Doppeljubiläum

Anzeige
Etwa 20.000 Passagiere nutzen jedes Jahr die Fähre. Foto: WA-Archiv
Monheim: Deusser-Haus |

Der Verein „Piwipper Böötchen" lädt alle Freunde und Gönner am Sonntag, 3. September, zu seinem 5. Geburtstag ein. Es ist zu vermuten, dass das Ereignis genau solche begeisterten Menschenmengen ans Monheimer Rheinufer lockt wie vor fünf Jahren, als sich ein restaurierter „Schrotthaufen" unter dem Beifall der Zuschauer und mit Eskorte zahlreicher weiterer Boote von der Piwipp aus auf das Monheimer Rheinufer zu bewegte. Damit ließ eine private Bürgerinitiative eine Tradition wieder aufleben, die schon 800 Jahre zurück reicht.

Von Elfie Steckel

Wenn man sich mit der Geschichte des „Piwipper Böötchens" beschäftigt, trifft man auf den Vorsitzenden des Vereins, der das Bötchen zu neuem Leben erweckte und es seitdem hegt und pflegt: Dr. Heiner Müller-Krumbhaar fragte sich vor Jahren nämlich, wie man wohl ans andere Ufer gelangt. Also ging er auf Spurensuche, erforschte vieles über die Rheinschifffahrt, gründete mit Gleichgesinnten einen Verein, erweckte besagte Fähre zum Leben – und stellte mit Stöbern in Uralt-Archiven fest, dass die Monheimer Schifffahrt schon vor 800 Jahren existierte.

Die Geschichte des „Piwipper Böötchens" dagegen ist noch jung. Sie begann im Herbst 2009, als der erst relativ kurz in Monheim lebende Müller-Krumbhaar, promovierter Professor für Physik an der RWTH Aachen und Direktor am Forschungszentrum Jülich, gerne mal ein Kölsch im Piwipper Gasthaus getrunken hätte. Sein Schwiegervater, der inzwischen verstorbene Monheimer Heimatforscher Dr. Hans-Kurt Peters, hatte ihn mit der Monheimer Geschichte bekannt gemacht, und so ging ihm die Angelegenheit mit der in den 1970er Jahren eingestellten Fähre nicht mehr aus dem Kopf.

Zufällig traf er in ganz anderem Zusammenhang wenig später auf eine Handvoll „Rheinbegeisterter", und mit ihnen dachte er an einem schönen (und langen) Abend in der Gaststätte am anderen Ufer dann laut über eine mögliche Verbindung nach. Am Ende des Abends waren sich Werner Stüttgen, Emil Drösser, Paul Vogel, Dieter Grabert und Erich Okken sowie der Professor einig: Wir nehmen den Fährverkehr wieder auf!

Nun war das leichter gesagt als getan. Doch mit dem international renommierten Naturforscher, der sich gerade auf die Pensionierung vorbereitete, hatten sie den Richtigen gefunden, der keinen Weg zu welchen Behörden, zu welchen Geldgeber oder zu welchen Reparatur-Werften auch immer scheute. Das Wasser- und Schifffahrtsamt in Köln war die erste Ablaufstelle, irgendwie stieß Emil Drösser dazu; gemeinsam wurden Ideen gesponnen. Vielleicht betreiben wir ein Wassertaxi? Welche Patente sind dafür nötig? Das Rheinpatent muss der Schiffsführer haben, aber wo finden wir den? Ein Kapitel für sich war die finanzielle Seite, die (oft etwas blauäugige) Kalkulationen und die tatsächliche Realisierbarkeit. Doch auch das wurde gemeistert.

Am 21. April 2010 wurde der Verein „Piwipper Böötchen" gegründet (er hat heute 145 Mitglieder), danach ging es auf die Suche nach einem geeigneten Wasserfahrzeug. Das fand sich 2010 in Brohl am Rhein. Es war die Fähre, die seit 1969 in Hattingen an der Ruhr als Werkszubringer für Ruhrstahl im Einsatz war. Als das Werk geschlossen wurde, hatte auch die Fähre ausgedient. Ein "absolut durchgerostetes Wrack", so der Vorsitzende, wurde von der Ruhr an den Rhein, und schließlich nach Mondorf bei Bonn zur Lux-Werft, gebracht. Ein Jahr lang dauerten die Arbeiten, und wegen der komplett neuen technischen Ausrüstung wurde es zwar auch teurer als geplant, die Gesamtkosten lagen aber nur wenig über der ersten Schätzung von 300 000 Euro. Auf der Werft wurde gearbeitet, gleichzeitig hat einen Sommer lang jeder am Steiger auf der Dormagener Seite angepackt, der sich dem Verein und der Monheimer Schifffahrtstradition verbunden fühlte.

Und dann kam jener lang ersehnte 1. September 2012, als die Kapitäne Wolfgang Hoffmann und Bernd Voigt zur Jungfernfahrt auf die Monheimer Seite ablegten. Die Zuschauer waren begeistert, die vielen Ehrengäste ebenso wie Taufpate Patrick Schwarz-Schütte...

Inzwischen sind fünf Jahre vergangen. Die Kapitäne wechseln sich in der Saison immer noch ab, ehrenamtliche Helfer verkaufen die Tickets und kümmern sich um die Passagiere, deren Plätze von ehemals zwölf auf 25 erhöht wurden; etwa 20.000 Passagiere nutzen jedes Jahr die Fähre; die Einnahmen sind so erfreulich, dass die Betriebskosten gedeckt werden; die Baukosten wurden allein durch Spenden eingespielt; Spenden sind aber weiter willkommen, weil zum Beispiel die Schiffsuntersuchung alle fünf Jahre (eine Art TÜV) hohe Ausgaben verursacht; für teuer Geld wurde eine Feuerlöschanlage eingebaut... aber dennoch ist ein Kredit in der halben Zeit abbezahlt worden.

Nun sind alle gespannt auf den neuen Monheimer Anleger, an dem die Schiffsführer auch schon trainieren – doch jetzt freuen sich alle erst einmal auf den 5. Geburtstag am 3. September!

Das Programm

Ab 14 Uhr beginnt das Fest zum Doppeljubiläum am Rheinufer, die vom Verein „Piwipper Böötchen" gemeinsam mit der Gromoka ausgerichtet wird, die traditionell am 1. Sonntag im September den Spielmann von der Piwipp auf die Monheimer Seite holt. Für karnevalistische Stimmung ist also in jedem Fall gesorgt.

14 Uhr: Begrüßung durch Moritz Peters (Gromoka-Sitzungspräsident), Böllerschützen Jagdhornbläser, Vortrag "800 Jahre Schifffahrt" (Dr. Müller-Krumbhaar)
14.15 Uhr: Grußworte von Daniel Zimmermann (Bürgermeister Monheim) und Erik Lierenfeld (Bürgermeister Dormagen, Jagdhornbläser, Grußworte von Tillmann Lonnes (Kulturdezernent Rheinkreis Neuss), Thomas Hendele (Landrat Kreis Mettmann) und Michaela Noll (Bundestags-Vizepräsidentin)
14.45 Uhr: Blasorchester Oswald Tiller
14.55 Uhr: Tanzgruppe Gänselieschen und Spielmänner
15.10 Uhr: Böllerschützen, Feuerlöschboot Chempark
15.40 Uhr: Tanzgruppe Funkenkinder
16.30 Uhr: Übersetzen des Spielmanns, Gänseliesel-Lied


Vor 800 Jahren...

Der 5. Geburtstag des „Piwipper Böötchens" wird zu Recht groß gefeiert. Nun gibt es aber in diesem Jahr ein Doppeljubiläum zu feiern, und zwar die Erinnerung an einen traurigen Anlass, der aber belegt, dass es schon vor 800 Jahren Schiffe gab, die von Monheim aus zum Einsatz kamen. Wissenschaftler Müller-Krumbhaar erforschte nämlich auch die Geschichte der Schifffahrt bei Monheim und stieß dazu auf zahlreiche Quellen.

Die spektakulärste dieser Quellen ist sicher ein Kapitel aus der „Chronica Regia Coloniensis" (Kölner Königschronik), in dem über die Anreise der Kreuzfahrer um Graf Adolf III. von Berg ins ägyptische Damiette berichtet wird. Am 29. Mai 1217 segelten sie über die südwestliche Nordsee nach Südengland, wo sich am 1. Juni dann insgesamt etwa 300 Kreuzfahrer-Schiffe versammelt hatten.

Am 3. Juni 1217 brachen sie auf ins bretonische Meer, um dort das Kloster St. Matthieu bei Brest anzusteuern, wo aber dann am 5. Juni „zwischen Felsen, die im Meer verborgen waren, ein Schiff aus Munheim scheiterte" (... ubi inter rupes in mari latentes confracta est navis de Munheim). Munheim war die damalige Schreibweise von Monheim.
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.