Stadtführung der anderen Art

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Die Stadtführer Martin und Armin umrahmen Tim Wiesner (Torwart F95)
Zwei Wohnungslose zeigen ihre Stadt



Wer ehrlich zu sich selbst ist, hat sich Zeitungsverkäufern von fiftyfifty abwertend oder abweisend verhalten. So mancher kommt einem so befremdlich vor, dass man lieber auf die andere Straßenseite wechseln möchte. Was jedoch hinter solch einem Schicksal steckt, weiß so gut wie keiner. Obdachlose werden von der Gesellschaft verstoßen, weil man ihnen unterstellt „faul“ oder „selbst Schuld“ an ihrer Situation zu sein. Die Frage nach den Gründen, weshalb es zur Wohnungslosigkeit oder Armut gekommen ist, bleibt illusorisch.

Dieses Bild zu verändern fällt schwer. Doch rückt das Thema in ein anderes Licht, wenn man den Stadtrundgang der anderen Art mitgemacht hat. Dieser alternativen Stadtführung haben sich diesmal Mitglieder des Fortuna Ü60 Clubs und Torwart Tim Wiese angeschlossen. Das Projekt Straßenleben, das vom Straßenmagazin fifityfifity und dem Kulturzentrum zakk vor mehr als drei Jahren ins Leben gerufen wurde, wird heute von Martin ( 54 Jahre) und Armin (44 Jahre) mit Leben gefüllt. Die beiden ehemaligen Wohnungslosen, zeigen Orte, die für sie wichtig sind und waren. Denn, wenn sie auch heute nicht mehr in irgendeiner Ecke der Stadt schlafen müssen, so leben sie durch den Verkauf der Obdachlosenzeitung doch mehr oder weniger dort. Sie zeigen der Gruppe, wo sich Obdachlose reinigen können, wo es eine Mahlzeit gibt oder wo sie sich zur Ruhe begeben können.

Martin und Armin

Der Marsch beginnt bei fiftyfifty an der Höhenstraße. Bevor sich der Tross, an dem auch der Sozialarbeiter und Projektkoordinator Johannes Dörrenbacher teilnimmt, in Bewegung setzt, fetzen sich die beiden Führer und erwecken dabei den Eindruck eines alten Ehepaares, das sich um Nichtigkeiten streitet. Martin gibt eine kurze Einleitung und bittet die Leute doch eng beisammen zu bleiben. „Sonst muss ich so schreiben“, meint er. Er ist schon so lange dabei, wie es die Zeitung gibt. „Für mich ist der Verkauf oder auch diese Führung nicht in erster Linie ein Gelderwerb, vielmehr sind mir die Kontakte von wichtig“, führt Martin aus und ergänzt, „lieber vertreibe ich mir so die Zeit, als zu Hause zu sitzen.“ Martin und Armin kennen sich bereits 17 Jahre und sind durch dick und dünn gegangen. Armin, gelernter Koch und Sattler, verkauft fiftyfifty seit 2002 und bessert so sein Hartz IV auf. „Sonst käme ich nicht über die Runden“, meint er. In Ingolstadt ist er, wie er sagt, einer „legalen Arbeit“ nachgegangen. Durch Rationalisierung verlor er seinen Arbeitsplatz und geriet in finanzielle Schwierigkeiten. „Ein Unterhaltszahlung von Frau und Kind war somit nicht mehr möglich“, erzählt Armin. Nachdem er seine Familie verloren hatte, begab er sich nach Düsseldorf, wo er in den ersten Jahren in der Nähe des Bahnhofs aufhielt und auch schlief. Durch einen anderen Obdachlosen wurde er auf den Verkauf der Zeitung aufmerksam. Das war für ihn die Möglichkeit aus dem größten Schlamassel herauszukommen. „Die Sozialarbeiter waren und sind immer für uns da, wenn wir Probleme haben“, lobt der die Crew von fiftyfifty.
Außergewöhnliche Einblicke

Ungewöhnliche Einblicke

Von der Höhenstraße (fiftyfifty) über die Ellerstraße geht es zur Eisensenstraße. „Hier in der ehemaligen Polizeistation befindet sich die Notschlafstelle für Frauen“, erklärt Martin. Die rund 25 Leute müssen eine Gemeinschaftsdusche benutzen und müssen sich dazu noch selbst verpflegen. Es herrscht ein absolutes Drogenverbot und Alkohol darf in Maßen zu sich genommen werden. In diesen Einrichtungen dürfen keine Hunde mitgebracht werden. „Wir können kostenlos unsere Hunde im Tierheim für die Zeit unterbringen“, legt Armin dar und fügt hinzu, „es kann doch nicht sein, dass wir unsere besten Freund abgeben müssen.“ Durch die Unterführung Ellerstaße mit ihren außergewöhnlichen und künstlerisch wertvollen Graffiti Malereien (in einer Nacht und Nebel-Aktion entstanden) geht es zum Mitropplatz. Das Café Pur ist eine Tagesaufenthaltsstelle in der kostenfrei geduscht werden kann, auch Zahnbürste, Gel und Shampoo gibt es. „Dies musste ich jeden zweiten Tag nutzen, sonst hätte ich mich nicht wohlgefühlt“, erzählt Armin. Die kleine Kleiderkammer bekommt man das ein oder andere Kleidungsstück und wenn man sich rechtzeitig anmeldet, wird einem sogar die Wäsche gewaschen. In dieser von der Diakonie betriebenen Stelle (Haus gehört der Stadt) kann der Bedürftige für einen Euro frühstücken oder Mittagessen (0,80 bis 1,30 €). Nächster Halt: Grupellostraße Ecke Charlottenstraße. Martin und Armin berichten über den illegalen Straßenstrich und den Problemen der Mädchen. Sie schimpfen über die Stadt, die die Mädchen bestraft und die Freier davonkommen lässt. „Die Ordnungshüter schreiben nur die Mädchen auf und die Fahrer mit den fetten Autos lassen sie fahren, das ist die Ungerechtigkeit“, meint Armin. In diesem Zusammenhang verweisen sie auch auf die Notwendigkeit endlich Originalstoff zu verabreichen und endlich Methadon-Verabreichung einzustellen. „Von diesem Zeug wird man abhängiger als von der eigentlichen Droge“, so Armin. Nächster Halt: Johanneskirche. Der Tausendfüßler war ein beliebter Ort für die Wohnungslosen, bot er doch Schutz vor Wind und Wetter. Das schlechte Benehmen dieser Menschen – Spritzen am Eingang der Kirche liegen lassen oder Notdurft dort verrichtet – führe dazu, dass die Stadt die Schlafmöglichkeit unterbunden hat. Nach dem Abriss der Hochstraße war diese „Unterkunft“ endgültig erledigt.

Menschenwürdiges Leben

Kurz vor Ende der Führung musste ich aus Zeitgründen diesen außergewöhnlichen Stadtrundgang beenden. Geblieben sind die Eindrücke über das Leben dieser Menschen. Es hat allen Beteiligten einen tieferen Einblick gewährt, sodass jeder in Zukunft diese Menschen mit anderen Augen gegenüber treten wird. Auch manchem verantwortlichen Politiker stände es gut zu Gesichte, eine solche Führung mitzumachen. Sicherlich würde dann so manches Objekt, dass von der Stadt gewinnbringend veräußert werden soll, den zahllosen Wohnraumsuchenden zur Verfügung gestellt werden. Die Stadt könnte dann so für ein menschenwürdiges Leben sorgen.
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1 Kommentar
Kirstin Engelbracht aus Düsseldorf | 04.09.2016 | 21:27  
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