BVB-Auftakt in Augsburg - Klopp: "Wir starten neu durch!"

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Jürgen Klopp geht mit dem BVB in sein sechstes Jahr als Cheftrainer. Fotos: Schütze
 
Seinen Neuzugängen (v.l.) Pierre-Emerick Aubameyang, Sokratis und Henrikh Mkhitaryan bescheinigt Klopp "ganz hohe Qualität".
 
Einmal hat der BVB die Bayern in dieser Saison schon geschlagen - 4:2 beim Supercup.
 
Pep Guardiola und Jürgen Klopp gelten als die schillerndsten Figuren auf der Trainerbank.

Am Samstag (10.8., 15.30 Uhr) erfolgt für den BVB beim FC Augsburg der Anpfiff zur neuen Bundesliga-Saison. Doch trotz guter Vorbereitung und Supercup-Sieges warnt Jürgen Klopp seine Mannschaft eindringlich davor, den Start zu leicht zu nehmen: „Das wird ganz sicher kein Zuckerschlecken. Augsburg war mit Freiburg zusammen die Mannschaft der Rückrunde. Und die sind sicher auch nicht schlechter geworden - im Gegenteil.“

Allerdings hat die Borussia noch nie gegen Augsburg verloren - und im Tor steht mit Mitch Langerak für den gesperrten Roman Weidenfeller der Glücksbringer schlechthin. Zehn Spiele, zehn Siege - so lautet seine makellose Bilanz. Sonst will Klopp personell keine Experimente eingehen: „Am Anfang der Saison musst du vor allem Stabilität finden. Das funktioniert meistens besser in einer Formation, die häufiger zusammenspielt.“

Lesen Sie hier das ganze Interview mit Jürgen Klopp im Vorfeld der neuen Spielzeit über Neuzugänge und Saisonziele, Rotation und Erfolgsgier.

Jürgen Klopp, Sie haben den Bayern kürzlich 100 Prozent Qualität bescheinigt - und zwar für 22, 23 Spieler des Kaders. Für wie viele Spieler des Dortmunder Kaders gilt dieses Qualitätssiegel?
Klopp: Das sehe ich bei uns im Moment bei 17, 18 Spielern. Dazu kommt dann sehr viel Potenzial. Wir haben in unserem Kader ganz, ganz viel Talent. Da sind hochbegabte Spieler dabei, von denen wir uns eine Menge versprechen. Aber um das klar zu sagen: Auf dieser Ebene streben wir keinen Vergleichswettkampf mit den Bayern an. Für uns ist das komplett unproblematisch. Wir wollen unsere Situation so regeln, dass wir die Gegenwart gut stemmen können und zugleich die Zukunft ein bisschen einleiten. Das ist der Plan.

Hofman, Ducksch, Sarr - Sie haben mit Blick auf die Talente betont, dass die Tür für jeden ganz weit offen steht.
Klopp: Das bedeutet zunächst, dass alle die Möglichkeit haben, bei uns auf allerhöchstem Niveau die ganze Woche über regelmäßig zu trainieren. Und wenn du einigermaßen bis fünf zählen kannst, stellst du relativ schnell fest, dass du keine vier Konkurrenten auf deiner Position hast. Schon hast du sehr gutes Training plus Perspektive. Damit ist man in einer Situation, in der man sich sehr gut entwickeln kann. Das bieten wir den Jungs.

Auf der anderen Seite hat der BVB tief in den Geldbeutel gegriffen und mit Sokratis, Mkhitaryan und Aubameyang gestandene Spieler verpflichtet. Trifft am Ende die schöne Formulierung zu, dass man den Kader in der Spitze breiter aufgestellt hat?
Klopp: Genau so ist es. Wir haben reagiert auf unsere Situation und auf unsere Problematik des letzten Jahres. Wir müssen Felipe Santana und für ein halbes Jahr Lukas Piszczek ersetzen, da haben wir mit Sokratis eine perfekte Lösung gefunden. Im Mittelfeld müssen wir mit Moritz Leitner, Mario Götze und Leonardo Bittencourt drei Leute ersetzen und haben das ebenfalls mit ganz hoher Qualität getan. Und eben auch mit drei Spielern, wenn man zu Henrikh Mkhitaryan und Pierre-Emerick Aubameyang noch Jonas Hofmann hinzu zählt. „Auba“ kann glücklicherweise auch noch vorne in der Spitze spielen, und schon sind wir da auch gerüstet. Wir fühlen uns tatsächlich sehr gut aufgestellt!

Henrikh Mkhitaryan gilt als „Königstransfer“ des BVB und soll vor allem Mario Götze ersetzen. Nuri Sahin hat ihn schon mit Shinji Kagawa verglichen. Wie würden Sie ihn beschreiben?
Klopp: Dieser Vergleich ist gar nicht so weit weg. „Micki“ hat sehr viele Bewegungsabläufe, die Erinnerungen an Shinji aufkommen lassen. Er hat eine unglaubliche Dynamik, ist sehr spielintelligent und hat auch eine tolle Abschlusstechnik. Er ist einfach ein Top-Fußballer. Und was zudem total angenehm ist: Was für ein toller Kerl er ist, was für eine Persönlichkeit. Superwitzig, frech. Das macht wirklich richtig Spaß. Der Kontakt nach Armenien ist normalerweise nicht unbedingt im Wochenrhythmus vorhanden. Und dann kommt dieser Junge her, und du denkst: Wenn alle so sind, dann nichts wie hin zur Fan-Freundschaft. Er ist wirklich ein toller Typ, was für die anderen beiden Neuzugänge übrigens auch gilt.

Apropos Shinji Kagawa: Er spielt jetzt bei Manchester United und hat kürzlich betont, er könne sich eines Tages eine Rückkehr zum BVB vorstellen. Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal mit ihm gesprochen?

Klopp: Wir haben immer mal wieder Kontakt. Mit ihm selbst ist es aber einigermaßen schwierig. Das liegt vor allem daran, dass sein Deutsch in England nicht dramatisch besser geworden ist. Und Telefonate mit ihm sind wirklich kein Kindergeburtstag. Ich habe aber regelmäßig und immer mal wieder Kontakt mit seinem Dolmetscher, der jetzt in Nürnberg arbeitet. Das gleiche gilt für Shinjis Berater Thomas Kroth, mit dem ich regelmäßig spreche. Glauben Sie mir - ich bin immer bestens im Bilde, was der Junge gerade so macht.

Mit den Neuzugängen ist die Leistunsgdichte gestiegen. Wird künftig mehr rotiert?
Klopp: Wir sind immer noch eine Mannschaft, die an ihre Grenzen gehen muss, um in der Bundesliga eine dominante Rolle zu spielen. Um an seine Grenzen zu gehen, muss man eingespielt sein. Jetzt müssen wir sehen, dass wir uns schnell finden, um dann auch schneller mal wechseln können. Aber in der Anfangsphase einer Saison ist Rotation eigentlich noch nicht das erste Gebot. Da hast du ganz normale Wochen. Und zu allererst müssen wir da Spiele gewinnen und nicht Rotationsmeister werden. Am Anfang der Saison musst du vor allem Stabilität finden. Das funktioniert meistens besser in einer Formation, die häufiger zusammenspielt. Am Ende der Saison sollen dann aber alle zurückblicken und sagen können: Was der Trainer zu Beginn gesagt hat, war richtig - wir wurden alle gebraucht. Und indem wir uns in allen Situationen richtig verhalten haben, sind wir auch belohnt worden. Das strebe ich an. Während der Saison kann ich die Jungs aber nicht jeden Tag glücklich machen. Da wird der eine oder andere mal draußen sitzen und daran nicht den allergrößten Spaß haben.

Lassen Sie uns über die Ziele der Borussia in der neuen Saison sprechen. Ist unabhängig von Platzierungen eines der Ziele, wieder mehr Stabilität und Konstanz in das eigene Spiel zu bringen?
Klopp: Das klingt irgendwie komisch, wenn man in der letzten Saison immerhin 66 Punkte geholt hat. Aber es ist tatsächlich unser Anliegen. Wir wollen die Spiele gewinnen ohne Momente des Wackelns. Es geht darum, Stabilität zu finden.

Gehört dazu auch wieder ein konsequenteres Spiel gegen den Ball?
Klopp: Wir wollen unsere Abläufe gegen den Ball wieder klarer erkennbar machen. Mit Ball sind die Jungs in den letzten Jahren stärker geworden. Unsere Neuzugänge machen uns in dieser Hinsicht bestimmt auch nicht schlechter. Und schon wird Fußball daraus. Aber die generelle Bereitschaft für die maximale Aufmerksamkeit für das Spiel gegen den Ball, die müssen wir wieder mehr in den Mittelpunkt stellen. Und das wollen wir auch, da herrscht totale Einigkeit zwischen mir, meinem Trainerteam und der Mannschaft. Setzen wir das um, dürfte das durchaus dazu beitragen, wieder einen Platz für die direkte Qualifikation zur Champions League zu belegen. Und davon gibt es nicht so viele.

Was den BVB in den Meisterjahren ausgezeichnet hat, war eine große Gier nach Erfolg. Hatten Sie den Eindruck, dass diese Gier in der vergangenen Saison bei jedem Spieler in jedem Wettbewerb immer zu 100 Prozent da war?
Klopp: Da haben wir sicher noch Potenzial nach oben, aber das ist doch menschlich nachvollziehbar. Wir hatten in der vergangenen Saison eine ganz neue Situation. Es gebietet der Respekt, dass ich die Jungs nicht gleich in der Vorbereitung zusammenstauche, weil sie aufgrund von drei Titeln in zwei Jahren möglicherweise ein bisschen weich werden könnten. Aber natürlich war die Situation für uns schwierig. Einige haben die Europameisterschaft gespielt und hatten gar keine Zeit, ihren Erfolg zu genießen. Zwei Mal Meister in zwei Jahren, dazu noch Pokalsieger. Das ist für uns alles andere als Normalität. Und man kommt nicht auf die Welt und lernt sofort, mit Erfolg umzugehen.

Hatten Sie früh den Eindruck, dass es hier und da an ein paar Prozentpunkten fehlt?
Klopp: Wir haben uns auch in der letzten Saison gewissenhaft vorbereitet, aber in dem einen oder anderen Spiel gesehen, dass insgesamt ein bisschen weniger da ist. Parallel sind die Bayern in der Liga schon früh enteilt, was nicht unbedingt motivationsfördernd war. Aber daraus haben wir am Ende trotzdem 66 Punkte gemacht und eine sehr seriöse Saison gespielt. In diesem Jahr starten wir neu durch, hatten kein großes Turnier im Sommer, haben keinen Titel gewonnen - allein daraus kann man schon mehr ziehen als in der letzten Saison.

Haben Sie sich in Ihrer Arbeit als Trainer eigentlich verändert?
Klopp: Verändert nicht, aber entwickelt hoffentlich. Das ist aber nichts, was man jetzt konkret greifen kann. Man macht natürlich neue Erfahrungen, sammelt Eindrücke. Aber ich denke nicht, dass ich etwas an meinen eigenen Abläufen verändert habe, wenn wir in eine neue Saison starten. Und in meinem Verhältnis zur Mannschaft hat sich auch nichts geändert.

Es gab in der Sommerpause den einen oder anderen Top-Club, der Interesse am Gesamtpaket Klopp bekundet hat. Hat Ihnen das geschmeichelt?
Klopp: Ja, schon. Das ist doch besser, als wenn kein Mensch weiß, wie du heißt. Aber meine Sommerpause wäre auch nicht anders verlaufen, wenn niemand angerufen hätte. Wenn man nicht wechseln will, ist es nicht so wichtig, dass sich jemand meldet. Wenn man wechseln möchte, dann sollten sie idealerweise alle anrufen. Ich habe die Anfragen in diesem Sommer einfach als Wertschätzung für mein Trainerteam und unsere Arbeit verstanden.

Also müssen sich die BVB-Fans keine Sorgen machen, dass es Sie woanders hin ziehen könnte?
Klopp: Nein, es geht ja nicht darum, dass andere Wiesen grüner oder saftiger sind. Es geht immer darum, wie sich die Situation darstellt. Wenn sich Dinge verändern, muss man reagieren. Aber dann habe ich nicht darauf gewartet, aus meinem Job heraus zu kommen. Ich habe auch gar keine Tendenzen dazu. Es geht einzig darum, dass wir Sorge tragen, dass gut bleibt, was gut ist. Das ist nicht die Aufgabe eines Einzelnen, das ist die Aufgabe von vielen. Und wenn es so ist, dann ist es auch völlig wurscht, wer anruft. Irgendwann könnte vielleicht der Zeitpunkt da sein, wo nicht mehr alles fantastisch ist. Aber in der jetzigen Situation ganz bestimmt nicht!

Das Gespräch führte Dietmar Nolte
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Luzie Schröter aus Fröndenberg/Ruhr | 06.08.2013 | 21:43  
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