Kontrastprogramm

Zwischen Ehrenamt und Wichsvorlage

Was sucht man auch im Kuhstall?
Die Frage ist für mich leicht zu beantworten: Manchmal brauche ich einfach das totale Kontrastprogramm!
Ob Sie mir das jetzt noch glauben oder nicht: Ich bin ein sehr ernsthafter Typ. Isso! Ein Grübler. Ein Verstehenwollender. Ich setze mich gerne mit der Schicksalhaftigkeit des Lebens auseinander.
Nicht selten bin ich mir damit selbst zu viel.

Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, dass es für mich geradezu lebenserhaltend ist, die Leichtigkeit zu pflegen. Es ist mir ungeheuer wichtig, in aller Ernsthaftigkeit die andere Seite meiner Persönlichkeit nicht zu vernachlässigen.
Ich gehe also zum Ausgleich regelmäßig joggen. Ich umgebe mich gezielt mit freundlichen Menschen und esse reichlich Gemüse.
Und hin und wieder muss es halt sein: Dann muss einfach die Sau raus. Party hard!

Heute gehe ich mit zwei Freundinnen in die Düsseldorfer Altstadt. Nach einem langen Tag auf einer wahrhaft ernsthaften Fortbildung genieße ich die bezaubernde Gesellschaft und die Leichtigkeit, die mir hier bei sommerlicher Wärme entgegenspringt.
Ein Junggesellentrupp lockt mit Schokoküssen. Nachdem wir sie genussvoll verdrückt haben, erklärt uns der anstehende Ehegatte, dass er im Gegenzug gerne ein paar Kondome hätte. Ich habe nur eine Spirale zu bieten.
Es ist mein voller Ernst, trotzdem biegen sich alle vor Lachen.

Gemeinsam ziehen wir weiter in eine Karaokebar, wo der Bräutigam singen soll. Ein Hänfling jault erbärmlich ins Mikro. Als ich laut „Buuuuuuhh!“ rufe, weist mich der Kellner zurecht und fordert mich auf selber zu singen. Ich frage ihn ob er auch Kirchenlieder auf seiner Playlist hat und stimme die ersten Takte von „Großer Gott wir loben Dich“ an, um ihm nur mal eins aus meinem Repertoire zu demonstrieren. Fehlanzeige. Ich weiß nicht, wie es dem Kellner damit ergeht, aber ich habe einen Ohrwurm.
Irgendwann muss der Bräutigam ins Bett. Wir Mädels ziehen weiter.

Ich bin nicht naiv, daher überrascht es mich nicht, dass sich bereits am Eingang des „Kuhstalls“ eine Pole-Tänzerin räkelt. Sie ist sehr attraktiv und extrem athletisch. Die Blicke, die sie erntet schätzen jedoch offensichtlich noch ganz andere Eigenschaften an ihr. Die Stimmung kocht, weil wir sie kochen lassen. Es wird gebalzt und gebaggert. Je nachdem mit wem man es zu tun hat, findet man es lustig oder ist empört.
Ich bekomme eine Ahnung davon, wie sich eine Wichsvorlage fühlen muss.

Im Kreis meiner Mädels bin ich gut aufgehoben. Wir amüsieren uns bestens und tun genau das nicht, was hier von uns erwartet wird. Um das deutlich zu machen, ziehe ich mir die Schuhe aus und spüre unmittelbar am eigenen Leib in welchem Scherbenmeer wir uns hier tatsächlich bewegen.

Als allmählich der neue Tag erwacht sind wir uns einig:
Jetzt ist wieder gut.

Und ich habe klarer denn je: Ich brauche unbedingt ein Kontrastprogramm!

Autor:

Femke Zimmermann aus Düsseldorf

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