LWL-Expertin: Wie wir unseren Kindern die Angst vor Terror nehmen

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Dr. Johanna Schulte Wermlinghoff (Foto: LWL)

Marl/Haltern. „Mama, kann eigentlich jemand eine Bombe in meinen Laptop einbauen?“ fragt plötzlich der neunjährige Sebastian. Erschrecken bei der Mutter: Dass ihr Sohn sich so intensiv mit den jüngsten Terroranschlägen beschäftigt…?!


Ob Paris, Mali oder wo demnächst auch immer – wie kann man Kindern erklären, was da gerade passiert, warum sich Menschen selbst in die Luft sprengen und andere in den Tod reißen? Und nicht minder wichtig: Wie nimmt man Kindern die
Angst, dass auch ihnen und ihren Familien Schlimmes widerfahren könnte? Dazu Dr. Johanna Schulte Wermlinghoff, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Marler Klinik für Kinderund Jugendpsychiatrie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), selbst Mutter eines zwölfjährigen Sohnes.

Frau Dr. Schulte Wermlinghoff, wie kann man die schrecklichen Nachrichten, die uns im Moment bewegen, für Kinder altersgerecht erklären?

Dr. Schulte Wermlinghoff: Auf jeden Fall. Deshalb würde ich kleineren Kindern die Berichterstattung zu diesen Themen vorenthalten. Ist ein Kind schon so alt, dass es die Kindernachrichten guckt, würde ich mich in der aktuellen Situation auf jeden Fall dazu setzen, um sofort auf Fragen oder Ängste reagieren zu können.

Was mache ich, wenn ich beobachte, wie mein Kind mit seinen Freunden zum Beispiel einen Terroranschlag nachspielt?

Dr. Schulte Wermlinghoff: Klingt irritierend, aber das ist zuerst einmal eher positiv zu bewerten. Denn durch das Spielen verarbeiten Kinder solche Geschehnisse und distanzieren sich ein Stück weit – genauso wie beim Geschichtenhören. Aber es ist wichtig darauf zu achten, dass am Ende des Spiels eine positive Emotion übrig bleibt, den Opfern Hilfe zukommt, sie getröstet werden oder ähnliches.

Kann das Anschauen oder Anhören von Magazin- oder Nachrichtensendungen oder das Lesen entsprechender Artikel die Angst verschärfen?

Dr. Schulte Wermlinghoff: Auf jeden Fall. Deshalb würde ich kleineren Kindern die
Berichterstattung zu diesen Themen vorenthalten. Ist ein Kind schon so alt, dass es die Kindernachrichten guckt, würde ich mich in der aktuellen Situation auf jeden Fall dazu setzen, umsofort auf Fragen oder Ängste reagieren zu können.

Wie reagiere ich, wenn mein Kind zeigt, dass es Angst hat?

Dr. Schulte Wermlinghoff: Dann nehme ich diese Angst auf jeden Fall ernst und versuche nicht, sie zu bagatellisieren. Wichtig ist, authentisch zu sein. Das heißt, wenn ich selber Angst habe, dann gebe ich das auch zu, indem ich sage: “Ich habe auch ein wenig Angst, aber gemeinsam überwinden wir das.“ Und wenn ich als Elternteil eben keine Angst habe, dann kann ich das durchaus auch artikulieren. Kinder merken sofort, wenn man nicht von dem überzeugt ist, was man ihnen erzählt. Das verunsichert sie oft zusätzlich.

Funktioniert diese Strategie auch bei älteren Kindern?

Dr. Schulte Wermlinghoff: Authentisch sein sollte ich in jedem Fall. Aber ältere Kinder sind in ihrer kognitiven Entwicklung, ihrer Wahrnehmungsfähigkeit natürlich schon weiter und brauchen andere Erklärungsansätze. Wenn mich mein zwölfjähriges Kind mit der Frage konfrontiert, warum Menschen Terroranschläge verüben, dann kann ich das zum Beispiel anhand einer Spirale erklären, die sehr vereinfacht die Bewusstseinsebenen widerspiegelt, in der sich Menschen in unterschiedlichen Entwicklungsstufen befinden. So geht es zum Beispiel im Bewusstsein von Babys oder Urvölkern vorrangig um das Überleben. Es folgen Ebenen, die geprägt sind von dem Streben nach einem Mythos, nach Dominanz, Wahrheit, Erfolg, Gemeinschaft, Ganzheitlichkeit oder Integration. Terroristen befinden sich auf einer eher niedrigen Bewusstseins-Ebene, in der es wahrscheinlich sehr um Dominanz und Mythos und weniger um Gemeinschaft und Integration geht. Sie denken vermutlich schematisch und eng.

Wie merke ich, dass die Angst meines Kindes tiefer geht und es beeinträchtigt?

Dr. Schulte Wermlinghoff: Ein mögliches Anzeichen hierfür ist mein Gefühl, dass mein Kind sich emotional nicht mehr so zeigt wie vor dem Geschehen. Das kann sich zum Beispiel darin äußern, dass es nicht mehr zum Kindergarten oder in die Schule gehen möchte, dass es nicht schlafen kann, Albträume hat, Kontakte zu anderen meidet oder aber vermehrt aggressives Verhalten an den Tag legt. Sollte ein solcher Zustand länger als drei bis vier Wochen andauern, rate ich Eltern dazu, sich Hilfe zu suchen, sei es bei einer Erziehungsberatungsstelle, dem Kinder- oder Hausarzt oder einem niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiater oder Psychotherapeuten. Auch eine kinder- und jugendpsychiatrische LWL-Institutsambulanz kann eine Anlaufstelle sein.

Unser Straßenbild ist gerade in der Gegenwart geprägt von Menschen, die aus dem Ausland kommen und bei uns Schutz und Hilfe suchen. Wie sorge ich dafür, dass mein Kind diesen Menschen auch in Zukunft vorbehaltlos begegnen kann?

Dr. Schulte Wermlinghoff: Hier stehen wir alle in der Verantwortung, nicht nur als Eltern. Zuerst einmal finde ich es wichtig, dass die Medien in ihrer Berichterstattung nicht einseitig werden und versuchen, durch das Schüren von Angst Leserzahlen oder Zuschauerquoten zu generieren. Denn das hat einen sehr gefährlichen Effekt: Durch das ständige Anschauen von Terrorbildern und den betreffenden Personen werden im Gehirn neuronale Verbindungen geknüpft.
Wie das funktioniert lässt sich einfach erklären: Wenn ich mich entscheide, ein Auto einer bestimmten Marke zu kaufen, dann werde ich in kürzester Zeit immer mehr Autos dieser Marke auf den Straßen sehen. Einfach, weil meine Wahrnehmung darauf trainiert ist. Und so funktioniert es auch mit einer Bilderflut von Terroranschlägen und anderen Katastrophen. Aktuell zeigen die Berichterstattungen immer wieder Personen eines bestimmten Kulturkreises. Auf diese Weise fokussieren die Leser oder Zuschauer ihre Wahrnehmung eben auf jenen Personenkreis und verbinden mit ihm möglicherweise am Ende das Gefühl einer Bedrohung.
Um einem solchen Szenario entgegenzuwirken halte ich es für notwendig, für einen Ausgleich zu sorgen. Dieser kann sowohl in der Öffentlichkeit und den Medien stattfinden, aber auch schon in der kleinsten gesellschaftlichen Verbindung, der Familie, beginnen: Indem ich meinen Kindern soziales Engagement, Toleranz und Nächstenliebe vorlebe, erschaffe ich in ihnen ein Bewusstsein dafür, wie eine funktionierende Gesellschaft, die eben durch Toleranz, Nächstenliebe und Solidarität geprägt ist, aussehen kann.
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