Friedensbaum trifft Kinder Friedensdorf

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ein Tisch im schlichten Essenssaal
 

Seit dem 21. Februar diesen Jahres ist einiges an Zeit vergangen, aber nun soll das, was wir an diesem Tag mit dem Pflanzen des Friedensbaumes angestoßen haben, seinen ersten offiziellen Zwischenstand bekommen.
Wir haben von Anfang an gesagt, dass das Geld, das wir durch Spenden zusammen bekommen haben und das nicht in die Anschaffung des Baumes floss, einem Projekt zugutekommen sollte, das sich mit Kindern beschäftigt, die unter den Folgen von Krieg und Terror leiden. Beim recherchieren habe ich festgestellt, dass es da so einige Gruppierungen und Vereine gibt, dass aber hier bei uns in der Nähe eine Institution existiert, die absolut einmalig ist in ihrer Konzeption. Das Kinderfriedensdorf in Oberhausen. Nachdem der Kontakt durch den Castroper Lions Club freundlicherweise hergestellt wurde, lud uns Herr Wolfgang Mertens zu einem Besuch des Dorfes ein, bei dem wir ihm nun auch einen Scheck über 500€ zukommen lassen wollten.

(K)ein Ort wie jeder andere…..


Ein ganz normaler Nachmittag, an dem wir gemeinsam einen ganz normalen Termin haben wie schon oft. Stephan Bevc, der Vorsitzende des Bezirksverbandes der Kleingärtner Castrop-Rauxel/ Waltrop, Susanne Hülsmann, seine Stellvertreterin sowie Mona Richter und ich als die Vertreter der Arbeitsgemeinschaft Öffentlichkeitsarbeit. Und doch sind wir uns alle bewusst, dass wir auf dem Weg zu einem Ort sind, der etwas ganz besonderes ist und der Anblicke bietet, die alles andere als alltäglich sind.
15:45 Uhr, wir sind 15 Minuten zu früh. Wir steigen aus, das Wetter ist wunderschön, nicht zu heiß, aber die Sonne strahlt und der Himmel ist knallblau. Von weitem können wir Kindergeschrei und Lachen hören. Nur sehen können wir hier auf dem Parkplatz nur einige weiße unscheinbare Gebäude. Wenige Minuten später kommt ein Mann auf uns zu. Mein erster Gedanke: „Der war mal Zivi.“ Und richtig, Wolfgang Mertens war seinerzeit Zivi hier in den Anfängen des Friedensdorfs und ist dann „einfach dabei geblieben“ Er hat studiert um sich weiter zu qualifizieren und ist heute der zweite Mann im Dorf. Abgespannt wirkt er, obwohl er uns so gut er kann ein Lächeln entgegenbringt. Er ist ein Schonungsloser, kein Weichzeichner und Rosarotmaler. Gleich in den ersten Sätzen sagte er uns, dass der Tag heute kein guter ist, dass er eventuell zwischendurch abbrechen muss. Die Kinder kommen her um gesund zu werden und dann nachhause zu fliegen, aber jetzt ist es so, dass zwei nicht gesund werden und dann müssen Entscheidungen getroffen werden die niemand gerne trifft und da ist dann er dran. Man sieht, dass diese Tatsache schwer auf seinen Schultern lastet, aber da wir da sind will er uns gern zeigen, was das Kinder-Friedensdorf genau ist.
„48 Jahre gibt es uns schon, und 2017 haben wir also ein Jubiläum, nur feiern werden wir das nicht, denn die Tatsache, dass Kinder hier her kommen weil es ihnen richtig schlecht geht ist nichts für das sich irgendjemand auf die Schenkel schlagen muss. Wir sehen uns eher als lebendiges Mahnmal und das feiert man nicht.“
Angefangen hat alles mit Holzhütten auf diesem Grundstück, das die Hüttenwerke Oberhausen zur Verfügung gestellt hatten. Bundeswehr und Rhein-Armee kamen und bauten alles auf. 2001 musste alles renoviert werden und die Lions machten das mit einer Spendenaktion zu ihrem Jubiläum möglich.“
Er haut uns Zahlen um die Ohren, die uns den Mund offen stehen lassen. „Wir haben hier derzeit Kinder aus 8 Nationen. Es sind ständig 300 Kinder im Dorf ca. 500 kommen und gehen jährlich. Drei Ärzte arbeiten ehrenamtlich für uns. Ca. 80 ehrenamtliche Helfer sind ständig im Dorf. Manche die einmal herkamen um zu helfen, so wie Makino, eine junge Japanerin, reisen sogar immer wieder aus ihren Ländern her, um zu helfen.
Als man hier anfing, damals zur Zeit des 6-Tagekriegs im Nahen-Osten, gab es 26 Kriegsschauplätze auf der Welt, derzeit sind es fast zweimal so viele“. Spricht‘s und geht wie selbstverständlich weiter, um uns seine Welt zu zeigen. Wir schlucken, denn uns wird bewusst, dass das hier mit nichts vergleichbar ist das wir kennen. Wir gehen weiter, hin zum Kern des Dorfes, da wo das Schreien, Rufen und Lachen lauter wird. Das Tummeln ist wie auf einem Schulhof, nur das hier alle Kinder aus fremden Ländern kommen und alle irgendwie sehr krank sind oder waren. Manche sind furchtbar entstellt durch Verbrennungen, viele haben Verletzungen an den Beinen, laufen auf Krücken oder sitzen in Rollis. Wir sehen Kinder, die offen ihre Narben tragen oder denen Gliedmaßen fehlen, die nur auf einem Stumpf laufend mit anderen toben und dennoch jauchzen. Hier laufen nicht einfach Kinder herum, das sind Geschichten, die wir uns kaum vorstellen können und dennoch lachen sie, sind ausgelassen, spielen und toben. „ Wer hier her kommt und stille traumatisierte Kinder erwartet, die in der Ecke sitzen, der ist hier falsch. Das ist das Schöne an Kindern, sie können das Leid ausblenden und einfach das Gute annehmen und genießen.“ Mertens ist ein Mann mit einem durchdringenden Blick und ernsten Augen, er erinnert ein wenig an den Seewolf mit seiner vom Wetter gegerbten Haut und seinem coolen Auftreten. Er erklärt uns, dass man all das hier nicht zu sehr an sich heran kommen lassen, die Kinder und ihre Geschichten nicht mit nach Hause nehmen darf um daran nicht kaputt zu gehen. Manche die her kommen um zu helfen, und keinen Abstand halten können zu den „Geschichten“, brennen einfach aus, beschreibt er mit einer kurzen Handbewegung. Bei aller guten Pflege, die sie hier bekommen, sollen die Kinder nicht zu sehr verhätschelt und betüddelt werden, dies sei für beide Seiten wichtig. Doch als zwei kleine Jungs zu ihm kommen und der eine sich schüchtern vertraut an ihn lehnt und ihn strahlend anschaut, streicht er ihm liebevoll über den Kopf drückt ihn ein wenig, sagt ihm etwas in seiner Landessprache und schiebt den jetzt lachenden Jungen wieder in Richtung seiner spielenden Kumpel. Für einen Moment haben wir einen anderen Mann gesehen, einen Mann mit einem Herzen so groß wie ein Fußballfeld dessen Augen mit liebevoller, freundlicher Sorge auf seine Schützlinge blicken. In diesem Moment ist jedem von uns bewusst, denke ich, welche Gratwanderung die Helfer hier jeden Tag machen und wie schwer es sein muss, das richtige Mittelmaß zu finden. Er blickt den zweien, die längst wieder vertieft sind in ihr Spiel, nach und sagt mit nun wieder ernstem Blick: „Das Kinder seelisch und körperlich so zerstückelt werden, das ist für mich unverzeihlich.“ Für einen kleinen Moment scheint alles ganz still zu sein und wir alle stehen einfach da, verharren in diesem Moment und wissen sehr genau, was er meint.
Angekommen in dem minimalistisch eingerichteten Essenssaal kommen wir auf ein anderes Thema. Das Kleingärtner ein Projekt wie den Friedensbaum ins Leben rufen und sich rege für die soziale Gemeinschaft außerhalb ihrer Gärten einsetzen hätte er nicht gedacht. Umso mehr freue er sich über die Spende und unser ehrliches Interesse. Die Einladung im nächsten Jahr zu unserem Fest des Friedensbaumes zu kommen freut ihn auch sichtlich!
Auch hier im Essenssaal sehen wir das, was er uns mit so viel Leidenschaft versucht rüber zubringen. Die Kinder sind eigentlich ganz normale Kinder. Neugierig kommen sie herein, die einen mit ernster Miene, die anderen schelmisch neugierig grinsend. Einer starrt mich ganz direkt für einen langen Moment an und als ich lächelnd „Hallo“ sage, verdreht er die Augen und rennt lachend weg. Nach dem obligatorischen, offiziellen Foto der Scheckübergabe gehen wir zurück zum Auto. Keiner von uns ist noch derselbe, der vorhin hier herkam. Wir alle haben etwas Neues, Prägendes kennen gelernt.
Eine kleine Welt neben unserer Welt, die nicht weniger real ist als unsere, die aber andere Wahrheiten kennt, vor denen wir oft die Augen verschließen. Eine kleine Welt, die mir zeigt, dass wenn wir auf unseren Sofas sitzen und nörgeln, wir auf sehr hohem Niveau nörgeln. Diese Kinder hier können allesamt Geschichten erzählen, die uns mehr als deutlich vor Augen führen, in was für einer guten Situation wir leben. Und sie zeigen uns etwas. All der Krieg, all der Terror auf der Welt, das Schaffen von einem riesigen Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich lässt eine Gruppe von Menschen am stärksten auf der Strecke bleiben, sie zieht sich durch alle Religionen , alle ethnischen Gruppen, alle Nationalitäten. Unsere Kinder. Aber genau diese sind doch unsere Zukunft und genau deshalb sollten doch gerade sie am meisten geschützt werden. Ich steige wieder in das Auto, hinter uns wird das Friedensdorf immer kleiner. Ein Gedanke in meinem Kopf dafür sehr groß. Der Friedensbaum in Castrop muss lebendiges Mahnmal sein, dafür Verantwortung zu übernehmen, für die Zukunft, für uns alle in Gemeinschaft und Frieden…..
Vielleicht ist das ein wenig blauäugig aber vielleicht auch ein Anfang!
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2 Kommentare
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Angelika Bröder aus Castrop-Rauxel | 21.09.2015 | 15:43  
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Michaela Böttcher aus Castrop-Rauxel | 03.10.2015 | 08:52  
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