Interview mit Oberbürgermeister Thomas Geisel

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OB Geisel im Gespräch Foto: Lammert
Düsseldorf: Düsseldorf |

Gefühlt ist Thomas Geisel überall. So voll sein Terminkalender aber auch ist, sagt der Oberbürgermeister über seinen Job: „Das ist mein frei gewähltes Schicksal.“ Dieses führte den Sozialdemokraten in dieser Woche zum Rhein-Boten und der NRZ, wo er ein Jahr nach Amtsantritt ein positives Fazit zog, aber auch über „schwierige Herausforderungen“ sprach.

Die Puste geht ihm jedenfalls noch lange noch nicht aus. Das ist klar. Nicht nur, weil er regelmäßig mit seiner Frau Vera zehn Kilometer joggen geht, sondern auch weil er hinter dem steht, was er macht. „85 Prozent aus Neigung und 15 Prozent aus Pflicht“, bestehe seine Arbeit. Ob er zu den Schützen, den Karnevalisten oder mit seiner Familie auf die Rennbahn geht. „Ich mache das gern und muss mich nicht verstellen“, sagt Geisel. „Qua Amtes“ habe er viele Mandate. Und auch viele Schirmherrschaften. Wie viele es genau sind? Der 51-Jährige zuckt mit den Schultern. Wie dem auch sei. Wenn er arbeite, sei er im prallen Leben. „Und Abschalten kann ich auch gut“, verrät er vielleicht das Geheimnis seines Durchhaltens.

Auf viel Entgegenkommen in Düsseldorf gestoßen


Im September ist es nun ein Jahr her, dass Thomas Geisel nach seiner, doch für viele überraschenden Wahl, sein Amt angetreten hat.„Mein Fazit ist positiv“, sagt er. Überraschend fand er, dass der Wechsel von Schwarz-gelb auf Rot übergangslos gut funktioniert habe. „Ich kann mich erinnern: Als Rot-Grün die Kohl-Regierung abgelöst hat – was war das für ein Gerumpel.“
Der OB ist auf viel Entgegenkommen der Düsseldorfer gestoßen. „In der Bürgerschaft herrscht ein großes Engagement“, sagt er. Der Einsatz nach dem Sturm Ela wie auch die Flüchtlingshilfe seien da zuerst zu nennen. „Es gibt hier eine gute Willkommenskultur“, sagt er. Er selbst versuche diese ein Stück weit zu verkörpern, etwa als er sich bei den „Dügida“-Versammlungen klar positioniert habe. Für ihn ist es wichtig, vor Ort zu sein, Menschen die Hand zu schütteln, ihre Arbeit wertzuschätzen „und nicht nur vom Schreibtisch im Rathaus aus zu fungieren“.

Viel sei liegen geblieben


Natürlich, der frühere Eon-Manager hat auch Dinge unterschätzt. „Ich hätte nicht erwartet, dass der Investitionsstau so groß ist und gleichzeitig die liquiden Mittel fast komplett abgeschmolzen sind“, gesteht Geisel. Es sei wahnsinnig viel liegen geblieben. „Aber auch da haben wir klare Signale gesetzt.“
Beispiel Schulen: „Wir bringen demnächst das dritte Paket mit schulorganisatorischen Maßnahmen auf den Weg, wir haben dafür auch die Verwaltung umgestellt durch die Gründung einer Ämter übergreifenden Projektgruppe.“ Dann das Albrecht-Dürer-Kolleg: „Das vagabundiert ja seit fast zehn Jahren schon durch die Diskussion“, so Geisel. „Da haben wir jetzt eine schnelle Entscheidung herbei geführt, die Gott sei Dank einstimmig ausgefallen ist.“ Dann habe man endlich das Thema Bäderkonzept, so der OB, „aus den Schubladen geholt“. Man modernisiere die „abgebadete“ Düsseldorfer Bäderlandschaft und schlage zwei Fliegen mit einer Klappe. Einerseits neue Bäder, „andererseits refinanziert man einen Teil daraus aus Grundstücksverkäufen. Wir konzentrieren die Standorte, ohne dass dadurch die Qualität leidet“. Schließlich der ÖPNV: Man habe die 701 auf den Weg gebracht, die U 81, die Beschleunigung der Straßenbahn, nächstes Jahr stünde zudem das neue Radhauptnetz im Fokus. Geisel: „Zugespitzt möchte ich sagen, wir haben den Tanker wieder auf Kurs gebracht.“

Thema Flüchtlinge: "Die Herausforderung in Düsseldorf ist besonders groß."



Eine schwierige Herausforderung in der kommenden Zeit sei indes das Thema Flüchtlinge. „Die Herausforderung in Düsseldorf ist besonders groß“, sagt der OB. „Wir haben eine notorische Knappheit an Wohnungen, wenig Flächen.“ Dennoch habe man in Düsseldorf „eine Hegemonie der Zivilisation der Anständigen“. Er könne verstehen, dass sich einige Sorgen machen würden. „Aber im Großen und Ganzen gesehen gibt es eine große Einsicht“, sagt er auch mit Blick auf die diversen Unterkünfte und Zeltstädte. Wie viele Flüchtlinge noch kommen werden, weiß auch der Oberbürgermeister nicht. Fakt ist: „Es werden mit jeder Wasserstandsmeldung mehr.“
Über das Thema Cannabis, über das zuletzt ganz Düsseldorf sprach, möchte Geisel gar nicht viele Worte verlieren. Er halte es da wie Udo Lindenberg, der gesagt hat, „die beste Droge ist der klare Kopf“, so Geisel. „Ich habe in der Jugend auch mal Quatsch gemacht“, umgeht der Mann der sonst so klaren Worte allerdings die Frage, ob er selbst gekifft habe, mit seinem charmanten Lächeln. „Und ganz ehrlich: Die Landeshauptstadt Düsseldorf hat drängendere Fragen als das Thema Cannabis oder auch das Thema Gasbeleuchtung.“
Zur Schuldenfreiheit der Stadt und auf die Frage, ob man zu viel Tafelsilber verhökert hat, sagt er: „Im Wesentlichen wurden die Schulden ja abgebaut mit den Erlös aus dem städtischen Aktienverkauf. Es war ein guter Schachzug, was den Zeitpunkt des Verkaufs angeht. Es ist für mich auch kein Tabu, städtische Beteiligungen zu veräußern, aber was schwierig ist und war: Dass man Renditeobjekte verkauft und gegen Prestigeobjekte ersetzt hat, die keine Rendite bringen.“

"Der Kiez hat eine zunehmende Atrraktivität."

Großes Thema bleibt für Geisel die Arbeit in den Stadtteilen. „Der Kiez hat eine zunehmende Attraktivität“, sagt er. Die Nahversorgung und der Aspekt der Geselligkeit seien dabei wichtige Faktoren, und die diversen Werbegemeinschaften und Initiativen sowie die Industrie- und Handelskammer leisteten da gute Arbeit. Problem sind die Leerstände. „Denn“, so der OB, „wenn ein Laden leer steht, wird es für den Nachbarladen auch immer prekär“. So suche man mit einer Zwischennutzungsagentur Lösungen, um leerstehende Geschäfte zu beleben. „Zum Beispiel kann die Kunstakademie dort ausstellen“, schlägt der Rathauschef vor. Mit Blick auf den Topf Stadtmarketing wollte Rhein-Bote-Objektleiter Bernd ten Eicken auch wissen, ob es nicht eine Option sei, damit nicht nur die Innenstadt sondern auch die Werbegemeinschaften in den Stadtteilen unterstützt werden können. „Mein Wunsch ist es“, so Bernd ten Eicken, „dass man sich in den Stadtteilen stärker engagiert.“
Seine Termine verwaltet Thomas Geisel übrigens über sein iPhone. Da kann eigentlich nichts schiefgehen. Vergangenes Wochenende kam allerdings das Schulfest seiner Zwillinge dazwischen. Da musste der OB ran. Eine Stunde. Seine Tochter hatte ihn am Grillstand eingetragen. Da müssen eben mal andere Termine verschoben werden. Ansonsten hat der Mann einen guten Überblick. „Auch diese Woche ist voll“, sagt Geisel mit Blick auf den Bildschirm: Schützenfest in Neuss, ein Treffen mit der Landtagspräsidentin, das Sommerfest der DEG. „Und eine Eheschließung“, sagt der Oberbürgermeister, der sich mal in einem Crashkurs zum Hilfsstandesbeamten hat ausbilden lassen.

(Text: Christina Görtz /Stephan Wappner)
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