Herne - Hanoi ohne Visum

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Das Nationalmuseum Hanoi zeigt gleichzeitig zur Herner Ausstellung auch seine zu Hause verbliebenen "Schätze Vietnams". 50.000 Besucher waren bisher in der Herner Vietnam Ausstellung. Sie läuft noch bis zum 26. Februar 2017.
 
Auch im Innenhof des Nationalmuseums kann man Steinbildnisse, wie diese Elefanten-Figuren bewundern.
 
Frau Binh (2.v.l.) mit ihren Goethe-Instituts-Kolleginnen Laura Nagel, Pham Kim Chung und Dang Thi Thu Ha.
Herne: Archäologisches Museum | Caro Dai für uns auf den Spuren der Vietnam-Ausstellungsmacher vor Ort: 15 Tage Kultur

„Wenn Sie mal in Hanoi sind, kommen Sie doch vorbei.“ Das klang sehr verlockend, Anfang Oktober bei der Ausstellungs-Eröffnung der „Schätze Vietnams“ im Herner Archäologie-Museum! Knapp neun Wochen später sitze ich beim Tee mit Frau Tran Thi Hoah Binh im Goethe-Institut Hanoi: Das wunderschön renovierte ehemalige Franzosen-Gebäude im Kolonial-Stil des alten „Indochine“ beherbergt auch die „schönste deutsche“ Bibliothek der Metropole, mit allen Internet-Schikanen. Im schattigen Innenhof lädt Café Goethe zum Verweilen ein. Doch die Krönung ist die wohl einzige "Döner-Bude" Hanois vor dem Haupteingang. (Die hat wohl einer extra für uns Ruhris aufgestellt! Es gibt aber besseres zu essen hier ...).

Warum Frau Binh so ausgezeichnet Deutsch spricht? Sie kam in den Siebziger Jahren als Internats-Schülerin ans Herder-Institut Leipzig. Die Zugreise in die DDR ging natürlich über Moskau, dort erlebten die Kinder erstmals Schnee – und wollten zum Entsetzen ihrer Betreuer sofort raus zum Spielen. In Sandalen: Die vietnamesischen Bauernkinder besaßen damals keine Schuhe. Nannten später die neue "Grundausstattung fürs Bruderland" respektvoll „Bildungs-Sandalen" und "Bildungs-Jacken“. Doch die Russen kannten keine Gnade: keine Stiefel - kein Schnee !

Im deutschen Goethe-Institut Hanoi lernen derzeit über 800 Vietnamesen unsere Sprache, gerade wurden acht weitere Lehrer eingestellt, die Nachfrage steigt im Lande, das zu den asiatischen Boomländern gehört. Die Jugend ist gut ausgebildet und mehrsprachig. Koreanische, japanische, chinesische, französische, amerikanische und immer mehr deutsche Firmen sehen Investions-Chancen. Auch der Bürokratie-Dschungel lichtet sich: Das Land ist merklich auf Wachstumskurs.

Überall wird in großen Dimensionen gebaut, Hanoi ist eine Mega-City mit rund 7 Mio Einwohnern. Faszinierend: Unbekümmertheit und Optimismus. Mancher hatte bei uns dieses Gefühl in den 60er und 70er Jahren im Westen oder nach dem Mauerfall, hier ist es mit Händen zu greifen. Während im gar nicht so alten Europa plötzlich vieles auf der Kippe zu stehen scheint, sortieren sich hier auf dem Boden und im Bewusstsein uralter Kultur Menschen und Märkte neu – auch emotional. Auch stolz.

Ausstellungen in Herne und Hanoi

Vietnams Kultur-Offensive hatte ihren neun Jahre vorbereiteten, erfolgreichen Start in Herne, bisher über 50.000 Besucher – die Ausstellung hier läuft noch bis zum 26. Februar 2017.

Ins Land selbst kamen 10 Millionen Touristen 2016, darunter viele aus unseren Gefilden. Neben berühmten Touristenzielen wie der atemberaubend schönen Halong-Bucht (das Weltnaturerbe ist auch Kulisse im neuen King-Kong) - interessieren sich auch immer mehr für die über 10.000 Jahre alte Kultur. Vietnam streift mit Macht sein doppeltes Kriegstrauma ab. Und zeigt seine "Schätze" auch zu Hause: Gleichzeitig zur Herner Ausstellung bei uns gibt´s im National-Museum der Hauptstadt die Mutter-Exhibition.

Vize-Direktor Nguyen Van Doan hat eigenhändig einige der Exponate ausgegraben, die nach Herne ausgeliehen wurden. Und war eng in die neunjährigen Ausstellungs-Vorbereitungen eingebunden. Ursprünglich waren 25 Museen aus ganz Vietnam beteiligt, die dann ausleihenden acht wurden vom National-Museum koordiniert.

Neun Jahre Vorbereitung?

Direktor Doan verschweigt mir auch Schwierigkeiten nicht: Im verflixten 7. Jahr gab´s den echten Tiefpunkt, alles schien umsonst. Weil Gesetze verboten, das unschätzbare Kulturelle Erbe außer Landes zu bringen. Doch manchmal geschehen Wunder: Auf höchster Regierungsebene wurde eine Sondererlaubnis für Herne erteilt, ein Sondergesetz beschlossen.

In Hanoi stehen nun teils Fotos und Repliken der nach Herne ausgeliehenen „Schätze der Archäologie Vietnams". Ihr vorübergehendes Fehlen wird mit einem lachenden und weinenden Auge akzeptiert, denn auch Vietnam profitiert von diesem Kulturaustausch: Deutschland ist führend in Restaurierungs-Techniken und bildet nun im Gegenzug vietnamesische Experten aus. Die berühmte Herner Präsentation des Archäologie-Museums, das Konzept überzeugte damals die Delegation, da wollen sie von den Deutschen gerne lernen.

Das Vertrauen hat seinen Grund unter der Erde, in der Kooperation mit dem Bonner Dt. Archäologischen Institut DAI: Seit über 20 Jahren werden unter Dr. Andreas Reinecke spektakuläre Funde im vietnamesischen Dschungel geborgen, er wurde deutscher Kurator der Ausstellung. Direktor Doan bedankt sich auch in diesem Interview herzlich für die ausgezeichnete Zusammenarbeit mit Andreas Reinecke. Und Josef Mühlenbrock vom Herner Museum, richten wir doch gerne aus, "wenn wir schon mal hier sind...".

Drache, Löwe, Phoenix, Schildkröte


Die Jahrtausende alte Geschichte Vietnams und die Mentalität seiner Menschen spiegelt sich in den vier heiligen Tieren Drache, Löwe, Phönix, Schildkröte: Aber im Gegensatz zu den Drachen oder Löwen Chinas sind die des südlicheren und kleineren Landes verspielter, lustiger und weniger furchteinflößend. Drachen verkörpern hier in der Landwirtschaft auch den Regen, das Wasser, die unbezähmbare Kraft von Unwettern. Für Macht und Stärke steht der Löwe, der Phönix-Vogel verkörpert Leichtigkeit und Kraft des Geistes. Die Schildkröte ist erdverbunden und steht für langes Leben und Weisheit. In der Ausstellung begegnen uns die heiligen Tiere auf ihrem Weg durch die Jahrtausende: Götter und Buddhas werden von ihnen beschützt und getragen. Sie bewachen Tempel und Gräber, deren kostbare Beigaben. Bald wird es Museumsführer neben Englisch und Französisch auch in unserer Sprache geben. Sie lernen sie schon, im Goethe-Institut!

"Wenn Sie mal nach Hanoi kommen"

Weitere Kultur-Tipps: Das Museum der Schönen Künste (nah zu Goethe), das unglaublich lebensechte Mönchs-Statuen aus dem 17. Jahrhundert und eine große Sammlung zeitgenössischer Malerei zeigt. Allein die Gebäude im Kolonialstil lohnen jeden Besuch. Nicht nur für Kinder spielt das Wasserpuppen-Theater am Hoan Kiem See. Dessen Insel-Pagode über die rote Holz-Brücke bei Nacht besonders schön beleuchtet zum Besuch einlädt. Der Literatur-Tempel. Die Handwerker-Straßen im alten Franzosen-Viertel zwischen See und St. Josephs-Kathedrale locken zum Stöbern: Traditionelles Kunsthandwerk, Schnitzereien, Schmuck und - massgeschneiderte Seidenkleider über Nacht. Die berühmte Pho-Nudelsuppe ist Kräuter-Kultur pur - ruhig in einem Straßenrestaurant, am besten da, wo man die Hanoier essen sieht. Oder die berühmten Nem-Frühlingsrollen. Dazu Kokosnuss-Saft mit Strohhalm frisch aus der Frucht ... ich hör mal auf.

Und wer noch Zeit für 2 Tage Ausflug zur Halong-Bucht hat - mit Übernachtung auf einem der vielen Kreuzfahrtschiffe mitten zwischen den Drachenfelsen, krönt seinen 15 Tage lang völlig visafreien (!) Vietnam-Besuch mit einem unvergesslichen Erlebnis. Was in Herne begann ... ab Frankfurt Main geht´s täglich mit Vietnam Airline nonstop nach Hanoi.

Allgemeine Infos:
Bis zum 30. Juni testen Vietnam und Deutschland weiter das Angebot an spontane Kurzurlauber und Pauschalreisende: 15 Tage visafrei – zwei Jahre gültiger Reisepass und Rückflugticket reichen, in 10 bis 13 Stunden mit nagelneuer Flotte. Die Visafreiheit soll fortgesetzt werden, Frau Binh hofft gar auf 30 Tage.
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2 Kommentare
Jens Steinmann aus Herne | 21.02.2017 | 13:09  
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Regine Hövel aus Dinslaken | 27.02.2017 | 18:17  
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