"Vor Angst gestorben"

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Fotoalben und Bücher: Doris und Wolfgang Kessebohm haben sich wiederholt mit ihren Erinnerungen an das Kriegsende befasst - mit guten, aber auch mit traurigen.

Doris und Wolfgang Kessebohm sind gut vorbereitet. Alte Fotoalben liegen bereit. Sie enthalten Bilder, die mehr als 70 Jahre alt sind. Bilder aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Dann erzählen sie. Erlebnisse aus den letzten Kriegstagen in ihrer Heimatstadt Castrop-Rauxel. Erinnerungen an die ersten Apriltage 1945. Gute, aber auch traurige.

Doris Kessebohm, geborene Spura, ist 83 Jahre alt. „Wir haben damals an der Grimbergstraße 1/Ecke Dortmunder Straße, hinten in einem Anbau gewohnt. Wir haben vorne im Hauptgebäude im Keller gesessen, so 13 bis 14 Personen, einschließlich der Kinder.

Die Männer – Väter und Großväter, alle haben auf dem Pütt gearbeitet – hatten Schnaps als Zuteilung erhalten. Die Nachricht von den vorrückenden amerikanischen Soldaten hatte uns schon erreicht. Wir wussten: ,Wenn die Amerikaner kommen, dann ist der Krieg vorbei.‘“

In dieser Situation und in der Erwartung, nach Monaten nicht mehr in den Bunker zu müssen, wollten die Bewohner, die im Keller zusammenhockten, fröhlich sein, erinnert sich Doris Kessebohm. Dabei half der Schnaps. „Wir haben gesungen und sogar geschunkelt. Und dann haben wir durchs Kellerfenster ihre Stiefel gesehen.

Die Soldaten haben unseren Gesang gehört. Nur zögernd kamen sie in den Keller. Aus dem großen Haus, das von den Amerikanern besetzt wurde, mussten alle raus in den Anbau.

Sie haben uns Schokolade und Kaugummi angeboten. Ansonsten haben sie uns fast liebevoll behandelt. Meine Tante Margret Vienken konnte Englisch und hat gedolmetscht.“

Wolfgang Kessebohm (84)wohnte bei Kriegsende im Haus Mozartstraße 26. Seine beiden älteren Brüder waren als Soldaten im Krieg. „Meine damals achtjährige Schwester war unheimlich ängstlich. Die Bombenexplosionen, das Brummen der Flugzeugmotoren, die Scheinwerfer der Fliegerabwehr – in den letzten Wochen des Krieges hat sie nur im Hochbunker gelebt“, berichtet Wolfgang Kessebohm.

„Ich hab ihr immer Essen gebracht. Meine Mutter war viel bei ihr, ich auch. Der Bunker selbst ist auch von Bomben getroffen worden. Der hat richtig geschaukelt. Und es hat fürchterlich gedröhnt.“

An der Mozartsraße gab es im Nachbargarten der Kessebohms eine Detonation. „Beim Nachbarn war eine ganze Hauswand weg. Bei uns war keine Pfanne mehr auf dem Dach, keine Scheibe mehr in den Fenstern. Der Baum aus Nachbars Garten lag auf unserer Terrasse.

In dieser Situation war Organisieren das Wichtigste. Wo kriegen wir was her, um das Dach zu reparieren? Linoleum vom Fußboden und irgendwelche Blechplatten wurden aufs Dach genagelt, damit es dicht wurde. Pappendeckel ersetzten die Fensterscheiben. In der Wohnung war es stockdunkel. Wir haben große Glasscherben gesammelt und sie irgendwie in die Pappe gebastelt, damit wenigstens ein bisschen Licht hereinkam“, beschreibt Kessebohm, wie damals improvisiert wurde.

„Als die Amis durch waren, lag vor unserem Haus drei Tage lang ein toter deutscher Soldat.“ Der Krieg schien vorbei zu sein. „Wir haben meine Schwester aus dem Bunker nach Hause geholt. In der folgenden Nacht wurde dann plötzlich wieder geballert. Meine Schwester ist dann nachts vor lauter Angst gestorben, in den Armen unseres Vaters.“

Ihr Todestag ist der 8. April 1945. An diesem Tag endete der Krieg für die Menschen in Castrop-Rauxel.
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