In schlechten wie in katastrophalen Zeiten

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13 Jahre Schule haben mich zum Studieren vom Ruhrgebiet ins Siegerland geführt – nicht unbedingt ein Upgrade aber trotzdem nett. Viel vom Unterrichtsstoff kann ich heute nicht mehr gebrauchen, aber dass ich weiß aus welchen Namen sich das Wort „IKEA“ zusammen-setzt (zur Info: Ingvar Kamprad Elmtaryd Agunnaryd) und dass die Hauptstadt Madagaskars Antananarivo heißt bringen mich zumindest im Klugscheißen und bei Quizduell weiter. Die besagten 13 Jahre Schule habe ich fast ohne Blessuren überstanden und könnte – wenn ich die Schule je wieder betreten sollte – den Lehrern zumindest ohne größere Scham ins Gesicht sehen. Dass die obligatorischen Klassenfahrten nicht nur eine gute Gelegenheit für aller-lei Unsinn, sondern auch für Unfälle bieten, sollte weithin bekannt sein. In der achten Klasse ging es mit der gesamten Stufe zur Skifreizeit nach Obertauern. Ist ja für die Schüler auch mal schön etwas anderes als den platten Ruhrpott zu sehen. Im Nachhinein kann ich sagen, dass ich mich bei einer Sportart selten so blöd angestellt habe wie beim Skifahren. Angst vor den Skiliften, der Höhe der Berge und der Abfahrtsgeschwindigkeit machen das Skifahren nicht unbedingt einfacher. Dass ich mich nach der zweiten Abfahrt am Idiotenhügel das Knie ver-dreht habe ist also keine große Überraschung gewesen. Für mich (und ein paar andere die sich ähnlich dämlich angestellt hatten) hieß es also auf Verordnung von Dr. Aufmesser (kein Scherz) drei Tage Fahrverbot. Drei Tage befreit vom Skifahren, zwar mit geschwollenem Knie, aber man kann nicht alles haben. Drei Tage in der gemütlichen Jugendherberge entspannen. Nope, falsch gedacht. Am zweiten Tag kam der betreuende Lehrer auf die glorreiche Idee mit uns Krüppeln eine Schneewanderung zu machen. Ich wiederhole: Eine Schneewan-derung. Mit Schülern, die sich beim Fahren im Schnee an den unteren Extremitäten verletzt hatten. Bombastische Idee. Humpelnd und murrend sind wir hinter unserem Lieblingsbeamten hergestapft, der für uns nur den epischen Satz „Stellt euch nicht so an – Schmerz ist geil“ übrig hatte. Das Highlight dieser Fahrt. Besagter Lehrer war aber nicht der einzige mit einem leichten bis mittelschweren Hau. Ein weiteres Exemplar dieser Gattung nannte sich Mathelehrer und hatte eine der Klassen er-wischt, die den Fehler gemacht hatte, Mathe ins Abi zu wählen. Dieser Lehrer war ein sehr lieber Mensch, der alle paar Stunden einen Anflug von Humor zeigte. Leider war Durchset-zungsfähigkeit nicht unbedingt seine Stärke. Ausnahmslos jede Mathestunde sind zwei bis drei Schüler zum nächsten McDonald‘s gefahren. Immerhin haben sie immer gefragt ob die Lehrkraft auch was möchte. Die Klassenarbeiten bei ihm waren Gemeinschaftsprojekte und er hatte bis zum Schluss eigentlich absolut keinen Plan wer eigentlich vor ihm saß. Beste Voraussetzungen also um durchs Abi zu kommen. Meine Wahl der Leistungskurse erklärt vielleicht das im ersten Abschnitt genannte Wissen über IKEA und Madagaskar. Deutsch und Erdkunde, zwei meiner Steckenpferde der Schul-zeit. Gut, Steckenpferde ist vielleicht zu viel gesagt. Aber es waren Fächer die mir ansatzweise Spaß machten und bei denen ich meiner Angewohnheit, bei Klausuren um die 16 Seiten vollzuschreiben, freien Lauf lassen konnte. Die Lehrerin im Deutsch LK kannte ich von früher und hatte bisher noch keinen schlechten Eindruck hinterlassen. Das will ja bis zur elften Stufe auch was heißen. In diesen drei Jahren folgte eine spannende Lektüre auf die andere. Angefangen mit dem noch ansatzweise interessanten Drama „Iphigenie auf Tauris“ – und liebe Leute, meine Sitznachbarin und ich hatten einen Heidenspaß, die Figuren des Dramas mit den Charakteren aus der Serie Scrubs zu vergleichen. Klappt ziemlich gut und hat ein bisschen Schwung in den Nachmittagsunterricht gebracht – zumindest für uns beide. Danach ging es abwärts bis zu unser aller Highlight: Thomas Manns „Buddenbrooks“. Die einzige Deutschlektüre die ich bis heute nicht gelesen habe. Die Klausur habe ich mit dem Wissen von 50 gelesenen Seiten und diversen Wikipediaartikeln geschrieben. War übrigens eine meiner Besten.
Auch der Erdkundelehrer war kein Unbekannter. Er eröffnete die erste Stunde damit, dass es jede Menge zu lernen gäbe und dass es eigentlich nicht möglich sei, in seinen Klausuren eine eins zu schreiben. Nicht unbedingt ermutigend. Tatsächlich hat es in den drei Jahren niemand geschafft. Weiß der Himmel warum habe ich mich dann auch noch entschlossen, in Erdkunde meine Facharbeit zu schreiben. Kann ich bis heute nicht nachvollziehen. Hätte ich in Deutsch geschrieben, wäre mir immerhin das lästige Thema Buddenbrooks erspart geblieben. Aber nein, ich wollte bei ihm schreiben. Und zwar über Bohrinseln in der Nordsee. Bohrinseln fand er gut, Nordsee eher weniger. Zu unspektakulär. Ich sollte über die Katastrophe der Deepwa-ter Horizon schreiben, welche zu dem Zeitpunkt noch nicht allzu lange her war. Im Nach-hinein eine denkbar ungünstige Themenwahl. Schließlich hat er bemängelt, dass ich fast aus-schließlich Internetquellen benutzt habe. Joa, soll vorkommen bei einem Thema, über das es mit Sicherheit noch keine Bücher gibt. Und ob ich die Zeitschriftenartikel nun online lese oder noch zusätzlich Geld für die Printversion ausgebe ist auch ziemlich schnuppe. Hat ihn nicht interessiert, aber über das „befriedigend“ unter der Arbeit ärgere ich mich bis heute.
In ihrer Gesamtheit war meine Schulzeit eher wenig ereignisreich. Klar, es haben sich tolle Freundschaften entwickelt die bis heute halten, es gab Tränen und Ärger, aber auch viel Spaß und gute Laune. Lange habe ich nach tollen Geschichten gesucht, die würdig sind veröffentlicht zu werden und ich bin auch jetzt, nach dem Schreiben, noch nicht sicher, ob es sich für einen Außenstehenden wirklich gelohnt hat, bis hierhin zu lesen. Aber diese wenigen Sequenzen sind mir in (mehr oder weniger guter) Erinnerung geblieben und vielleicht hat der ein oder andere wenigstens milde gelächelt.
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