Lieder sind der Kitt! Der Kettwiger Horst Roos – Liedermacher der Christlichen Arbeiterjugend

Horst Roos mit seinem Buch über die Lieder der CAJ. Redakteur Daniel Henschke und Diözesansekretär Vitali Friesen (r.) rahmen den „Sänger Gottes“ ein.
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  • Horst Roos mit seinem Buch über die Lieder der CAJ. Redakteur Daniel Henschke und Diözesansekretär Vitali Friesen (r.) rahmen den „Sänger Gottes“ ein.
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1947, kurz nach dem verheerenden „Weltenbrand“. Deutschland liegt danieder, die Christliche Arbeiterjugend (CAJ) bringt die Situation der Arbeiterjugend zur Sprache. Horst Roos ist ein Mann der ersten Stunde und immer mittendrin. Als Nationalleiter, als Zeitungsmann, als „großer Sänger vor dem Herrn!“

Horst Roos wurde in ein Arbeiterviertel hinein geboren. Der Mannheimer Stadtteil Waldhof ist fest in seiner politischer Ausrichtung: „Der Waldhof war rot, ist rot, bleibt rot!“ Bekannte Kinder des Waldhofs sind Bülent Ceylan und Sepp Herberger, aber eben auch Heinz Hoffmann, später Verteidigungsminister der DDR, und Herbert Mies, Vorsitzender der DKP. Kommunisten.
Doch Horst Roos schlägt einen anderen Weg ein, auch bedingt durch die Umstände. Mit 14 die Lehre beim „Konsum“, der Konsumgenossenschaft, später „co op“. Roos wurde Einzelhandelskaufmann.

Mit 14 Vollwaise

Der Vater starb 1938 an einer Verletzung aus dem 1. Weltkrieg. Erst später erfuhr Horst die Geschichte von einer Tante. Ein Familiengeheimnis: „Mein Vater wurde schwerverletzt von einem französischen, aus Afrika stammenden Soldaten im Niemandsland gefunden und ins Lazarett geschleppt. Und das, wo es Horrorstories gab über die Afrikaner, die über die Schlachtfelder schleichen, wehrlose Verletzte ausrauben und abschlachten. Diese Geschichte wurde mir lange verheimlicht!“
Die Mutter starb bei einem Autounfall. Nun war Horst Roos Vollwaise. Und arm. 20 Reichsmark hat er im ersten Jahr verdient, besaß nur ein paar Schuhe: „Die habe ich geschont, wo ich konnte. Bis zur Straßenbahn bin ich barfuß gegangen, in der Bahn habe ich die Schuhe angezogen, damit mir keiner auf die Zehen tritt! Den Rest ging ich wieder barfuß, erst am Konsum habe ich wieder die Schuhe angezogen.“ Eines Tages sah dies der Chef, gab Horst einen Gutschein für ein zweites Paar.
Horst Roos weiß, dass Jugendliche heutzutage nicht begreifen können, wie es damals war: „Es ging uns verdammt schlecht. Mich hat auch nie einer gefragt, wie es mir am Arbeitsplatz geht!“ Es gab antikirchliche Stimmung in den Betrieben, man wurde diskriminiert: „Als Christ hatte man’s schwer, heute ist da nur noch Gleichgültigkeit!“

Früher wurde noch viel mehr gesungen, gemeinsame Lieder stifteten Identität. „Lieder sind der Kitt, der alles zusammen hält. Und man sich anders ausdrücken. Kein Jugendlicher wird zum anderen sagen: ‚Du bist mehr wert als alles Gold der Welt!‘, doch singen kann man das!“

„Die Kommunisten, die hatten Lieder!“

Roos gibt ehrlich zu: „Die Kommunisten, die hatten Lieder! Wir dagegen sangen über die Seeräuber…“ Lieder voller Fernweh und Weltflucht, das hatte so gar nichts von der rauen Wirklichkeit der Arbeitswelt. Also begann Horst Roos 1951/1952, Lieder zu „machen“. Er nahm bekannte Melodien, schrieb darauf einen neuen Text. Noten kann Roos zwar nicht lesen, ein Instrument spielt er genauso wenig: „Aber einer mit Gitarre findet sich immer!“
Und seine Texte haben Kraft, fanden stets den aktuellen Bezug: „Das Hitlerreich war bankrott, damals begann die CAJ!“ Beim 1. Bundeskongress 1966 im Grugastadion trat Horst Roos auf, mit ihm sangen 30.000 Kehlen. Rund 120 Lieder hat Roos geschaffen: „Einige haben sich durchgesetzt, wie etwa ‚Von Bombay nach Berlin‘, einige werden nur von mir allein gesungen….“
Titel wie „Der Stechkarten-Song“ über Arbeiterinnen als namenlose „Nummern“ oder „Jagt den Scheich doch in die Wüste“ über Ölmultis oder „Der Konflikte-Song“ zeigen, dass Roos nie ein Blatt vor den Mund nahm.
Immer noch ist der streitbare Liedermacher auf Achse, besucht Lehrwerkstätten, nimmt an Kongressen teil, versucht, die jungen Leute zum Mitsingen zu animieren.
Stets beschäftigen ihn aktuelle Themen. So fühlt er sich im Ukraine-Konflikt an die „Tscheka“, den 1913 gegründeten russischen Geheimdienst erinnert, der in der Stalinzeit Terror verbreitete und Millionen Menschen umbrachte. Wladimir Putin war Agent des sowjetischen Geheimdienstes. So entstand der neuste Text.

Lied über Putin

„Oh Putin, Oh Putin, du alter Tschekist, du bist ein Enkel Stalins, so wie du bist:
du drangsalierst die Nachbarn und raubst auch noch ihr Land, wir kennen das von Hitler, das ist uns wohlbekannt!“

„Wir hatten Freunde in der ganzen Welt!“

Die CAJ hatte einen Vorteil - ihre Internationalität! Direkt nach dem Krieg etwas Besonderes. Freunde in der ganzen Welt, das gab es sonst nicht.
Ein großes Plus für die CAJ. Heute ist das völlig anders, weiß Roos: „Jeder 3-Jährige war schon in Paris beim Disneyland und mit sechs sind sie schon in Rom gewesen und hatten eine Audienz beim Papst!“
1955 wurde er zum Bundesvorsitzenden gewählt, kam so zum ersten Mal nach Essen. 1958 ging es zurück nach Mannheim, Roos machte Erwachsenenbildung. Zurück in Essen, übernahm er die Zeitung „Befreiung“. Diese CAJ-Zeitung, die jedes Mitglied an Freunde und Kollegen verkaufte, hatte eine stattliche Auflage von 80.000 Exemplaren.
Ein Beispiel: Ein kranker Mitstreiter bat damals, ihm doch Exemplare ins Krankenhaus zu bringen, damit Alle im Krankensaal die CAJ-Neuigkeiten lesen könnten. Am nächsten Tag stand Roos an der Pforte, doch der Freund war bereits tot. Horst Roos sinniert: „Das war damals halt so!“
Horst Roos zog nach Kettwig: „Ich bin bei der Aktion Adveniat gelandet, leitete 25 Jahre dort die Pressestelle!“
Der katholische Arbeiterpriester Joseph Cardijn begann 1912 in Belgien mit dem Aufbau der CAJ. Seine Überzeugung: „Junge Arbeiter und Arbeiterinnen sind mehr wert als alles Gold dieser Erde.“ Während der Nazizeit gab es bei den belgischen und französischen „Fremdarbeitern“ Gruppen der CAJ, so kam diese Organisation ins Ruhrgebiet.

Die CAJ kämpft gegen prekäre Arbeit

Diözesansekretär Vitali Friesen beschreibt die CAJ: „Wir engagieren uns in Schulen und versuchen dort, Unterstützung für benachteiligte Schüler zu bieten. Es gibt aber auch gänzlich andere Wege, die Probleme junger Menschen zu lösen. Auf Bundesebene liegt der Fokus auf prekäre Arbeitsbeschäftigungen im Allgemeinen und speziell bei jungen Arbeitnehmern. Dieses Thema treiben wir auch in den Diözesanverbänden voran.“

„Jeder Mensch zählt!“

Heute hat die CAJ bundesweit 7.000 Mitglieder, im Ruhrgebiet vielleicht 150. „Immer vom Leben ausgehen“, ist die Devise von Horst Roos, die sich auch im Programm der CAJ widerspiegelt. Der wichtigste Punkt: „Jeder Mensch zählt!“

Die CAJ

Christliche Arbeiterjugend
Hüttmannstraße 52, 45143 Essen
0201-641125
kontakt@caj-essen.de
www.caj-essen.de

Autor:

Daniel Henschke aus Essen-Werden

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