Dinslaken: Besuch aus Kobane

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(v.l.) stellv. Bürgermeister Eyüp Yildiz und Kobanes Gesundheitsminister Nassan Ahmand.
Auf Einladung der Europäischen Parlaments ist Gesundheitsminister Nassan Ahmad in Dinslaken zu Gast.

Es ist immer schwer von Kriegserlebnissen zu berichten. Und angesichts der Gräueltaten der „ISIS“ in Syrien ist das besonders schwer.


Nassan Ahmad spricht betont sachlich von den Kriegswirren in Kobane. Die Bilder aus dem Fernsehen sind den rund 70 Besuchern der Dinslakener Veranstaltung im City Hotel bekannt. Am 1. September 2014 überfielen die Truppen des sogenannten „Islamischen Staates“ die kurdische Stadt. Ein mörderischer Kampf um jedes Haus begann.

Enthauptungen, Vergewaltigungen, Mörser-Granten im Minutentakt. Als Mediziner ist Nassan Ahmad eigentlich nichts Menschliches fremd. Aber dieser Zivilisationsbruch im 21. Jahrhundert durch die „ISIS“-Truppen ist kaum in Worte zu fassen. Geschweige denn überhaupt nur ansatzweise nach zu vollziehen. Besonders die Kinder sind traumatisiert. Viele haben den Tod der Eltern miterleben müssen und selbst grausames am eigenen Leib erlebt. Und an psychologische Hilfe ist derzeit kaum zu denken. Warum sich die „IS“ die kurdischen Regionen im Norden Syriens für ihre Überfalle ausgesucht haben? Auch Nassan Ahmad kann über die Gründe nur mutmaßen: Die Region ist geopolitisch und strategisch wichtig für das „IS-Kalifat“.

Darüber hinaus hat sich in Kobane im bürgerkriegszerissenen Syrien, nach Schweizer Vorbild, eine demokratische Selbstverwaltungsstruktur entwickelt. Die für die religiösen Fanatiker als Gegenmodell zum fundamentalistischen Scharia-Staat elementar bedrohlich ist. Gerade die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern ist für die „IS“ völlig inakzeptabel. Besonders schmachvoll für die „ISIS“ im Kampf um Kobane: Es waren vorallem auch die kurdischen Kämperinnen, die ohne Unterstützung von außen die ersten Wochen ihre Stadt gegen die „IS“ halten konnten. Bis nach einem Monat die erste Nothilfe und weitere Verteidiger durch kamen. Kobane zahlte einen hohen Preis für die Unabhängigkeit seiner Menschen: Die Stadt ist fast komplett zerstört und nach wievor durch die „IS“ so gut wie eingeschlossen.
Nassan Ahmad: „Die Bewegungsfreiheit der Menschen ist so erheblich eingeschränkt. Hinzu kommt, dass die Korridore zwischen Syrien und der Türkei gesperrt sind, da die Türkei kein Interesse daran hat, den Menschen in Kobane zur Hilfe zu eilen und diese beim Aufbau zu unterstützen.

Im Gegenteil, die Tatsache, dass die Türkei IS Verletzte aufnimmt und diese gesund pflegt, zeigt die Einstellung der türkischen Regierung ganz deutlich. Hilfsgüter brauchen Wochen, wenn sie überhaupt durchgelassen werden, um ihr Zielort zu erreichen.“

Nassan Ahmad appelliert an alle, wenn sie helfen und spenden möchten, diejenigen Organisationen zu unterstützen, die gewährleisten, dass die Spenden auch dort ankommen, wo sie dringend gebraucht werden. Wie z.B. bei „medico international“, die den Aufbau in Kobane unterstützen. Beim derzeitigen Zustand der Stadt wird auf allen Ebenen Hilfe gebraucht: Es fehlen Schulsachen, medizinische Ausstattung, Hilfsfahrzeuge, Ausrüstung, um den Schutt aus den Weg zu räumen, unter dem auch noch Leichen liegen. (Dadurch erhöht sich die Seuchengefahr).

Auch die Grundversorgung mit Trinkwasser ist zerstört. Wasser muss aus weit entfernten Brunnen in die Stadt transportiert werden. Es fehlen Wasserreinigungssysteme und Elektrizität. Priorität hat der Wiederaufbau der Häuser, Schulen, Krankenhäuser, Lebensmittelgeschäfte und Behörden. Kobane hatte einmal vier Krankenhäuser, die im Krieg zerstört worden sind. Momentan behandelt ein provisorisches Krankenhaus. Das in einem einigermaßen erhaltenen Gebäude eingerichtet wurde, so gut es geht die Patienten. Operationen nach europäischem Standard sind kaum möglich.
Zu der von den Dinslakener Linken organisierten Veranstaltung war auch der stellv. Bürgermeister, Eyüp Yildiz (SPD) gekommen, der in seinem Grußwort auf die unmenschliche Lage vor Ort aufmerksam machte und an alle, auch an die Medien appellierte, die grausamen Fakten und Tatsachen zu berichten und nicht zu verschleiern. Der Gefahren einer Radikalisierung, auch und gerade in Dinslaken, muss seiner Meinung nach mit politischen und aufklärerischen Maßnahmen entschieden entgegen gewirkt werden. Wenn sich Nassan Ahmad etwas wünschen dürfte, dann wäre das irgendwann einmal eine Städtepartnerschaft. Sehr gern mit Dinslaken. Aber auch einzelne Kooperationen mit Schulen oder Krankenhäusern würden in der derzeitigen Situation sehr helfen.

Der Kampf gegen den „IS“ ist nicht vorbei. So wirbt Nassan Ahmad auf seiner Deutschlandreise auch für politische Unterstützung und hofft, dass der Druck auf die Türkei erhöht werden kann, damit endlich die Transportkorridore an der türkisch-syrischen Grenze geöffnet werden können. (Text: cd).
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