Karl Graf, stellt Weltjahresbestleistung (M65) im 6-Stunden-Lauf auf - Das komplette Interview!

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Karl Graf hat läuferisch vieles und muss niemandem mehr etwas beweisen. Seine Motivation fürs Laufen hat er in seinem Buch "Nur mein Wille zählt" beschrieben.
Goch: Gocher Wochenblatt |

Karl Graf aus Pfalzdorf hat in der Klasse M65 die Weltjahresbestleistung im 6-Stunden-Lauf aufgestellt. Den Rekord stellte der Pfalzdorfer erst am Ende des vergangenen Jahres auf. Wir haben ihm aus diesem Grund zehn Fragen gestellt:

Karl Graf aus Pfalzdorf ist ein Phänomen: Mit 40 kam er erst zum Laufen, nachdem er mit dem rauchen aufgehört hatte. Schnell wurden ihm die Strecken zu kurz (wir berichteten bereits mehrfach) und er suchte sich immer längere Herausforderungen ...

1. Hallo Karl, kurz vor Ende des Jahres 2015 hast du im niederländischen Epe mit 63, 634 Kilometern bei den M65 die Weltjahresbestleistung im 6-Stunden-Lauf aufgestellt. In dieser Altersklasse ist kein anderer auf der Welt so weit gelaufen.
Wie wichtig ist diese Leistung für dich?

"Eigentlich hatte ich vor, in Epe den Weltrekord M 65 im 6 Std Bahnlauf zu knacken, was mir auch gelungen ist. Was ich aber später erfuhr, ist, dass der Weltverband IAU ab 2015 nicht mehr zwischen Bahn, Halle und Straße unterscheidet. Von diesen drei Disziplinen, die 2015 überall auf der Erde veranstaltet wurden, war ich der Beste. Das ist ein gutes Gefühl."

2. Über 60 Kilometer in sechs Stunden. Da sind die körperlichen Grenzen schnell erreicht. Wie schafft man so etwas in so einem Alter noch?

"Natürlich muss man körperlich fit sein, keine Frage. Sehr oft bin ich im PhysioSport an den Geräten und beim Spinning. Dazu kommt aber noch die Freude, dass es gut läuft – wenn es gut läuft! Der Wille, den Schmerz zu akzeptieren, spielt dabei eine große Rolle. Mein Buch heißt doch nicht zufällig: NUR MEIN WILLE ZÄHLT."

3. Wie hälst du dich für eine solche Leistung fit? Wie sieht dein Trainingsplan aus oder ist es eine Gabe, diese Leistung abzurufen?

"Einen Trainingsplan hatte ich noch nie in meinem Leben. Ich trainiere kurz, lang, mit Rucksack oder ohne. Im Training sollte man laufen, wie es Spaß macht, und wie man sich gerade fühlt."


4. Der Körper wird bei Ultra-Läufen massiv beansprucht. Gibt es ernährungs-technisch ein Geheimrezept und nimmst du andere Mittel, um deinem Körper diese Leistung zumuten zu können?


"Bei wichtigen Ultraläufen ist meine Frau dabei, die mir schon ansieht, was ich brauche. Eigentlich esse ich fast nichts, sondern laufe 200 km oder weiter ohne stehen zu bleiben. Trinken ist allerdings Pflicht, aber auch dabei keine Unmengen, dass es im Magen schwappt.Nachts, bevor der Hunger kommt, trinke ich auch schon mal Milch mit Haferschleim, Zucker und Salz. Ach ja, und ab und zu eine Salztablette."

5. Du hast mit 40 Jahren aufgehört zu rauchen und mit dem Laufen begonnen. Schon nach kurzer Zeit reichte dir ein Marathon, geschweige denn ein Zehn-Kilometer-Lauf nicht mehr aus. Fiel dir das laufen direkt leicht oder musstest du dich rankämpfen?

"Ich musste mich schon rankämpfen und die ganzen Zigarettenstummel erst einmal raushusten. 200 Meter laufen, dann gehen und erholen. So fing ich im Lauftreff bei VfB Alemannia Pfalzdorf an. Schon nach kurzer Zeit wagte ich es, mit den Pfalzdorfer Marathonis zu trainieren. Aber auch hier wurde ich anfangs niedergelaufen, vor allem von Jürgen Mundi. Schon nach einem Jahr fuhr ich mit diesen Marathonis zum Steinfurt-Marathon, wo ich den „Mann mit dem Hammer“ kennenlernen musste. Diesen Marathon und weitere lief ich.
Dann folgten 100 Kilometer, dann 10 mal 100 Kilometer, also alleine mit einer Fahrradbegleitung, mit meinem Freund Manfred Borm, von Holland bis Polen, also 1000 Kilometer in nur 10 Tagen. Und es ging immer weiter, und ich dachte: Wenn es weh tut, dann ist es gut. So habe ich es in meinem Buch beschrieben."


6. Im Guiness-Buch der Rekorde stehen einige deiner Leistungen, darunter auch der Lauf von Lissabon nach Moskau (über 5000 Kilometer) in 64 Tagen. Ist das Laufen für dich ein quälendes Muss oder Entspannung?

"Laufen gehört zum Leben, zu meinem Leben. Es gibt viele Sportarten. Wenn man seinen Sport liebt und bis an die Grenzen geht, dann kann man nicht von Stress, Qual oder Entspannung reden. Man ist einfach nur zufrieden. Das Leben ist doch so kurz. Es dauert von A bis B, den Maßstab wissen wir nicht, aber wir können in dieser Zeit zufrieden sein und genießen. Steht auch im Buch."

7. Das Laufen hat aber auch einige Verletzungen wie Fersenprobleme oder Ischias, gefördert, und trotzdem hast du dich nicht ausgeruht. Und wenn du nicht laufen konntest, bist du aufs Rad umgestiegen. Was treibt dich an?

„Was man macht ist wurscht, hauptsache, man macht was, ist auch ein Satz aus meinem Buch. Statt den Kopf in den Sand zu stecken, bin ich mit meinem Rad und Zelt täglich 200 Kilometer bis zum Schwarzen Meer und weiter zu den Mönchen auf der Halbinsel Athos geradelt, wo ich bei Wasser und Brot bei den Mönchen leben durfte.
Ein Jahr später dann 200 Kilometer täglich bis Marrakesch geradelt und den 4167 Meter hohen Jbel Doubkal erklommen. Wiederum ein Jahr später bei gleicher Tagesleistung bis zur Wüste Sahara geradelt und dabei zwischen den Ziegen in einer alten Kasbah geschlafen."

8. Ein Hirntumor hat dich für eine Weile aus der Bahn geworfen. Was war das für ein Erlebnis und welche Lehren hast du daraus gezogen?

"Im Dezember 2010 war die OP, und seitdem genieße ich jeden Tag. Ich finde: Das Leben ist schön. Als ich noch wackelig auf meinen Beinen war, habe ich erst mal einen 24 Stunden-Spinning-Marathon geschafft; jetzt laufe ich wieder. Meiner Ohrenärztin Frau Dr. Jakobs, der ich mein zweites Leben verdanke, erzählte ich mal: Ich hab's doch nicht in den Beinen, nur im Kopf. Darüber lachen wir heute noch."

9. Du hast mittlerweile so viel erreicht. Gibt es noch ein oder mehrere Ziele?

"Ich muss schon zugeben, dass ich in letzter Zeit mehr ein Genussläufer geworden bin. Aber Wettkämpfe, Deutsche Meisterschaften und Rekorde gibt es nach wie vor, und da möchte ich schon ordentlich mitmischen. Meine Hannie hat mir letztens noch gesagt: Du läufst ja in Deine Rente rein. Am 30. April um 12 Uhr ist Start zum 24 Stunden-Lauf in Basel und die Deutsche Meisterschaft. Und einen Tag später am 1. Mai um 12 Uhr ist es dann zu Ende. Das ist dann mein erster Rententag."

10. Wann ist für dich der Zeitpunkt gekommen, aufzuhören?

"Also, die Frage verstehe ich jetzt nicht (lacht)."

Danke, Karl für das Gespräch und viel Spaß weiterhin beim Laufen.

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Sascha Junghenn aus Goch | 16.02.2016 | 15:05  
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